Es gab wirklich Schreckliches vor einigen Jahrzehnten

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Diese Reportage ist schockierend. Obwohl ich mich sehr mit dem Thema beschäftigt habe, wusste ich nicht, dass es derartige Gräuel in Kinderkurheimen in der Bundesrepublik gab.

Dagegen war ja das Groß Vitzeldorffer Kurheim in meinem Buch ein Paradies. Auch wenn nicht alles nach Wunsch war. Hier gab es gutes Essen, die Kinder wurden aber nie zum Essen gezwungen. Medizinische Behandlungen gab es nur streng nach ärztlichen Anweisungen. Niemals wurden Beruhigungsmittel verabreicht geschweige denn so etwas wie man es in diesem Video sieht, wo auf sadistische Weise willkürlich und völlig sinnlos Spritzen gegeben werden. So etwas hätte ich niemals für möglich gehalten.

Es ist wirklich absolut schockierend, dass so etwas in Deutschland nach dem 2. Weltkrieg geschehen ist. Es wird ja normalerweise immer betont, dass die DDR ein Unrechtsstaat war. Das beschreibe ich auch in meinem Buch. In diesem Fall der Kinderkuren aber war es im Westen offensichtlich noch viel schlimmer als im Osten.

Teil 1

Kapitel 1 Abreise

Johannes Bachmann fuhr an diesem Dezembermorgen wie immer mit seinem gelben Wartburg die drei Kilometer von Ganzlin nach Groß Vitzeldorff zur Arbeit. Die alte Pflasterstraße war seit Jahrzehnten in einem katastrophalen Zustand. Er versuchte, den größten Löchern auszuweichen, vergeblich. Alle zwei, drei Jahre brauchte das Auto neue Stoßdämpfer, aber was sollte man machen. Er hielt in Groß Vitzeldorff vor dem Schloss an und nahm seinen Stock, um die breite Treppe zur Eingangstür des Kinderkurheimes hoch zu gehen. Seit einem Motorradunfall vor über 30 Jahren konnte er seinen Oberkörper nicht mehr aufrichten und sah beim Gehen stets auf die Erde, auf seinen Stock gestützt.

Er betrat das kleine Büro, das er sich seit mehr als zwanzig Jahren mit dem Erziehungsleiter und stellvertretenden Chef des Kinderkurheims, Joachim Kahl, teilte, begrüßte ihn und setzte sich hin. Auf seinem Schreibtisch lag ein Stapel Zeitungen und die Post für das Dorf. Er nahm eine Zeitung und überflog die erste Seite. „Paul Verner ist gestorben“, murmelte er, „Flugzeugunglück bei Schönefeld.“

In diesem Moment sah eine Frau im weißen Kittel zur Tür herein: „Ich musste wieder für die 4 die Handtücher mit runternehmen, die sind einfach zu faul dazu!“. Schon war sie wieder verschwunden. Daraufhin holte Herr Kahl sein großes Notizbuch aus der Schublade und nahm unter dem heutigen Datum eine Eintragung vor.

Herr Bachmann nahm die Zeitungen und die Post, schlurfte langsam durch den Flur und ging dann mit dem Stock mühsam die Treppe hinunter zu seinem Auto. Er fuhr ein Stück die Dorfstraße hoch zum Konsum, neben dem die Postfächer für das ganze Dorf waren. Jeder der 90 Einwohner von Groß Vitzeldorff – mit Ausnahme seines Bürokollegen natürlich – musste seine Post hier aus dem Fach abholen. Es war eine Reihe von etwa 30 hohen, metallenen, verschließbaren Kästen. Er verteilte die Zeitungen und Briefe und stieg mühevoll wieder in seinen gelben Wartburg. So ein Auto war Luxus! Man musste 18 Jahre warten, um einen neuen Wartburg zu bekommen. Und er kostete 28000 Mark. Das war viel Geld! Nun, er hatte ja 18 Jahre Zeit gehabt, um darauf zu sparen. Ohne sein Auto wäre er in Ganzlin von der Welt abgeschnitten gewesen und hätte nicht mehr arbeiten können. Er hätte ja mit seiner Behinderung nicht gerade bei der LPG Steine sammeln können. Viel mehr gab es in Ganzlin jedoch nicht. Er lebte dort seit vielen Jahren allein in dem kleinen, alten Haus, das er von seinen Eltern geerbt hatte.

Als er gegen 10 Uhr wieder zurück zum Schloss kam, stand der erste der drei Busse vor der Tür, die heute erwartet wurden und die 150 Kinder nach Hause brachten, die vier Wochen lang hier zur Kur gewesen waren. Johannes Bachmann hörte, wie ein etwa zwölfjähriges Mädchen zu den anderen sagte: „Na endlich haben wir das hier überstanden. Ich kann es noch gar nicht glauben, dass ich heute Abend zu Hause bin! „. Eine andere antwortete: „Mich kriegt ganz bestimmt nieeee wieder jemand in den Kinderknast!“

Er ging wieder in sein Büro, wo sich Joachim Kahl gerade in die Zeitung vertieft hatte. Vor dem Schloss erschien der nächste Bus. Herr Kahl ging hinaus, um dem Fahrer zu sagen, dass er inzwischen im Mittelsaal frühstücken könnte, während die Erzieherinnen die Koffer in den Bus brachten und die Kinder verabschiedeten. Am Abreisetag lief, genau wie bei der Anreise, alles seit Jahren nach dem gleichen Schema ab. Das Kinderkurheim bestand seit neunundzwanzig Jahren. Die meisten Kollegen waren aus der Gegend und arbeiteten seit vielen Jahren hier. Da hatte man seine Routine und wusste aus Erfahrung, wie man das alles organisiert. In etwa einer Stunde würden alle Kinder weg sein. Danach wurde das gesamte Haus gereinigt.

Auch in der Küche bereitete man sich schon auf die große Reinigung vor, wie immer am Abreisetag. Die Köchin, Hanne Schneidewind, hantierte im Kühlraum, während Marina den letzten Abwasch erledigte. Danach musste alles desinfiziert werden, die Fliesen an den Wänden, die Schränke, der große Herd, die elektrischen Küchengeräte, der Fußboden. Das war eine Heidenarbeit, und um das zu schaffen, musste sich Marina erst mal einen Schluck aus der Flasche genehmigen. Es gab vier Küchenkräfte: die Köchin, eine Beiköchin und zwei Küchenhilfen. Sie kochten täglich für 180 Personen Mittag. Zum Frühstück und Abendessen waren 150 Kinder zu verpflegen. Aber zum Mittagessen kamen auch viele der eigenen Kollegen sowie die Arbeiter aus der nahe gelegenen Gärtnerei. Wenn am Schloss Renovierungsarbeiten durchgeführt wurden, also praktisch fast immer während der Sommermonate, kamen noch die Maler, Maurer oder Dachdecker dazu. Selbstverständlich konnten auch sie dann hier essen. Das war schon immer so üblich. Für 1,20 Mark bekam man ein richtig gutes Essen, und zwar mit so viel Nachschlag, wie man wollte. Besonders gut waren die Bouletten und die Hühnerkeulen! Ja, darauf war die Köchin stolz, und zu Recht. Einfach war es nicht, immer ein abwechslungsreiches Essen zu zaubern. Obst gab es im Winter nur wenig. Frisches Gemüse war auch knapp, obwohl das Kinderkurheim bevorzugt beliefert wurde. Die Küche befand sich im Keller unter dem großen Speisesaal, in dem an 24 quadratischen Tischen 90 Kinder und vier Erzieherinnen Platz fanden.

Gleich neben diesem großen Speisesaal war die Servierküche. Dort wurde das Serviergeschirr aufbewahrt, die bekannten Bahnhofstassen und -teller, die es in jedem Bahnhof, jeder Schule und jedem Krankenhaus gab. In riesigen Spülbecken wuschen die Frauen das Geschirr ab. Es gab einen kleinen, elektrisch betriebenen Fahrstuhl, der noch aus Vorkriegszeiten stammte. Damit wurden die Töpfe und Schüsseln hoch und runter gefahren.

Unten in der Küche hatte Marina den Abwasch geschafft und setzte sich an den großen Holztisch in der Ecke der Küche, stellte zwei Tassen gerade frisch gebrühten Kaffee darauf und rief laut nach der Köchin : „Hanne, Kaffee!“ Seit vier Uhr waren sie ununterbrochen auf den Beinen, hatten das Frühstück so wie immer vorbereitet und belegte Brote für die Heimreise der 150 Kinder gemacht, so wie immer am Abreisetag. Die Frauen in der Servierküche waren dafür zuständig, die Stullenbüchsen und Trinkflaschen, die gruppenweise aufbewahrt wurden, auf Sauberkeit zu kontrollieren und zu verteilen. Die Erzieherinnen füllten heißen Tee aus einem riesigen gusseisernen  Topf in die Trinkflaschen und versuchten, jedem Kind die richtige Flasche zu geben. Dabei passierte es auch heute, dass einige Kinder anfingen, am Tisch zu sprechen. In diesem Moment erschien – wie immer – Herr Kahl im Speisesaal und man hörte seine dröhnende Stimme:

„Auch wenn ihr heute nach Hause fahrt, ist das kein Grund,  alles zu vergessen, was ihr hier gelernt habt.“ Sofort herrschte absolute Stille.

Ein tadelnder Blick in Richtung der Erzieherinnen, und schon war er wieder verschwunden.

Na, das würde wieder Ärger geben in der nächsten Erzieherbesprechung. Zur ordnungsgemäßen Arbeit gehörte es, dass man bis zum letzten Tag alle Anweisungen strikt befolgte. Die Ruhe im Speisesaal war im Kinderkurheim Groß Vitzeldorff seit Jahrzehnten einer der wichtigsten Grundpfeiler der Erziehungsarbeit. Wieso konnten das einige immer noch nicht begreifen? Immer wieder kamen neue Erzieherinnen, die unfähig waren und sich einfach nicht durchsetzen konnten. Wer es nicht schaffte, hier im Speisesaal für Ruhe zu sorgen, der konnte auch sonst keine gute Arbeit leisten. Davon war Herr Kahl felsenfest überzeugt. Schließlich hatte er über zwanzig Jahre Erfahrung.

Inzwischen hatte Marina unten in der Küche die Hälfte der Fliesen mit Wofasept desinfiziert. Das Zeug stank abscheulich und die Hände brannten davon. Um das auszuhalten, hatte sie die Hälfte ihrer Flasche Elferschluck ebenfalls geschafft. Das war der billigste Klare, den es gab. Weil eine große Flasche nur 11 Mark kostete, hieß dieser Fusel Elferschluck. Man sah darüber hinweg, wenn sie während der Arbeitszeit manchmal trank, denn beim Arbeiten war Marina fleißig und muckte nie auf. Die beiden anderen Küchenkräfte waren froh, am Abreisetag frei zu haben, denn das war eine Schinderei.

Im Aufenthaltsraum der Reinigungskräfte roch es gut nach Kaffee. Hier hatte keine frei genommen, alle waren da. Keine war so dumm, heute frei zu nehmen, denn für sie waren An- und Abreisetage die reinste Erholung. Sie waren insgesamt fünf Vollzeitkräfte und eine Halbtagskraft, also 5,5 VBE. Seit 7 Uhr saßen sie hier und hatten sich noch nicht vom Fleck gerührt. Man konnte ja doch nichts machen, so lange noch Kinder im Haus waren. Dass die Kinder von jetzt an nicht mehr in den Keller gehen würden, weil sie nur noch auf die Busse warteten und im Speisesaal saßen, spielte keine Rolle. Der Keller war überhaupt der einzige Bereich, für den die Truppe zwischen den Kuren verantwortlich war.

Alles andere war Sache der Erzieher: Betten abziehen, Wäsche in den Keller bringen, die oberen beiden Stockwerke einschließlich Toilettenanlagen, die langen Flure und alle Treppen gründlich sauber machen. Die Spielsachen in den Gruppenräumen reinigen, sortieren, wenn nötig. Gardinen abnehmen und in die Waschküche bringen. Das war schon immer so gewesen. Schließlich konnten die fünfeinhalb  Reinigungskräfte ja nicht in der kurzen Zeit das ganze Haus allein reinigen. Und bevor man beginnen konnte, musste erst der letzte Bus mit Kindern weggefahren sein. Also hatte es keine Eile. Sie sprachen über das Flugzeugunglück und darüber, dass nun bald die „Neue aus Berlin“ kommen würde.

Berta Altmann, eine große, plumpe Frau Mitte vierzig mit rotem, ewig verpickeltem Gesicht und lauter Stimme, gab hier den Ton an. In der Parteiversammlung hatte sie erfahren, dass die Neue „Berlinverbot“ hatte und hierher geschickt wurde, um in einem vorbildlichen sozialistischen Kollektiv zu einem wertvollen Mitglied der sozialistischen Gesellschaft erzogen zu werden. Falls das nicht klappte, drohte ihr eine Gefängnisstrafe. Was sie da in Berlin angestellt hatte, durfte Berta nicht sagen, aber die Berlinersche hatte es faustdick hinter den Ohren, so viel stand fest. – In Wirklichkeit hatte Berta Altmann keine Ahnung, dass noch weit mehr in der Akte der Neuen stand. Parteisekretär war Herr Kahl. Er wusste, dass die Altmann alles herumerzählte, was sie in der Parteiversammlung hörte. Wahrscheinlich war sie überhaupt nur in die Partei eingetreten, um immer das Neueste zu erfahren. Aufgenommen hatte man sie nicht, weil sie etwa eine gute Arbeitskraft oder politisch zuverlässig gewesen wäre,  denn das war sie nicht, sondern wegen der Auflagen hinsichtlich der Zusammensetzung der Mitglieder der Sozialistischen Einheitspartei Deutschlands. In der Parteigruppe des Kinderkurheims waren außer ihr nur Erzieher und leitende Angestellte, das ging natürlich nicht. Die Arbeiterklasse musste unbedingt auch vertreten sein. Von den anderen Reinigungskräften und dem restlichen Hauspersonal wollte keiner Parteimitglied werden. Nicht, dass sie Staatsfeinde gewesen wären. Aber man musste dann auch Beitrag zahlen! So hatten sie Berta Altmann in die SED aufgenommen. Kahl war dagegen gewesen, aber das hatte leider nicht er zu entscheiden.

Nachmittags gegen vier Uhr war alles erledigt. Kinder alle abgeholt, Haus sauber, Küche auf Hochglanz. Herr Kahl rief noch einmal von der Eingangstür aus laut ins Innere des Schlosses: „Noch jemand da?“ und wartete einen Augenblick, dann schloss er die Tür zu. Kurpause. Erst in knapp zwei Wochen würden die nächsten Kurkinder anreisen, bis dahin war hier Ruhe. Nur die beiden Frauen in der Waschküche und Herr Bachmann arbeiteten auch in der Kurpause.

Am Abend gegen zehn Uhr wurde Leonhard Kowalski langsam unruhig. Seine Frau war immer noch nicht zu Hause. Sie hatte um vier schon Feierabend gehabt, und für den Weg vom Schloss nach Hause brauchte sie nicht mehr als fünf Minuten. Er sah im Stall nach, denn da hatte er sie schon einige Male gefunden, im Stroh, sternhagelvoll. Wo konnte sie bloß sein? Es war kalt draußen, heute Nacht würde es sicher Bodenfrost geben. Womöglich lag sie irgendwo und schlief ihren Rausch aus.

Er zog sich seinen Anorak an, nahm eine Taschenlampe und ging zum Schloss. Keine Paula. Er suchte im Park, hinter den Rhododendronbüschen, nichts. Er ging zur Gärtnerei,  sah hinter den Gewächshäusern nach. Dort war schon alles dunkel. Keine Spur von seiner Frau. Was tun? Er ging leise nach ihr rufend durch den Park – vergeblich. Er leuchtete mit der Taschenlampe in die alte Kirche. Nichts. So ging er wieder nach Hause. Um diese Uhrzeit konnte er gar nichts mehr unternehmen. Er war schon lange daran gewöhnt, seine Frau zu suchen, aber so spät abends war sie sonst längst wieder aufgetaucht. War sie etwa ins Nachbardorf gegangen? Es hatte keinen Sinn zu grübeln. Heute konnte er doch nichts mehr ausrichten.

Als Herr Bachmann am nächsten Morgen mit seinem gelben Wartburg zum Schloss fuhr, standen davor zwei Autos, eines, das er erwartet hatte, und ein zweites, das überraschend da stand. Das erste war das Postauto, das zweite die Polizei. Es war der ABV[i] aus dem Nachbarort Kleinow mit einem anderen Polizisten, den Bachmann nicht kannte. Er nahm sie mit in sein Büro, nachdem er so schnell es ihm möglich war, die Post in Empfang genommen hatte.

Sie setzten sich, und erst jetzt sah er ihre Gesichter, mit denen entschieden etwas nicht stimmte. Da sein Gewissen rein war, wurde er zwar besorgt und neugierig, aber nicht ängstlich. „Wir haben einige Fragen an Sie. Es geht um den Leiter des Kinderkurheimes, Herrn Schrottköter.“

Nun wurde Herr Bachmann aber wirklich sehr gespannt. Es ging also nicht wie sonst um irgendein gestohlenes Moped oder um einen weggelaufenen Russen aus der zwei Kilometer entfernten Kaserne zwischen Groß Vitzeldorff und Ganzlin. Klar, deshalb wären sie auch nicht extra zu zweit hierher gekommen. Was war nur los?

„Wissen Sie, ob Herr Schrottköter Angehörige hat? Außer Frau und Sohn?“

Jetzt konnte Herr Bachmann nicht mehr an sich halten. Er fragte direkt, was denn passiert sei.

„Wir dürfen eigentlich nicht -“ der Abschnittsbevollmächtigte aus dem Nachbardorf sah seinen Kollegen unsicher an, doch dann sagte er:

„Nun, unter diesen Umständen, also es wird ja doch bekannt werden, also können wir es Ihnen vielleicht auch sagen.“

Er holte tief Luft. „Herr Schrottköter, seine Frau und sein Sohn sind gestern bei einem Flugzeugunglück in der Nähe von Berlin -Schönefeld…“

Das Weitere hörte Herr Bachmann nur wie von ferne, er war erstarrt vor Entsetzen und konnte es kaum glauben. Er war kreideweiß geworden und sagte erst einmal nur: „Aber das ist doch nicht möglich. Sie kommen doch erst in einer Woche zurück.“

„Es gibt keinen Zweifel. Sie waren in dem Flugzeug. Ganz sicher.“ Natürlich war es keine Frage, ob sie in dem Flugzeug gewesen waren. Eine Aeroflotmaschine aus Minsk nach Schönefeld. Da war tausendprozentig genau bekannt, wer darin saß.

Schließlich brachte Herr Bachmann heraus:

„Wir müssen Herrn Kahl verständigen. Er wird sich um alles kümmern. Vielleicht weiß er, ob es Angehörige gibt.“

Er zeigte durch das Fenster zum Wohnheim, das in etwa fünfzig Meter Entfernung vom Schloss grau und schmutzig und riesengroß mit seiner abgeblätterten Fassade die Landschaft verschandelte. Dort wohnte Familie Kahl. Der ABV wusste schon Bescheid, er kannte Kahl natürlich. Er hatte ihn hier am Arbeitsplatz vermutet, da er nicht wusste, dass Kurpause war.

Die Polizisten ließen einen völlig schockierten Herrn Bachmann zurück, der sogar vergaß, dass er die Post austragen musste. Er sah von seinem Schreibtischsessel aus, wie die Polizisten in das Wohnheim eintraten. Dann saß er gedankenverloren da, ohne an Zeitungen, Post und Frühstück zu denken, bis sie nach einer Weile wieder heraus kamen. Es war unfassbar.

Der Chef des Kinderkurheims, ein Mann Mitte vierzig, erfolgreich, geachtet und gefürchtet, samt seiner Frau und dem 18-jährigen Adoptivsohn, alle von einem Moment zum anderen plötzlich tot, drei Leben einfach so ausgelöscht.

Als die zwei Polizisten zurückkamen, wurden sie von einem Mann angesprochen, der aus dem Dorf angerannt kam. Sie sprachen kurz mit ihm, dann nahmen sie ihn mit und fuhren davon. Der Mann war Leonhard Kowalski. Was war heute nur los? Schließlich besann sich Herr Bachmann nun doch auf seine Pflicht als Postbeamter und machte sich auf den Weg zu den Schließfächern. Er schloss sein Büro zu und schlurfte zur Eingangstür des Schlosses. Er hielt inne, aus dem Keller schien ein seltsames Geräusch zu kommen, das nicht hierher gehörte. Er konnte aber unmöglich mit seinem Stock die lange, schmale Kellertreppe hinuntergehen, um nachzusehen. Heute war ein merkwürdiger Tag.

Er schloss die große Eingangstür zu und quälte sich die Treppe hinunter, wobei ihn wie immer die um den Hals gehängte, baumelnde Posttasche mit den Zeitungen und Briefen behinderte.

Als er nach einer Viertelstunde zurückkam, war die große Eingangstür offen und er hörte Stimmen aus dem Keller. Hatte die Köchin etwas in der Küche vergessen? Sie besaß einen Schlüssel für den Keller, aber nicht für die Eingangstür. Sie konnte es also nicht sein. Da erkannte er eine der Stimmen und war sofort beruhigt. Es war Joachim Kahl, den er sagen hörte:

„Das wird Konsequenzen haben.“ Mit wem sprach er nur?

Jetzt erkannte er auch die Frauenstimme. Es war Paula Kowalski. Aber was machte sie im Keller? Alle außer ihm waren doch im Weihnachtsurlaub. Er schlurfte in sein Büro und merkte, dass er nun doch erst einmal frühstücken musste.

Kapitel 2

Hippel hat Stress

Zur gleichen Zeit saß in Berlin – Marzahn ein junges Mädchen von 19 Jahren im Büro des Herrn Gülzow, Bewährungshelfer für jugendliche Straftäter.

Sie war schlank, ja fast mager und dunkelhaarig. Sie sah verunsichert aus, verstand bei Weitem nicht alles, was er ihr sagte. Das Einzige, was zu ihr durchdrang, war die Tatsache, dass ihr das Sorgerecht für ihr Kind entzogen worden war.

Herr Gülzow sagte:

„Ihre Mutter, der Sie sehr dankbar sein müssen, hat sich bereit erklärt, für Ihren Sohn zu sorgen. Allerdings unter der Bedingung, dass Sie keinerlei Versuche unternehmen, mit ihr oder Ihrem Sohn Kontakt aufzunehmen, bis dieser volljährig ist. Wir halten das ebenfalls für die beste Lösung für alle.“

Nun verstand sie. Sie durfte ihr Kind nicht mehr sehen. Dass sie Berlinverbot bekommen sollte, wusste sie ja schon. Aber dass sie ihr das Kind wegnahmen!  Sie hatte ungewöhnlich lange widerstanden und die vorgelegten Adoptionspapiere nicht unterschrieben, trotz Drohungen, Schikanen und am Ende sogar Erfahrung mit der berüchtigten Nasszelle in Hoheneck. Sie hatte so viel erduldet deswegen! Was hatten sie nicht alles versucht, um sie mürbe zu machen. Erst als sie ihr ein Papier vorlegten, wonach die Großmutter das Kind adoptieren sollte, hatte sie nachgegeben in dem Glauben, dass sie selbst nach ihrer Haftentlassung wieder bei ihrer Mutter leben würde. Eine eigene Wohnung hatte sie ja nicht. Und nun hatte sie ihr Kind doch verloren. Sie war auf übelste Art und Weise betrogen worden.

Herr Gülzow gab ihr mehrere Dokumente, die sie unterschrieb, ohne im Mindesten zu verstehen, worum es ging. Sie konnte lesen, ja. Aber um das alles durchzulesen und zu verstehen, hätte sie eine Woche gebraucht. Sie hatte die Sonderschule besucht und lesen gelernt, aber es ging bei ihr sehr, sehr langsam. Lange Wörter konnte sie oft nur erraten, nicht lesen.

Sie hatte aber in diesem Moment weder die Kraft noch die Nerven, noch länger mit dem Bewährungshelfer hier zu sitzen und über diese ganze Sache zu diskutieren. Wahrscheinlich hätte er ihr nicht geglaubt, was sie erlebt hatte, niemand glaubte ihr noch etwas. Nach acht Monaten im Frauengefängnis Hoheneck wagte sie es nicht, irgendeine Frage zu stellen. Sie war verurteilt worden wegen „Beeinträchtigung des gesellschaftlichen Zusammenlebens der Bürger“ und „versuchter Körperverletzung“. Jetzt wollte sie einfach nur noch hier raus. Herr Gülzow sagte:

„Gemäß dem Urteil des Stadtbezirksgerichtes Lichtenberg wurde in Ihrem Fall auf eine Aufenthaltsbeschränkung und staatliche Kontroll- und Erziehungsaufsicht erkannt. Kurz gesagt, bedeutet das, Sie müssen sich an Ihrem neuen Arbeits- und Wohnort Groß Vitzeldorff bewähren. Sie dürfen in den nächsten fünf Jahren weder ihren Arbeitsplatz noch Ihren Wohnort wechseln. Sie wissen, dass Sie großes Glück haben, indem Sie diese großartige, neue Chance erhalten. In westlichen Ländern würde Ihnen eine solche Möglichkeit niemals geboten! Sie haben Lohn für Ihre Arbeit während des Strafvollzugs erhalten. Sie haben also ausreichende Mittel, um sich mit öffentlichen Verkehrsmitteln an Ihren neuen Wohnort zu begeben.

Ich wünsche Ihnen alles Gute für die Zukunft. Der Name Ihres neuen Wirkungskreises sollte ein gutes Omen sein: ‚ Heitere Aussicht!‘ Auf Wiedersehen!“

Sie hatte keine Ahnung, was ein Omen war. Sie verließ den Raum mit ihren Papieren in der Hand und ging einfach mechanisch zum nächsten Bahnhof. Das war der Bahnhof Marzahn. Sie fragte am Schalter nach einem Zug nach Großenau. Immer noch völlig benommen von all dem Gerede und überwältigt von dem Gefühl, nach Monaten wieder in Freiheit einfach so herumzulaufen, fand sie schließlich über Umwege den Bahnhof Berlin-Lichtenberg und stieg in den Zug nach Großenau. Bis Mitternacht hatte sie Berlin zu verlassen und durfte die Stadt in den nächsten zehn Jahren nicht betreten.

Und sie würde ihren Sohn nie wieder sehen. Nicht vor seinem 18. Geburtstag. Jetzt war er acht Monate alt.

Der ABV von Kleinow war heute voll im Stress. Zuerst diese Sache mit dem Heimleiter, der samt Familie bei dem furchtbaren Flugzeugunglück umgekommen war, ein gestohlenes Moped in Strehlow, dann die vermisste Paula Kowalski und jetzt rief ein Herr Gülzow aus Berlin an, weil eine jugendliche Herumtreiberin, ein negativ-feindliches Subjekt mit krimineller Vergangenheit, hier eintreffen und sich bis morgen Mittag hier melden sollte. Was sollte er denn nun zuerst machen? Gewöhnlich gab es in einer ganzen Woche nicht so viel zu tun wie an diesem Vormittag.

„Und wenn sie sich nicht meldet?“  –

„Dann rufen Sie mich an. Ich kümmere mich dann um alles Weitere. Aber sie wird den Weg schon finden. Es hätte schwere Konsequenzen für sie. Sie hat noch zwei Jahre Bewährung.“

Diese Sache mit der Berlinerschen war ihm schon angekündigt worden. Die würden sie im Kinderkurheim schon zurechtstutzen. Es war ja nicht die erste! Doch nun musste er diese Vermisstensache irgendwie regeln. Da die Frau erwachsen war, konnte er nach 20 Stunden Abwesenheit nicht viel machen. Außerdem kannte er die Paula Kowalski. Höchstwahrscheinlich lag sie irgendwo sternhagelvoll herum. Doch die Temperaturen lagen heute um den Gefrierpunkt. Da konnte leicht etwas passieren. Er rief seinen Vorgesetzten an, um sich für alle Fälle abzusichern.

Der meinte, da sollte man ruhig abwarten, das klärt sich schon auf. Man hielt sich ja an alle Dienstvorschriften, wenn man abwartete. ABV Hippel würde also keine Schuld treffen. Aber draußen im Flur saß Leonhard Kowalski, den er seit dreißig Jahren kannte, und sah irgendwie hilflos aus. Außerdem hatte er ihn von Groß Vitzeldorff mitgenommen, der musste ja wieder nach Hause! Er ging zu ihm, sagte: „Wir fahrn jetz ma zwischen de Dörfer umher un kieken, ob wa wat sehn!“

Daraufhin fuhr er mit Leonhard Kowalski wieder nach Groß Vitzeldorff zurück. Sie fuhren die Dorfstraße entlang runter zur Gärtnerei, wieder zurück und dann Richtung Konsum. Dabei fuhren sie am Haus von Leonhard vorbei und sahen, wie seine Frau im Garten Wäsche auf die Leine hängte.

ABV Hippel grinste und sagte nur „Na also!“ Dann hielt er an und ließ Leonhard aussteigen.

Dieser rief seiner Frau schon von weitem zu:

„Sag mal, wo warst du denn? Ich wollte schon eine Vermisstenanzeige machen!“

„Auf Arbeit war ick, wo denn sonst?“ – Und damit war die Sache für dieses Mal erledigt.

Am nächsten Tag hatten die Frauen mit ihren Handwagen vor dem Konsum ein Thema: Diesmal hatte sich Paula ausgerechnet vor der Kurpause im Suff im Heimkeller einschließen lassen. War wohl da auf der Toilette eingeschlafen und hatte glatt den Feierabend verpennt…

Der ehemalige Marstall war vor vielen Jahren zu einem Wohngebäude umgebaut worden. Auf einer Seite befanden sich sechs große Wohnungen mit eigenen Badezimmern und vier Einraumwohnungen ohne Bad sowie der Gemeinschaftsduschraum im Keller. In den Wohnungen lebten Familien von Angestellten des Kinderkurheims. Auf der anderen Seite befand sich das „Ledigenwohnheim“. Dort waren zwölf verschieden große Zimmer für jeweils ein bis zwei Angestellte, die Gemeinschaftsküche und zwei ziemlich primitive Waschräume mit den üblichen schmutzig gelben Fliesen, kaputten Waschbecken und verrosteten, schon vor Ewigkeiten gesprungenen und niemals erneuerten Spiegeln. Doch es war immer gut geheizt. Wenn die Bewohnerinnen des Ledigenwohnheimes – es waren im Moment nur Frauen – duschen wollten, dann mussten sie über den Hof zum anderen Teil des Gebäudes gehen. Im Duschraum war es allerdings im Winter ziemlich kalt.

In einer der größeren Wohnungen lebte die Wirtschaftsleiterin Dagmar Döring mit ihrer Familie. Die größere Tochter war bereits verheiratet und wohnte in einem der Nachbarorte, die kleinere  ging noch zur Schule. Frau Döring war knapp vierzig Jahre alt. Sie war klein und man nannte sie nicht grundlos „die dicke Döring“. Als junges Mädchen hatte sie sehr schönes Haar gehabt, doch schon seit Jahren war es so dünn, dass die Kopfhaut hindurch schimmerte. Familie Döring hatte als einzige im Dorf – außer dem Heimleiter und Kahl –  ein eigenes Telefon. Abgesehen vom Diensttelefon der Gärtnerei natürlich. Dieses Telefon in der Wohnung von Dörings war in Groß Vitzeldorp die öffentliche Telefonzelle. In sehr kleinen Orten war es oft so geregelt. Eine Telefonzelle hätte sich nicht gelohnt, dafür wurde der Familie ein Teil der Kosten erstattet. Wenn jemand telefonieren wollte, dann konnte er jederzeit hier klingeln und man musste ihn telefonieren lassen.

Dagmar Döring deckte den Kaffeetisch, so wie jeden Tag. In ein paar Minuten würde ihr Mann von der Arbeit kommen. Sie rief nach ihrer Tochter: „Sandra, willst du ein Stück Kuchen?“. Das Mädchen  kam ins Wohnzimmer und schaute nach, was für Kuchen es heute gab. Sie war dreizehn und achtete bereits auf ihre Linie. Sie wollte in der Schule nicht die „dicke Döring“ genannt werden! Es reichte, wenn alle ihre Mutter so nannten! Doch da bestand noch lange keine Gefahr, Sandra war weit davon entfernt, dick zu werden und sie hatte sehr schöne, blonde Naturlocken. Sie ging mit dem Sohn von Kniehases in eine Klasse, Harry, in den sie im Moment sehr verknallt war. Abends traf sich die Jugend von Groß Vitzeldorff regelmäßig an der „Bussi“. Das war ihr Jugendclub. Dieses Bushäuschen war etwa zwei Mal vier Meter groß und hatte innen eine hölzerne Sitzbank. An den Wänden prangten die Zeugen vergangener Leidenschaften: Ralf liebt Reni und Ähnliches mit den entsprechenden Herzchen und Pfeilen. Ab und zu trafen sie sich alle am Samstagvormittag und machten das Häuschen gründlich sauber. Natürlich rauchten sie abends in dem Bushäuschen. Für die Eltern war es beruhigend zu wissen, dass ihr Kind beziehungsweise Teenager nicht weit von zu Hause entfernt war.

Joachim Kahl saß mit seiner Frau zu Hause im Wohnzimmer und rührte gedankenverloren in seinem Kaffee. Die Nachricht, dass der Chef und seine Familie in der Unglücksmaschine gewesen und alle drei ums Leben gekommen waren, hatte sie heute völlig überrascht. Keiner hatte gewusst, dass die Familie im Ausland war. Sie hatten von einem Besuch bei Verwandten in Thüringen gesprochen. Das war doch merkwürdig. Wer würde denn nun Heimleiter werden? Er selbst wäre schon ein Kandidat für den Posten! Als Mitglied der Partei und stellvertretender Heimleiter – was läge da näher? In Wahrheit war er es doch seit Jahren, der sich um alles kümmerte.  Über den Posten zu entscheiden hatte der Bezirksarzt. Und das war ein komischer Kauz. Es war schwer, ihm etwas recht zu machen. Seine Anweisungen waren widersprüchlich.

Einerseits sollte die Kur der Gesundheit des Kindes dienen. Deshalb war es ja eine Kur. Andererseits war da der Erziehungsauftrag. Und die frühzeitig beginnende Erziehung zur allseitig entwickelten sozialistischen Persönlichkeit hatte absoluten Vorrang vor allem anderen! Denn was nützte der gesündeste Mensch, wenn er kein wertvolles Mitglied der Gesellschaft war und seine Kraft und all seine Fähigkeiten nicht für das Wohl des Volkes einsetzte?

Das, was jedoch verlangt wurde, eiserne Disziplin, absoluter Gehorsam, kein Abweichen von Vorschriften, war nur mit eiserner Strenge durchzusetzen. Kinder waren so. Er hatte schließlich über zwanzig Jahre Erfahrung. Sobald man freundlich mit ihnen sprach, glaubten sie, sie müssten sich nicht an die Regeln halten. Und Vorschrift war: In einem Kurheim hat stets absolute Ruhe und Ordnung zu herrschen. Ohne diese zwei Dinge ist keine Erholung möglich. Wenn sich die Kinder nicht erholten, war der Zweck der Kur verfehlt und sozialistisches Eigentum verschwendet. Das Eigentum des sozialistischen Staates, das dieser großzügig für die Gesundheit der heranwachsenden Generation zur Verfügung stellte, durfte nicht vergeudet werden, indem schlampig gearbeitet wurde! So deutete er für sich die strengen Regeln im Kurbetrieb, die vom Bezirksarzt vorgegeben wurden. Gerade heute Morgen hatte er wieder feststellen müssen, dass keine Ruhe während der Mahlzeiten herrschte. Das durfte nicht geduldet werden! In der nächsten Erzieherbesprechung würde es eine angemessene Auswertung geben. Er erfüllte seine Pflichten stets tadellos.

Ein weiterer wichtiger Punkt war, dass es unter keinen Umständen irgendwelche Unfälle geben durfte. Keine, die man vermeiden konnte. Das bedeutete zum Beispiel, wenn ein Kind im Beisein der Erzieherin von der Schaukel fiel und sich einen Arm brach, dann war das kein Problem. Schaukeln waren zum Schaukeln da, und Schaukeln war nicht verboten. Oder diese Sache kürzlich mit dem Jungen aus Gruppe zwei, der durch das Haus lief und nicht nach vorn sah. Dabei hatte er sich den Kopf so stark an dem Erste-Hilfe-Kasten gestoßen, dass er mit Gehirnerschütterung ins Krankenhaus eingeliefert werden musste. Das war auch in Ordnung. Alle Vorschriften waren eingehalten worden. Wenn aber ein Kind vom Baum fiel und sich einen Arm brach, war das ein Problem! Denn es war den Kindern hier nicht erlaubt, auf Bäume zu klettern. Die Erzieherinnen hatten dafür zu sorgen, dass dieses Verbot eingehalten wurde. Das war auch ein Grund dafür, dass sie die Kinder ständig zu beaufsichtigen hatten. Das galt nicht nur für die Vorschulgruppen, sondern auch für die „große Kur“. In den vier großen Gruppen waren abwechselnd Kinder im Alter von 8 bis 11 und von 12 bis 15 Jahren. Auch die 15-jährigen durften sich im Haus nicht allein bewegen. Alles wurde gemeinsam und nach strengen Regeln durchgeführt, angefangen beim Trockenbürsten am Morgen bis zur Nachtruhe um sieben Uhr abends. Daran war nicht zu rütteln. Dafür sorgte Joachim Kahl, er war sehr stolz darauf, dies alles konsequent durchzusetzen. 

Kapitel 3

Karla kommt an

Nachdem Karla, so hieß das unglückliche junge Mädchen aus Berlin, am Freitag mit dem Zug in der Kreisstadt Großenau angekommen war, hatte sie dort im Fahrkartenhäuschen nach dem nächsten Bus nach Groß Vitzeldorff gefragt. Der würde am Dienstagmittag fahren! Sie konnte es zuerst gar nicht glauben.  Die Fahrkartenverkäuferin riet ihr, mit dem Triebwagen nach Ganzlin zu fahren und dann den Rest zu Fuß zu gehen. Was war denn ein Triebwagen? Wie sollte sie sich hier jemals zurechtfinden? Außerdem musste sie sich bis Samstagmittag beim ABV in Kleinow melden. Eine weitere scheinbar unlösbare Aufgabe! Am liebsten hätte sie auf der Stelle losgeheult. Auf dem Bahnhofsvorplatz hing eine große Landkarte von Großenau und Umgebung. Aber sie hatte keine Ahnung,  wie man eine solche Landkarte lesen sollte.

Wo war nur dieses Kleinow? Wenn sie bis morgen Mittag nicht dort war, kam sie sofort für ein weiteres halbes Jahr nach Hoheneck. Diesen Ort und die dort verbrachten, schrecklichen Monate aber wollte sie am liebsten aus ihrem Gedächtnis streichen.

Als sie zwei Stunden später endlich im Triebwagen nach Ganzlin saß,  fiel ihr ein Stein vom Herzen. Ein blonder, etwa gleichaltriger junger Mann unterhielt sich lautstark mit einem sichtlich stark angetrunkenen, dicken Mann in Arbeitskleidung. Der junge Mann hatte eine komische bunte Hose an. Aus dem Gespräch der beiden erfuhr sie, dass er auch nach Groß Vitzeldorff wollte. Da überwand sie ihre Scheu  und fragte ihn, ob er ihr den Weg dorthin zeigen würde und er sagte freundlich: „Klar, ick wohne da. Kannst ja mitkommen.“

Es war für sie seit vielen Monaten das erste Mal, dass sie einen fremden Menschen angesprochen hatte. Ihr war ganz schlecht vor Aufregung. Außerdem hatte sie Hunger und Durst und war völlig erschöpft. Aber jedenfalls würde sie mit Hilfe des netten jungen Mannes dieses Groß Vitzeldorff erst einmal finden.

Die alte Pflasterstraße von Ganzlin nach Groß Vitzeldorff führte zwischen Feldern entlang. Es lag noch kein Schnee dieses Jahr, die Landschaft wirkte grau und trostlos. Auf der Straße waren überall große Schlammpfützen. Ein gelber Wartburg kam ihnen entgegen. Schlamm spritzte nach allen Seiten. Der junge Mann rief „Ach, Trödelbatz!“. Damit meinte er Herrn Bachmann, der gerade nach Hause fuhr.

Er ging ziemlich schnell, sie konnte kaum mithalten. Er war sehr wortkarg, sah sich aber ab und zu um, ob sie noch da war. Nach zwei Kilometern deutete er nach links und rief: „Da ist der Russenplatz!“

„Wie weit ist es denn noch?“, fragte Karla.

„Nicht mehr weit,  wir sind gleich da.“

Trotzdem hatten sie noch gut einen Kilometer zu gehen. Der Weg führte jetzt durch eine Kastanienallee. Endlich kamen die ersten Häuser in Sicht. Drei Häuser links, drei Häuser rechts, dann kam man auf die „Hauptstraße“.

Sie bogen nach rechts ab. Der junge Mann sagte: „Na denn. Ick bin Harald. „

Sie fragte: „Wo ist denn das Schloss?“

Er deutete in eine Richtung und verschwand im nächsten Augenblick in einem kleinen Wohnhaus mit kaputten Fenstern oben und einer ziemlich ramponierten Eingangstür. Sie ging weiter in die gewiesene Richtung. Links lag ein völlig verwilderter Park hinter einem schmiedeeisernen Zaun. Eine kleine, sehr schöne alte Kirche stand in dem Park. Alle Fenster waren kaputt. Aus der Dachrinne wuchs eine große Birke und reckte ihre kahlen Äste gen Himmel, als ob sie aus der Kirche heraus direkt zu Gott betete. Der Eingang zur Kirche war von hohem Unkraut überwuchert.

Nach hundert Metern tauchte endlich das Schloss auf. Da sollte sie sich melden. Jetzt wurde ihr wieder schlecht vor Aufregung. Wie würde man sie aufnehmen? Selbstverständlich  hatten sie längst ihre Kaderakte hier und wussten Bescheid.

Die breite Treppe und die riesige Eingangstür wirkten imposant. Sie ging die Treppe hoch und versuchte die Tür zu öffnen. War sie wirklich verschlossen oder hatte sie nur nicht genug Kraft sie zu öffnen? Hilflos schaute sie sich um. Herr Gülzow hatte gesagt, bis 21:00 Uhr wäre hier immer jemand da. Sie sollte einfach nach dem Heimleiter fragen. Was war denn hier los? Weit und breit war kein Mensch zu sehen. Wieder hätte sie am liebsten losgeheult. Sie hatte Hunger und Durst und außerdem taten ihre Füße weh! Da stand sie mit ihrer Tasche in der Hand. Die Tasche war nicht groß, doch darin befand sich alles, was sie auf dieser Welt besaß, außer einem großen Haufen schlechter Erfahrungen und quälender Erinnerungen.

An Geld waren ihr ungefähr zweihundert Mark geblieben, nachdem sie die Fahrkarten gekauft hatte. Zweihundert Mark für acht Monate Hölle. Die Arbeit an der Nähmaschine, für die sie den Lohn bekommen hatte, war das geringste Übel gewesen. Sie sah sich suchend um.

Vom Wohnheim aus war sie längst gesehen worden. Joachim Kahl hatte als stellvertretender Heimleiter heute Morgen einen Anruf aus Berlin bekommen. Er wusste aus ihrer Kaderakte bereits mehr über Karla Mahlkow, als diese sich vorstellen konnte. Er hatte sich auch ausgerechnet, wann sie in etwa hier eintreffen könnte. Sie hatte das mit dem Triebwagen also herausbekommen. Außerdem den Weg nach Groß Vitzeldorff gefunden. Ganz so unbedarft war sie also vielleicht doch nicht! Von seiner Wohnung aus konnte er die Vorderseite und die rechte Seite des Schlosses überblicken. Wie sie da so stand, hilflos um sich schauend mit der Tasche in der Hand, tat sie ihm plötzlich Leid. Er war streng und forderte täglich Undurchführbares von seinen Untergebenen. Aber er war kein Unmensch.

Er nahm den Topf mit dem Hühnerfutter, ging aus dem Haus heraus und dann in Richtung Hühnerstall. Mal sehen, was sie nun machte. Ob sie ihn ansprach?

Karla sah den Mann mit dem Topf in der Hand aus dem Haus kommen. Es war ihr mehr als unangenehm, aber ihr blieb nichts anderes übrig als hinzugehen und zu fragen. Wenigstens war ja hier ein Mensch aufgetaucht! Das ganze Dorf schien bisher völlig menschenleer. Herr Kahl tat so, als ob er überrascht wäre und nicht wüsste, wer da vor ihm steht. Er wollte es ihr nicht zu leicht machen! Natürlich hätte er sie nicht draußen übernachten lassen. Aber zu viel Nachsicht und Hilfe hatte sie auch nicht verdient. Er wusste, warum sie hierher geschickt wurde. Und Erziehung, das war seine Berufung! Sie sah allerdings ganz anders aus und benahm sich auch völlig anders, als er erwartet hatte.

Als sie nach dem Heimleiter fragte, schoss es ihm durch den Kopf, dass es hier im Moment keinen gab. Er konnte ihr aber unmöglich hier vor der Tür von dem schrecklichen Geschehen erzählen und sagte deshalb nur: „Ich vertrete den Heimleiter bis auf Weiteres. Kommen Sie mit.“ Er stellte den Topf mit dem Hühnerfutter auf ein Fensterbrett und ging zu seiner Wohnung. Dann kam er mit einem riesigen Schlüsselbund zurück und ging mit ihr in den anderen Teil des Gebäudes, das Ledigenwohnheim. Im ersten Stock befand sich ein langer Gang mit vielen Türen. Er schloss eine davon auf und sagte:

„Das ist ab heute Ihr Zimmer. Hier gegenüber sind zwei Waschräume, die Sie benutzen können.“ Das Zimmer war klein, aber sie bemerkte erleichtert, dass es komplett eingerichtet war. Schlafcouch, Tisch, zwei Stühle, ein großer Schrank, Stehlampe, Gardinen an den Fenstern. Sie hatte befürchtet, dass sie ein leeres Zimmer vorfinden und sich alles selbst besorgen müsste.

Kahl öffnete den Schrank und prüfte, ob Bettwäsche und Handtücher vorhanden wären. Für ihn gehörte das zur Pflichterfüllung, für Karla aber war es ein seltsames Gefühl, dass jemand um ihr Wohlergehen besorgt war. Sie wurde sich plötzlich dessen bewusst, dass sie hier schalten und walten konnte, ja dass sie kommen und gehen konnte, wie sie wollte und sie wurde so von Freude überwältigt, dass sie in Tränen ausbrach. Sie schluchzte und schluchzte. Nach diesem langen, beschwerlichen, von Ängsten erfüllten Tag hatte sie endlich ihr Ziel erreicht und würde sich ausruhen können. Herr Kahl deutete diesen tränenreichen Ausbruch völlig falsch und sagte: „Sie werden sich schon eingewöhnen. Es ist alles recht einfach, aber Sie können es ja noch ein bisschen verschönern.“

Da sagte Karla: „Es ist ja nur, weil ich so froh bin. Es ist so schön hier! Ich hatte noch nie ein eigenes Zimmer.“

Da war sogar Herr Kahl gerührt.

Dann zeigte er ihr die Gemeinschaftsküche. Das Linoleum war an einigen Stellen kaputt und die gemusterten Tapeten waren uralt. Die Möbel waren nicht modern, aber es gab eine Küchenzeile mit Kühlschrank und Elektroherd und allem, was man in einer Küche brauchte. Alles war sehr sauber und ordentlich. Das durfte sie auch alles benutzen! Nach diesem anstrengenden Tag voller Angst und Zweifel war sie jetzt so froh, dass sie trotz Hunger, Durst, Müdigkeit und ihrer schmerzenden Füße vor Freude überwältigt war.

Kahl fragte noch, ob sie etwas zu essen bei sich hätte. Sie verneinte. Er überlegte kurz, dann klopfte er an eine der Türen und rief laut: „Marina?“

Die Tür öffnete sich und eine kleine, blonde Frau um die 30 sah die beiden erstaunt an. Herr Kahl sagte: „Marina, das ist Fräulein Mahlkow. Sie wohnt ab heute in dem kleinen Zimmer. Sie ist gerade angekommen und hat keine Lebensmittel für das Wochenende. Kannst du da helfen?“

Marina antwortete sichtlich erfreut: „Klar doch, hat ja grade erst Geld gegeben! Kein Problem.“

Sie bekam noch den Auftrag, Fräulein Mahlkow auch den Duschraum, die Waschmaschine und den Wäschetrockenplatz zu zeigen, dann verabschiedete sich Herr Kahl von beiden.


[i] ABV – Abschnittsbevollmächtigter Volkspolizist mit Zuständigkeit für ein bestimmtes Wohngebiet.

Teil 2

Kapitel 4

Wo ist denn hier die Kaufhalle?

Eine weitere heikle Aufgabe hatte Joachim Kahl noch vor sich. Bis jetzt waren er, seine Frau und Johannes Bachmann die einzigen hier, die wussten, was mit dem Heimleiter und seiner Familie geschehen war. Seit gestern war Kurpause und somit konnte er offiziell erst Anfang Januar eine Belegschaftsvollversammlung einberufen, um allen Betriebsangehörigen die traurige Nachricht zu übermitteln. Viele junge Erzieherinnen waren heimgereist und nicht erreichbar. Einige der Angestellten aus dem Dorf waren zu Verwandten gefahren. 

Aber es gab eine Person, die es sofort erfahren musste. Andernfalls gäbe es später sicher Probleme.

Diese Person war Hannelore Oczynski. Jeder wusste, dass sie seit Jahren ein Verhältnis mit dem Chef hatte, aber keiner hätte es gewagt, offen darüber zu sprechen. Kahl musste es ihr sagen, so unangenehm das war. Er hatte sich seit Jahren daran gewöhnt, sehr gut zu überlegen, bevor er etwas sagte. Viele waren so dumm, sich ständig Schwierigkeiten einzuhandeln, nur weil sie den Mund nicht halten konnten. Besonders in dienstlichen Angelegenheiten durfte er oft nicht alles ausposaunen, was er wusste. Hippel hatte ausdrücklich gesagt, dass er diese Information nicht weiter geben dürfte. Dazu kam in diesem Fall, dass er selbst vor vielen Jahren, als sie alle noch sehr jung waren, ebenfalls eine kurze Affäre mit Hannelore gehabt hatte. Seine Frau wusste das. Er aber wusste nicht so genau, inwieweit Maria ihm inzwischen wieder vertraute. Wenn er nun allein zu Hannelore Oczynski ging, – und das konnte er in diesem Fall sicher nicht in drei Minuten erledigen – könnte das unerfreuliche Verwicklungen geben. Darauf hatte er eine Woche vor Weihnachten absolut keine Lust. Er überlegte die ganze Zeit, was er tun sollte. Dann wartete er einen ruhigen Moment ab und sagte zu seiner Frau: „Was meinst du, ich denke, wir müssen Hannelore sofort informieren. Wie machen wir denn das am besten? Ich glaube, sie fährt morgen zu ihren Eltern.“ Er überlegte. „Oder sagen wir es lieber erst nach Weihnachten?“

Es war eine vertrackte Situation. Selbstverständlich musste sie informiert werden. Hannelore war eine der Erzieherinnen, seit 27 Jahren im Betrieb, Genossin. Schon deshalb hatte sie eine gewisse Sonderstellung. Sie war eine der dienstältesten Mitarbeiter.

„Ich denke, wir müssen es ihr sagen. Ich gehe und lade sie auf einen Kaffee ein.“ sagte Frau Kahl.

„Und wir müssen doch auch alle anderen Kollegen, die hier im Ort wohnen, informieren, oder? Das müsste doch von oben irgendwie geregelt werden. Bis jetzt weiß man praktisch nichts über die näheren Umstände des Unglücks. Offiziell wissen wir nur, dass Schrottköter ums Leben gekommen ist. Dass sie alle drei in dem Flugzeug waren, hat Hippel uns nur gesagt, weil er uns kennt! In den Nachrichten kommt ja bis heute so gut wie nichts. Und es ist auch seltsam, dass wir denken sollten, sie wären in Thüringen!“ Es wurmte ihn sehr, dass der Chef ihn nicht eingeweiht hatte.

Marina und Karla hatten es sich in der Küche gemütlich gemacht. Karla hatte nach diesem endlosen, zermürbenden Tag mit Aufstehen um 4:00 Uhr, Formalitäten der Haftentlassung, Überführung vom Frauengefängnis Hoheneck nach Berlin, zweistündigem Gespräch mit Herrn Gülzow, Bahnfahrt von Berlin nach Großenau, von Großenau nach Ganzlin, dann Fußmarsch nach Groß Vitzeldorff außer schmerzenden Füßen auch Hunger und Durst. Seit fünf Uhr morgens hatte sie so gut wie nichts gegessen. In Berlin hatte sie sich am Bahnhof eine Flasche Club-Cola und eine Bockwurst gekauft. Seitdem hatte sie nichts mehr in den Magen bekommen. Das Schlimmste waren jedoch die ersten zwei Stunden dieses Tages gewesen. Hunger hatte sie da noch nicht , aber es gab weit Schlimmeres als Hunger. Zum Beispiel eine Untersuchung anlässlich der Haftentlassung aus dem Frauengefängnis Hoheneck. Das wusste sie bereits mit ihren neunzehneinhalb Jahren. So wie vieles andere, von dem die meisten DDR-Bürger und auch sonst die meisten Menschen ihres Alters, egal in welchem Land dieser Welt, glücklicherweise nichts ahnten.

Jetzt aber, nachdem sie beide gegessen hatten, fühlte sie sich seit langer Zeit zum ersten Mal richtig gut. Marina hatte Bratkartoffeln mit Spiegeleiern gemacht. Das war das beste Essen, das Karla seit acht Monaten bekommen hatte. Selbstverständlich konnte Marina gut kochen. Sie arbeitete schon elf Jahre hier in der Küche des Kinderkurheims. Alles, was es hier regelmäßig  gab, konnte sie perfekt kochen.

Marina hatte aus ihrem Zimmer eine Flasche Elferschluck geholt.

Sie stellte zwei Gläser auf den Küchentisch und forderte Karla auf, mit ihr auf gute Freundschaft anzustoßen. Nun, das konnte sie jetzt nicht ablehnen, aber es gefiel ihr nicht. Die schlimmsten Erinnerungen ihres jungen Lebens hatte sie in Verbindung mit Alkohol erleben müssen, den andere tranken. Sie selbst trank nur mit, um kein Spielverderber zu sein.

„Jetzt ist erst mal Kurpause“, sagte Marina. „Vor Januar wird hier nicht gearbeitet. Drum ist auch keiner weiter hier außer uns. Die sind alle nach Hause gefahren. Zu ihren Leuten eben. Das Gute ist, dass wir die Küche jetzt für uns haben. Aber hier in dem Nest ist absolut nichts los. Gar nichts! Da kannst du bloß sitzen und Elferschluck trinken. Und Fernsehen gucken. Das ist alles. Hier haben wir ja wenigstens auch Westfernsehen, aber erst seit zwei oder drei Jahren, davor war das streng verboten. Drüben im Heim ist es immer noch nicht erlaubt. Da kommt nur DDR 1 und 2, weiter nichts.

Die Erzieher bilden sich ganz schön was ein, die meisten jedenfalls. Die sind eben was Besseres als wir von der Küche und vom Bohnerbesengeschwader. Besonders die Oszynski und die Neubert. Grade die! Die Neubert macht nie irgendwas mit den Kindern, gar nichts. Da kannste jeden fragen. Nur rumbrüllen, aber die ist immer bei den Besten. Ich verstehe das nicht. Frag mal Mutti Wendtland, die ist schon immer hier, seit es das Heim gibt. Früher war hier manches anders. Manches war besser, und manches war schlechter. Aber los war hier noch nie was. Sagt Mutti. Mutti ist in Ordnung. Die arbeitet in der Servierküche.“

Inzwischen hatte Marina immer wieder von dem Elferschluck getrunken. Das Sprechen fiel ihr immer schwerer. Außerdem verschluckte sie sich laufend und bekam dann Hustenanfälle, die Minuten lang andauerten. Karla fand es schade, dass sie wieder nur einen Gesprächspartner fand, der ein vom Alkohol benebeltes Gehirn hatte. Sie hätte so gerne jemanden gehabt, mit dem man sich ganz normal unterhalten könnte.

Marina erzählte stockend weiter, vom Heimleiter Schrottköter, der nur mit dem Schlüsselbund zu klappern brauchte und alle sprangen, vom Kraftfahrer Herbert Dreier, der kaum jemals nüchtern wurde und tagein, tagaus die Dorfkinder in die Kinderkombination im benachbarten Kleinow fuhr, von Dr. Friedrich, der hier alle behandelte, vom Hausmeister, der wegziehen wollte, weil er eine hübsche Frau hatte und eifersüchtig war und noch vieles mehr.

Schließlich sagte Karla: „Morgen früh muss ich gleich los und etwas zu essen und zu trinken einkaufen. Dann lade ich dich mal zum Essen ein!“

Marina machte große Augen. „Morgen? Morgen ist doch Sonnabend!“

Karla verstand nicht. „Ich stelle mir den Wecker, dann schaffe ich das bis zwölf! Wo ist hier eigentlich die Kaufhalle?“

Marina lachte.

„Hier gibt’s doch keine Kaufhalle! Der Konsum hat sonnabends zu. Du bist doch heute dran vorbei gegangen. Vor Montag kriegst du hier gar nichts. Macht aber nichts. Ich habe genug für uns beide. Es war noch so viel übrig gestern, das schmeißen wir sonst nur weg, oder es kriegen Kahls Hühner. Da nehme ich es lieber für mich mit.“

Im anderen Teil des Wohnheims saßen drei zusammen an einem Tisch. Hannelore Oczynski war der Einladung zum Kaffee gefolgt und war etwas verunsichert, weil sie spürte, dass etwas in der Luft lag. Sie war, das musste man so sagen, eine imposante Erscheinung. In jungen Jahren war sie gertenschlank gewesen, doch dann hatte sie Jahr um Jahr einige Pfunde zugelegt und war inzwischen zu einer beträchtlichen Leibesfülle gelangt. Das rabenschwarz gefärbte Haar war zu einer auffallenden, kunstvollen Hochfrisur aufgetürmt. Man sah sie niemals ungeschminkt und niemals in Hosen, nicht einmal bei Wanderungen durch den tiefsten Morast. Sie schaffte es, immer gepflegt auszusehen. Und sie trug nicht irgendwelche Kleidung, das hätte sie nie getan! Sie verdiente ja gut und konnte es sich leisten, mit ihrem himmelblauen Trabant in die Bezirksstadt zu fahren und im Exquisit totschicke Blusen, Röcke und Kleider zu kaufen. Darin sah sie trotz ihrer Fülle immer sehr vorteilhaft aus. Alles in allem einfach imposant. Keiner, der sie zum ersten Mal sah, konnte gleich wieder wegsehen.

Nun saß sie also, wie gewohnt perfekt geschminkt und frisiert, bei Familie Kahl im Wohnzimmer und hatte nicht die leiseste Ahnung, worum es ging. Doch nicht etwa die alte Geschichte von damals? Als Kahl zum Sprechen ansetzte und nicht mehr herausbrachte als „Der Chef und seine Familie.“ und dann nicht weiter sprechen konnte, war die Spannung kaum zu ertragen. Frau Kahl sagte stockend: „Da war doch vorgestern das Flugzeugunglück in Berlin – Schönefeld. Gestern Nachmittag kam Hippel mit einem Kollegen und hat Joachim darüber informiert, dass sie alle drei…“ ganz leise fuhr sie fort „…tot sind.“

Hannelore Oczynski war nicht leicht zu schockieren. Sie nahm die Dinge, wie sie nun mal waren. Aber jetzt war sie erst einmal sprachlos, unfähig, das Unfassbare zu erfassen.

Nun fuhr Joachim Kahl fort:

„Wir sagen dir das inoffiziell. Eigentlich habe ich noch keine Anweisung, die Schreckensnachricht weiterzugeben. Maria und ich waren uns aber darüber einig, dass du es sofort erfahren musst. Behalte es vorläufig für dich. Ich weiß nicht, wie es jetzt weiter geht. Ich kann vorerst nicht mehr tun als abwarten.“

Eine Weile saßen sie schweigend da, jeder seinen eigenen Gedanken nachhängend. Es war fast, als wäre der Chef anwesend und könnte sie beobachten. Kurze Zeit später verabschiedete sich Fräulein Oczynski und ging in ihre eigene, kleine Wohnung zurück. Sie konnte es noch nicht ganz begreifen. Auch ihr hatte Schrottköter die Lüge von dem Verwandtenbesuch in Thüringen erzählt. Dabei wusste er doch, dass sie den Mund hielt, wenn es darauf ankam.

Sie hatte sich so auf Weihnachten gefreut, zusammen mit Eltern, Schwestern, Nichten und Neffen! Es war immer der Höhepunkt des Jahres, wenn sich alle im Elternhaus unter dem Weihnachtsbaum versammelten und die Kinder ihre Geschenke bekamen.

Dieses Mal musste sie Fröhlichkeit vortäuschen, obwohl sie im Inneren trauerte. Niemals, niemals durfte jemand aus ihrer Familie von ihrer Beziehung zu dem Chef des Kinderkurheims erfahren! Sie waren eine sehr ehrbare Familie und legten Wert auf einen makellosen Ruf. Sie begann, ihre Sachen für morgen einzupacken. Gegen Mittag wollte sie nach Grünow zu den Eltern fahren. Sie lag die ganze Nacht wach und konnte nicht einschlafen.

Auch Herr Kahl grübelte noch lange in dieser Nacht, Vieles ging ihm durch den Kopf. Die große, alles beherrschende Frage war jedoch: Hatte er jetzt die Chance, Heimleiter zu werden? Das war immer schon sein heimlicher, großer Traum gewesen. Er hielt sich außerdem für weitaus geeigneter als die drei Heimleiter, die das Kurheim seit der Eröffnung im Jahre 1959 hatte. Der erste war zu alt, der zweite war zu jung und hatte außerdem keine Ahnung von einem Kurbetrieb, Schrottköter konnte nicht mit dem Personal umgehen und war zu schwerfällig. Er dachte daran, was er alles besser machen würde…

In der Gemeinschaftsküche war Marina inzwischen am Tisch eingeschlafen, nachdem sie die Hälfte der Flasche getrunken hatte. Auch sie war ja seit vier Uhr morgens auf den Beinen. Karla war selbst todmüde, versuchte aber, sie wach zu bekommen, damit sie in ihr Zimmer gehen und dort schlafen konnte. Sie räumte die Küche auf und wusste nicht recht, was sie nun machen sollte. Sie wollte sie nicht einfach so hier schlafend zurücklassen.

Da hörte sie Schritte näher kommen. 

Eine große, kräftige Frau um die dreißig kam herein und sagte erstaunt: „Tach! Wer bist du denn? “ Es war die Köchin, Hanne Schneidewind, die gern abends noch eine Weile mit ihrer Kollegin hier in der Küche saß. Sie war ledig und hatte im anderen Gebäudeteil eine kleine Wohnung ohne Bad.

Karla sagte: „Ich arbeite jetzt im Kinderkurheim. Das kleine Zimmer hinten ist dann meins. Ich bin Karla.“

Die Köchin reichte ihr die Hand.

„Na dann herzlich willkommen, Karla! Ich bin die Köchin. Hanne Schneidewind. Fängst du bei den Erziehern an? Da sind ja laufend neue! Aber wieso kommst du denn in der Kurpause? Du hättest lieber erst nächste Woche kommen sollen. Dieses Jahr geht hier keiner mehr arbeiten.“

„Ich bin aus Berlin. Ich konnte da nicht mehr bleiben. Mich haben sie hierher geschickt, ich darf nicht mehr nach Berlin.“

Es hat keinen Sinn zu lügen, dachte Karla, es kommt sowieso heraus.

„Ach du Scheiße“, entfuhr es Hanne, aber es klang eher mitleidig als vorwurfsvoll.

Karla sagte: „Ja. Ich hab Scheiße gebaut in Berlin. Aber nicht geklaut oder so. So was mach ich nicht.“

„Na ja, wenn der Schluck schon hier auf dem Tisch steht, dann können wir uns auch einen genehmigen!“ sagte Hanne, nahm noch ein Glas aus dem Schrank und goss es für sich ein. Von den zwei Gläsern, die auf dem Tisch standen, war eines voll, und das war todsicher nicht Marinas Glas.

Sie stießen auf gute Freundschaft an. Dann sagte Hanne: „Du bist ja todmüde. Geh mal schlafen. Mir tut auch schon wieder das Kreuz so weh, dass ich kaum sitzen kann. Lass Marina ruhig hier sitzen, das macht die öfter so.“

Da war Karla froh, endlich ins Bett zu kommen. Sie schlief tief und fest bis zum nächsten Morgen. Was niemand vermutet hätte: Ihr Gewissen war absolut rein.

Am nächsten Morgen brachte das Postauto einen dicken Einschreibebrief nach Groß Vitzeldorff, der an den Heimleiter adressiert war. Den konnte Bachmann nicht einfach hier auf dem Schreibtisch des Chefs liegen lassen wie sonst, da es ja keinen Chef mehr gab. Außerdem brauchte er eine eigenhändige Unterschrift. Der Brief war in Hoheneck abgestempelt. Dort war bekanntermaßen das berüchtigte Frauengefängnis der DDR für die ganz schweren Fälle und die politischen. So wie Bautzen II etwa. Man sah es dem Brief regelrecht an, dass er keine Weihnachtskarte enthielt! Johannes Bachmann fuhr mit seinem gelben Wartburg die fünfzig Meter rüber zum Wohnheim und klingelte bei Familie Kahl. Seit zwanzig Jahren saßen er und Kahl Tag für Tag in dem kleinen Büroraum neben dem Arztzimmer zusammen. Da sie dienstlich nie direkt miteinander zu tun hatten – Kahl war für die Erzieher zuständig, Bachmann arbeitete zwei Stunden täglich für die Post und zwei Stunden lang war er der Buchhalter des Kinderkurheims, der nur dem Heimleiter unterstand – war es zwischen beiden niemals zu irgendwelchen Spannungen gekommen. Sie kamen gut miteinander aus. Beide waren für Ordnung. Privat hatten sie jedoch nie miteinander zu tun gehabt. Keiner war je in der Wohnung des anderen gewesen. Heute aber bat Kahl seinen Kollegen ins Wohnzimmer.

Bachmann wusste ja von der Sache mit dem Unglück. Also war hier jemand, mit dem man sich darüber unterhalten konnte. Jemand, der die Dinge stets nüchtern betrachtete. Und, was das Wichtigste war: jemand, der genauestens über alle Angelegenheiten des Kinderkurheims Bescheid wusste und trotzdem in der Lage war, die Dinge völlig objektiv zu betrachten, weil er kein Eigeninteresse an all dem hatte. Seit langem schon wollte Bachmann die zwei Stunden Buchhaltung abgeben. Er hatte ja seine Invalidenrente und die Post, das genügte.

Johannes Bachmann quälte sich die Treppe hinauf und setzte sich in Kahls Wohnzimmer. Frau Kahl brachte ein Tablett mit Kaffeetassen herein. Bachmann sah sich um. Das Wohnzimmer der Familie Kahl sah aus wie jedes andere Wohnzimmer gut verdienender Leute: Anbauwand „Kompliment“, auf die man drei Jahre warten musste, Doppelbettcouch „Dagmar“ für 950 Mark, drei Sessel, Hubtisch, Farbfernseher „Colormat“ für 4300 Mark. Kahl öffnete den Einschreibebrief, überflog die erste Seite und sagte: „Ach, das geht um die Karla Mahlkow. Das hat erst mal Zeit! Im Moment haben wir ganz andere Sorgen.“ Er sah Bachmann an.

„Du weißt ja, was passiert ist. Bisher sind wir die einzigen, die überhaupt etwas wissen. Und jetzt ist die lange Kurpause.“ Er schüttelte den Kopf und hob die Schultern. „Ich warte auf eine Anweisung. Aber da kommt einfach nichts! Ich kann doch nicht eigenmächtig Informationen weitergeben, ohne dazu beauftragt zu sein! Man will sich ja nicht in die Nesseln setzen. Andererseits – es muss ja demnächst… nun, ich will sagen, sie müssen ja beigesetzt werden, und dann MUSS man doch kurzfristig alle Kollegen informieren! Ich will nicht daran schuld sein, wenn da irgendwas schiefgeht.“

Bachmann war kein Parteimitglied, aber einer der dienstältesten Kollegen. Er dachte nach. Dabei sah er in seine Kaffeetasse und schüttelte ab und zu den Kopf. Nach einer Weile sagte er schließlich:

„Hier kann man nicht pauschal entscheiden. Ich würde mir eine Liste aller 42 Kollegen machen und dann überlegen, wie ich mit jedem einzelnen verfahre. Drei sind ja schon abgearbeitet! Ihr zwei und ich.“

Die Idee war gut. 

Sofort nahm Kahl einen Schreibblock und begann.

„Also erst mal die Erzieher. Da wären Lindemann, Neubert, …Er ging alle Kollegen durch. Die einen waren nicht erreichbar, die anderen wohnten hier und konnten bei Bedarf innerhalb einer Stunde  informiert werden. Er fuhr fort, bis nur noch zwei fehlten.

Der Heimleiter und seine Frau. Die konnte er auch streichen.

Jetzt fühlte er sich wohler. Durch diese einfache Methode aus dem Kopf eines Buchhalters hatte er eine Lösung gefunden, die ihn vorerst beruhigte. Er musste im Moment gar nichts unternehmen.

Kapitel 5

Alltag im Dorf

Als Karla um neun Uhr wach wurde, schien die Sonne zum Fenster herein. Sie sah sich in ihrem kleinen Zimmer um. Sie hatte nicht geträumt! Sie war wirklich hier, in Freiheit, konnte aus dem Haus gehen, wann sie wollte, essen, was sie wollte, anziehen, was sie wollte! Obwohl es nicht viel war, was sie in ihrer kleinen Tasche mitgebracht hatte. Sie besaß nur ein einziges Paar Schuhe. Der Winter stand bevor, sie würde sich unbedingt ein Paar Stiefel kaufen müssen. Gleich am nächsten Dienstag wollte sie mit dem Bus in die Stadt fahren, nach Großenau. Es war die einzige Busverbindung, die es gab, und es fuhr jeweils dienstags und freitags früh um halb acht ein Bus. Mittags musste man um halb zwölf wieder am Bahnhof sein, denn es gab auch nur einen einzigen Bus zurück. Wenn jemand Zahnschmerzen hatte und dann erst in vier Wochen mal an einem Dienstag oder Freitag frei hatte, dann war das sein Problem. Wenn man einen Allgemeinmediziner brauchte, dann setzte man sich am Donnerstagnachmittag in den Gang vor dem Arztzimmer im Schloss und wartete einfach. Dann kam Dr. Friedrich wegen der Heimkinder. Gleichzeitig behandelte er auch alle aus dem Dorf.  Das alles hatte sie gestern Abend von Marina erfahren. Wenn sie daran dachte, einfach so mit dem Bus nach Großenau zu fahren und durch die Stadt zu spazieren! Das waren herrliche Aussichten.

Sie musste zwar sparsam sein mit ihren 200 Mark. Aber sie würde ja bald wieder Geld verdienen.

Und sie würde zu Weihnachten nicht ganz allein in ihrem Zimmer sitzen. Marina hatte gestern nach einigen Gläsern gesagt: „Mensch, dann bin ich ja Weihnachten gar nicht alleine hier! Die sind ja alle weg, alle nach Hause gefahren. Ich war sonst immer ganz alleine hier! Da machen wir es uns richtig gemütlich!“

Hoffentlich war das gestern eine Ausnahme mit dem Elferschluck. Es wäre schön, eine Freundin zu haben. Doch allein der Geruch des Klaren ließ bei Karla die schlimmsten Erinnerungen aufsteigen. Sie zog sich an und ging in die Gemeinschaftsküche. Trotz der Temperatur um null Grad draußen war es überall im Haus warm. An Heizung sparte man hier nicht. In Schloss Hoheneck war es kalt und zugig gewesen. Sie hatte fast immer gefroren. Äußerlich und innerlich.

Marina war wohl noch nicht aufgestanden. Auf dem Tisch standen die drei Gläser von gestern Abend, die Flasche war jedoch verschwunden. Karla räumte die Gläser vom Tisch. Dann ging sie zurück in ihr Zimmer, zog sich ihren Mantel an und ging die Treppe hinunter. Da fiel ihr schlagartig ein, dass sie sich ja bis mittags in Kleinow bei dem ABV melden musste! Wieder wurde ihr ganz schlecht und ihr Herz fing an zu rasen. Wen konnte sie fragen?  Es war erst 9:00 Uhr. Dieses Kleinow sollte dreieinhalb Kilometer entfernt sein. Das war zu schaffen, wenn sie nur den Weg fand. Sie ging aus dem Haus und sah sich um. In welche Richtung sollte sie gehen? Nun fing es auch noch an zu nieseln. Es war kalt, nass und ungemütlich. 

Da kam glücklicherweise Herr Kahl gerade vom Hühnerstall und grüßte sie freundlich. Sie fragte: „Können Sie mir sagen, wie ich nach Kleinow komme? Ich muss mich heute Mittag dort beim ABV melden und weiß nicht, wie ich da hinkommen soll.“

Er dachte kurz nach. Über all der Aufregung hatte er das ganz vergessen. Hier war eine Möglichkeit, mit wenig Mühe etwas Gutes zu tun und gleichzeitig dem ABV einen Dienst zu erweisen, was nie von Nachteil sein würde. 

„Kommen Sie gleich mal mit.“

Mit einem kurzen Anruf bei Hippel war die Sache erledigt, was Karla einen Fußweg von dreieinhalb Kilometer hin und zurück sowie ein äußerst peinliches Gespräch ersparte. Der Tag war gerettet! Sie war Herrn Kahl wirklich sehr, sehr dankbar dafür.

Nun wollte sie einfach die Straße entlang gehen. Eigentlich war sie erst in diesem Augenblick richtig frei, denn seit ihrer Entlassung gestern um 6:00 Uhr morgens war sie zwar offiziell in Freiheit , aber sie hatte keine andere Wahl gehabt als sich nach Groß Vitzeldorff durchzuschlagen, was den ganzen Tag gedauert hatte und unendlich anstrengend für sie gewesen war. 

Sie atmete tief durch und ging am Schloss vorbei in den völlig verwilderten Park. Sie sah ein verrostetes Klettergerüst, ein Gestell für Schaukeln und eine Wippe. Das war dann wohl der Spielplatz für die Kurkinder. Man sah, dass hier viele Füße ihre Spuren hinterlassen hatten, das hohe Gras war ganz niedergetrampelt. Sie folgte dem Weg und kam an einen Maschendrahtzaun, der an vielen Stellen kaputt, ja fast nicht mehr vorhanden war. Hier kehrte sie um, denn dahinter war nur Wald und Feld. Das Dorf musste demzufolge in der anderen Richtung sein. Gestern war sie aus Richtung Ganzlin kommend an wenigen Häusern vorbei zum Schloss gelangt. Deshalb wandte sie sich nun vom Schloss aus in die entgegengesetzte Richtung. Sie ging etwa 100 Meter weiter, kam an einem einstöckigen, lang gezogenen Wohnhaus vorbei, das anscheinend leer stand, und dann zu einem größeren Wohnhaus, hinter dem viele Gewächshäuser zu sehen waren.

Hier endete die Straße. Am Eingang des Anwesens war ein großes Schild angebracht. Man erkannte nur noch die Buchstaben GPG. Es war verwittert und kaum noch lesbar. Plötzlich kam ein großer, schwarzer Hund angerannt, bellte und sprang sie an. Sie war zu Tode erschrocken und wich zurück. Aber der Hund sprang immer wieder an ihr hoch und bellte. Ihr Mantel war schon voller Schlamm. Da kam ein älterer Mann langsam vom Feld her  und rief „Wer rennt denn um die Zeit hier umher? Am Wochenende ist die Gärtnerei doch zu!“ Der Hund lief zu ihm, der Mann ging kopfschüttelnd weiter in Richtung Dorf und der Hund trottete hinter ihm her.

Karla war immer noch starr vor Schrecken. War es verboten, hier entlang zu gehen? Wo war sie denn nur hingeraten? Der Mann hätte sich doch wenigstens entschuldigen können! Stattdessen schien es ihn zu stören, dass hier jemand spazieren ging. Sie hatte nur diesen einen Wintermantel. Und den konnte man nicht waschen. Eine chemische Reinigung gab es hier bestimmt auch nicht. Das war wirklich ärgerlich.

Sie ging wieder zurück. Erst jetzt bemerkte sie, dass eine wunderschöne Birkenallee das Schloss mit der Gärtnerei verband. Selbst in dieser dunklen Jahreszeit  sah diese Allee prächtig aus. Die weißen Stämme der Birken leuchteten hell selbst an diesem grauen Tag. Im Frühling würde es hier einfach herrlich sein!  Als sie zum Wohnheim ging, kamen ihr vom Heizhaus zwei Männer entgegen, die eine Sackkarre mit einem festgebundenen Kanister zogen. Es war nur ein kleiner Kanister, etwa zehn Liter wahrscheinlich. Die Männer sahen sehr jung aus, hatten kahl geschorene Köpfe und trugen die bekannte Felddienstuniform der Sowjetarmee. Sie sahen Karla nicht an, als sie an ihr vorbei gingen.

Karla konnte noch nicht wissen, dass hier jeden Tag zwei Soldaten vom „Russenplatz“ mit dieser Sackkarre samt Kanister zu Fuß ins Dorf kamen, um im Heizhaus zehn Liter Trinkwasser für den Bedarf der Kaserne abzuholen. Es gab nämlich keine Wasserleitung zu dem Objekt, das seit Kriegsende bestand.  Das Kuriose an der Sache war, dass der Kanister ein Loch haben musste, denn man konnte die Spur der zwei Soldaten auf dem Straßenpflaster sehen, wenn sie zur Kaserne zurückgingen. Das war schon seit Jahren so und würde sich wohl nie ändern. Wahrscheinlich wurde den Soldaten eingeschärft, dass sie sich von jungen Frauen fern halten sollten, denn sie wagten es nicht, die Vorübergehenden anzusehen. Mit den Männern jedoch unterhielten sie sich manchmal, wenn sie merkten, dass sie Russisch sprachen. Leonhard Kowalski unterhielt sich manchmal mit ihnen, wenn er sie zufällig traf. Dann holten sie Fotos von Mama und Papa aus ihren Jackentaschen hervor. Die sowjetischen Soldaten mit ihrem kaputten Wasserkanister gehörten zum Alltag in Groß Vitzeldorff.  Mit der Zeit würde sich Karla an diesen Anblick genauso gewöhnen wie an die Gänse der Wirtschaftsleiterin, die überall auf dem Hof des Wohnheims herumliefen samt ihren Hinterlassenschaften und an die nächtlichen Schreie der Eulen aus dem nahen Wald, die Enten auf dem kleinen Teich neben dem Konsum und das winzige Wartehäuschen an der Bushaltestelle, genannt  „Bussi“, in dem sich die Jugend abends traf.

Noch war ihr das alles fremd und sie fühlte sich irgendwie verloren und entwurzelt. Und es gab keinen Augenblick, in dem sie nicht an ihr Kind dachte. Wie ihr Junge wohl jetzt aussah? Sie wusste nicht einmal, welche Haarfarbe er hatte.

Sie ging wieder in ihr kleines Zimmer und hoffte, dass Marina bald aufwachen würde, denn sie hatte jetzt wirklich großen Hunger. Da kam sie auf die Idee, schon den Frühstückstisch für sie beide zu decken. Sie fand Eier im Kühlschrank, kochte zwei und stellte Teller und Tassen auf den Tisch.  Als sie gerade damit fertig war, kam Marina mit verquollenem Gesicht und einer Alkoholfahne aus ihrem Zimmer. Als sie den gedeckten Tisch sah, strahlte sie und sagte: „Das ist aber schön! So gut hatte ich es schon lange nicht, wo ich doch hier so oft alleine sitze! Für mich ist es ein Glück, dass du jetzt da bist.“

Sie nahm noch eine Tasse und einen Frühstücksteller aus dem Schrank. Aus ihrem Zimmer kam ein etwa 30-jähriger Mann, der freundlich guten Morgen sagte und sich mit an den Tisch setzte. Er stellte sich als Günter vor. Marina hatte gestern gesagt, sie wäre hier immer allein, dachte Karla, fragte aber nicht weiter. Im Laufe der Zeit würde Karla sich daran gewöhnen, nicht viel zu fragen und sich auch über nichts mehr zu wundern.

Das letzte Wochenende vor Weihnachten ging vorüber. Noch wussten nur Herr Bachmann, Herr und Frau Kahl sowie Hannelore Oczynski von dem Unglück, das dem Heimleiter und seiner Familie widerfahren war. Fräulein Oczynski war am Samstagvormittag mit ihrem himmelblauen Trabant zu ihren Eltern gefahren.

Am Montagvormittag gingen Karla und Marina zum Dorfkonsum. Die Verkaufsstelle befand sich in der alten Schmiede. Das war ein – ursprünglich – sehr malerisches, zweistöckiges Gebäude mit einer kleinen Treppe zum Eingang vorn und einem Torbogen zur Schmiede. Leider war es in einem beklagenswerten Zustand. Überall bröckelte der Putz ab, unter den Fenstern waren die Außenwände ganz schwarz, das Dach hatte sichtbare Löcher. Außer der Verkaufsstelle befanden sich zwei Wohnungen in dem winzigen Haus. Daneben war ein kleiner, von Schilf umgebener Teich, auf dem Hausenten und Wildenten friedlich umher schwammen.

Vor der Verkaufsstelle waren etliche Handwagen und Fahrräder abgestellt. Zwei ältere Frauen mit wollenen Kopftüchern standen unter der großen Linde, lasen die daran befestigten dörflichen Bekanntmachungen und tauschten die neuesten Neuigkeiten aus. Sie grüßten Karla freundlich.

Marina hatte Karla vorgewarnt. Elvira Bierhals, die Verkäuferin, war als äußerst launisch bekannt. Karla betrat den Laden zusammen mit Marina. Der Verkaufsraum war klein. Ganz hinten nahm ein großer, dunkelbrauner Kachelofen fast die ganze Wand ein. Daneben saß ein alter, hagerer, schmutzig aussehender Mann auf einem Stuhl und legte gerade Holz nach. Einige Eimer mit Briketts standen in der Ecke. Er rauchte eine Zigarre, die den ganzen Laden verpestete. Rechts waren einige Regale zur Selbstbedienung mit Dingen wie Spee, Fit, Scheuerlappen, Zucker, Salz und Makkaroni. Auf der linken Seite befand sich die Verkaufstheke.

Sie hatten heute Glück, die Verkäuferin war gut gelaunt. Elvira Bierhals war jung, mit flotter Frisur (softy nach hinten, blonde Strähnchen im braunen Haar), etwas füllig für ihr jugendliches Alter, sehr hübsch, und natürlich trug sie eine bunte Kittelschürze. Sie sprach den hiesigen Dialekt sehr ausgeprägt.

Freundlich begrüßte sie Karla: „Und Sie sind sicher der Weihnachtsbesuch?“

„Nein, ich wohne jetzt hier.“ sagte Karla.

Sie hoffte, die Verkäuferin würde nicht weiter fragen. Sie musste sich erst wieder daran gewöhnen, mit fremden Menschen ganz normal zu sprechen.

Zum Glück wusste Karla nicht, dass Elvira Bierhals fast ihre ganze Kaderakte kannte.

Paula Kowalski war nämlich die Tante der Verkäuferin. Und Paula gehörte zum Reinigungspersonal des Kinderkurheims. Zu diesem gehörte auch Berta Altmann, die rotgesichtige Klatschtante, die stets alles weitererzählte, was sie als Genossin der SED in der Parteiversammlung an geheimen Informationen erhielt. Das wusste jeder.

Nur Karla wusste es zum Glück noch nicht. Als die beiden jungen Frauen mit ihren vollen Einkaufsbeuteln aus dem Dorfkonsum kamen, stand Bachmanns gelber Wartburg an der Straße. Er war gerade dabei, die Post zu verteilen. Marina grüßte ihn: „Tach, Herr Bachmann! Was für mich dabei?“ –„Nein, aber ich habe hier den Schlüssel für Fräulein Mahlkow. Den können Sie sich gleich mitnehmen.“ Karla musste sich jetzt wirklich das Lachen verkneifen. Die Post hier unten am anderen Ende des Dorfes aus einem verrosteten Kasten zu holen, das war nun aber echt so was von unvorstellbar für jemanden, der immer in Berlin gelebt hatte! Nun, sie würde wahrscheinlich doch nur sehr selten Post bekommen. Eine Zeitung könnte sie sowieso nicht lesen. Es machte ihr nichts aus, dass sie die Post von hier holen musste, aber irgendwie komisch war das schon!

Als sie die Dorfstraße hinunter gingen, sagte Marina: „Bachmann hat in seinem Portemonnaie immer jede Menge Hunderter, Ostgeld, Westgeld und polnisches auch.“ So erzählte man es sich in der Küche und im Aufenthaltsraum der Reinigungskräfte.

Dort, wo die Straße nach Kleinow abzweigte, fuhr jemand kunstvolle Runden mit einem klapprigen, alten Fahrrad. Karla erkannte den jungen Mann mit der bunten Hose, der ihr den Weg gezeigt hatte. Er grüßte und drehte unbeirrt weiter seine Runden.

Fräulein Oczynski war am Samstag mit ihrem himmelblauen Trabant nach Hause gefahren, um mit Eltern und Geschwistern, Nichten und Neffen gemeinsam Weihnachten zu feiern.

Aber ihre Gedanken waren nicht bei dem bevorstehenden Fest des Friedens. Schreckliche Bilder von einem abstürzenden Flugzeug drängten sich auf. Sie erzählte ihrem Vater sofort, was geschehen war. Natürlich durfte er nicht wissen, wie sie zu dem Heimleiter gestanden hatte. Eigentlich hätte sie nicht einmal über das Unglück sprechen dürfen, solange sie es offiziell nicht wusste. Aber sie war sicher, dass er es für sich behalten würde. Ihre Mutter weihte sie nicht ein. Sie hätte es womöglich versehentlich ausgeplaudert.

Am Sonntagabend sahen alle zusammen die „Aktuelle Kamera“ um 19:30 Uhr. So war es immer gewesen. Hannelore wartete gespannt auf einen Bericht über das Flugzeugunglück.

Es wurde ausgiebig über den Tod des verdienten Genossen Paul Verner berichtet. Danach eine kurze Meldung von einer halben Minute über das Flugzeugunglück bei Schönefeld. Eine Regierungskommission zur Untersuchung des Hergangs und der Ursachen des Unglücks unter Leitung des Verkehrsministers Otto Arndt war gebildet worden. Schon ging man zum nächsten Thema über. Nach der „Aktuellen Kamera“ sahen sie sich noch „Drei reizende Schwestern“ an, dann ging Hannelore nach oben in ihr Zimmer. Es war immer wieder schön, nach Hause zu kommen. Seit dreißig Jahren war dies ihr eigenes kleines Reich. Nebenan war das Zimmer ihrer jüngeren Schwester. Hannelore konnte lange nicht einschlafen. Seit Jahren zerrissen sich die Tratschtanten ihre Mäuler darüber, dass sie ein Verhältnis mit dem Chef hatte. Sie konnte sich schon denken, was sie ihr noch alles andichteten. Dass sie darauf aus wäre, sich dadurch Vorteile zu verschaffen. Als sie vor etlichen Jahren für eine Woche ins Krankenhaus musste, hielt sich hartnäckig das Gerücht, sie hätte eine Abtreibung gehabt. Das war unglaublich! So ein Blödsinn! Sie hätte gern ein Kind gehabt. Es wäre überhaupt kein Problem gewesen. Sie verdiente gut, seit sie 1966 das Fernstudium gemacht hatte. Das Kind wäre wie alle anderen zuerst in die Krippe und später in den Kindergarten gegangen. Sie hätte als alleinstehende Mutter etliche Vorteile gehabt. Sie wäre bei weitem nicht die einzige gewesen, die den Namen des Kindesvaters für sich behielt. Ihre Eltern hätten auch nicht groß gefragt, sondern sich darüber gefreut. Das hatten sie sogar mehrmals zu ihren beiden jüngeren, unverheirateten Töchtern gesagt. Aber sie bekam kein Kind, ebenso wie ihre jüngere Schwester. Dals war eben nicht zu ändern.

Und jetzt, da der Heimleiter tot war, würden sie hinter ihrem Rücken wer weiß was erzählen. Sie fragte sich, warum er selbst ihr nichts von der Fahrt nach Minsk gesagt hatte, aber sie fand keine Antwort darauf.

Teil 3

Kapitel 6

Karla hat Glück

Am Mittwoch war in Karlas Postfach ein Brief. Er war von Herrn Gülzow. Sofort wurde ihr ganz übel. Sie setzte sich allein in ihrem Zimmer hin und begann den mit Schreibmaschine geschriebenen Brief mühsam zu entziffern. Schließlich verstand sie, dass sie sich einmal wöchentlich in Kleinow beim ABV zu melden hatte. Das war ihr ja schon angekündigt worden. Es war also nichts besonders Schlimmes. Sie war durch ihre schrecklichen Erfahrungen so verunsichert, dass jeder Brief, jede auch nur andeutungsweise unangenehme Frage sie sofort völlig aus der Fassung brachte. Nachdem es am Samstag durch Kahls Anruf so reibungslos geklappt hatte, ihr den Weg nach Kleinow zu ersparen, hatte sie ein wenig von ihrer Furcht verloren. Vielleicht sah der ABV die Sache gar nicht so verbissen. Überhaupt wurde sie doch hier bis jetzt sehr freundlich aufgenommen.

Das Wetter war heute gut, am besten ging sie gleich am Nachmittag los nach Kleinow, dann war das für diese Woche erledigt. Karla schob nie etwas auf die lange Bank.

Sie kochte heute für sich selbst und Marina Makkaroni mit Jägerschnitzel und geriebenem Käse. So in der Küche schalten und walten zu können, das war für Karla eine Riesenfreude, etwas, wovon sie in den letzten Monaten nur träumen konnte. Sie genoss es und war sehr zufrieden. Um elf Uhr erschien Marina. Sie war gerade erst aufgewacht. Sie trank zuerst einen starken Kaffee und dann aßen beide zu Mittag. Marina sagte: „Schmeckt gut, was du gekocht hast!“

Da strahlte Karla. Es war sehr lange her, dass sie einmal gelobt worden war. Im Gefängnis sowieso nicht, und davor bei ihrer Mutter hatte sie nie irgendetwas richtig gemacht.

Am Nachmittag ging sie bei strahlendem Sonnenschein zu Fuß die dreieinhalb Kilometer nach Kleinow. Den Brief hatte sie in ihrer Tasche. Als sie ihn dem ABV  Hippel gab, sagte dieser freundlich:

„Es ist ja grade Kaffeezeit. Trinken Sie eine Tasse mit?“

Für ihn war das Routine. Bei einer Tasse Kaffee sprach es sich gleich viel besser. Er war froh, wenn alles glatt ging und er nicht allzu viel Schreibkram mit dem ganzen Zeugs hatte. Das lag ihm nämlich nicht. Das Mädel sah auch ganz nett und harmlos aus. Außerdem hatte Kahl ihn bereits wegen der Sache angerufen. Er würde das wöchentliche Gespräch gleich auf der Arbeitsstelle  führen und sofort Meldung machen, falls es Probleme gab. Als Parteisekretär war er für Dinge dieser Art sowieso verantwortlich. Warum also doppelte Arbeit machen? Überdies war das mit der Arbeitszeit der Kollegin nicht zu vereinbaren. Kahl hatte jedoch noch andere Gründe, hier seine Hilfe anzubieten. Er hatte es nicht gern, wenn außerhalb seines Einflussbereiches allzu viel über die betriebsinternen Dinge des Kinderkurheimes gesprochen wurde.

Karla wurde ganz rot und nahm den Kaffee gern an. Wenn das die bösartigen, rohen Aufseherinnen von Hoheneck sehen würden, wie sie hier ganz gemütlich mit einem Polizisten Kaffee trank… Bei der Vorstellung wurde sie richtig froh. Die konnten ihr nichts mehr anhaben! Was hatten sie ihr alles an den Kopf geworfen. Alle Gefangenen in Hoheneck wurden behandelt wie der letzte Dreck, da gab es keine Ausnahme. Nur die politischen wurden noch mehr schikaniert als die anderen. Und sie galt auch ein wenig als „politische“, obwohl ihr Fall mit Politik absolut  nichts zu tun hatte, außer mit der Politik ihres Stiefvaters, aber das war eine völlig private Sache.

Aber jetzt kam das Schönste.

Herr Hippel fragte: „Wie sind Sie denn überhaupt hierhergekommen?“ Als er hörte, dass sie zu Fuß gekommen war, sagte er: „Donnerwetter, das nenne ich aber pflichtbewusst! Das brauchen Sie aber nicht. Sehen Sie, Sie arbeiten doch im Kinderkurheim, und da würde man doch sofort merken, wenn Sie nicht mehr da sind. Der Genosse Kahl ist dort als Parteisekretär für solche Sachen zuständig. Er wird mich sofort informieren, wenn irgendwas ist. Ich hake hier jede Woche das vorgeschriebene Gespräch ab. Und Sie sehen zu, dass Sie dort mit den Kollegen klarkommen, dann ist alles in Ordnung. Einverstanden?“

Und ob sie damit einverstanden war! Nach allem, was sie durchgemacht hatte, erschien es ihr hier wie im Paradies. Ein Paradies mit Sonnenschein, blauem Himmel, freundlichen Menschen und Kaffee beim ABV. Sie konnte es fast nicht glauben. Und dann nahm er sie sogar noch im Dienstwagen mit bis zur Kreuzung in Groß Vitzeldorff.

Während der Kurpause war Johannes Bachmann der Einzige, der im Schloss arbeitete. Ein paar Tage vor Weihnachten saß er allein in seinem kleinen Büro und wollte sich gerade einen Kaffee kochen, als ein großer, hagerer Mann von etwa vierzig Jahren hereinstürmte und rief: „Ich muss schon wieder fort, das glaube ich langsam nicht mehr! Warum immer ich?“

Es war Frank Rothe, der Hausmeister. Herr Bachmann wusste schon Bescheid. Er hatte gestern einen Brief vom Wehrkreiskommando Großenau in Rothes Postfach eingeworfen. Die schienen da wirklich keine anderen Männer zu finden, die sie zur Reserve einziehen konnten. Erst im vergangenen Jahr war er für drei Monate bei den Grenztruppen gewesen. „Wo musst du denn diesmal hin?“ fragte Bachmann. „Doch nicht wieder da runter nach Thüringen?“

„Na klar, das ist es doch! Keine Aussicht auf viel Urlaub oder Wochenende zu Hause! Da brauchst du den ganzen Tag mit der Bahn. Und dann bloß 180 Mark im Monat!“

Was ihm dabei noch durch den Kopf ging, das sagte er nicht laut. Er war total von der Rolle. „Am 2. Januar muss ich schon einrücken. Ich kann ja nicht mal dem Chef Bescheid sagen. Der ist doch in Urlaub.“

„Darum mach dir mal keine Gedanken, das regel ich schon.“ sagte Bachmann.

„Das ganze Weihnachten ist mir damit versaut. Und dann grade wieder im Winter! Ich kenne doch den Laden zur Genüge. Die ganze Nacht in der Kälte da rumstehen. Da holt man sich ja sonst was weg.“ Davon,  dass er seit Jahren die schrecklichsten Alpträume hatte,  in denen er auf Menschen schießen musste,  sagte er nichts. Er seufzte und verabschiedete sich: „Na ja, nützt ja nichts, wenn ich jammere. Hin muss ich doch. Na denn, ich geh‘ dann mal wieder.“

Freitags kamen regelmäßig drei große Lastkraftwagen der Marke W 50 zum Dorfkonsum: das Milchauto, das Fleischauto und das Bäckerauto. Fleisch gab es überhaupt nur freitags. Das war jedoch kein Problem, denn man konnte so viel kaufen, wie man wollte. Man musste es nur schon  montags bestellen. Außerdem hatte in Groß Vitzeldorff fast jede Familie eine Tiefkühltruhe, wenn nicht sogar mehrere. Bei Polsters zum Beispiel wurden im Herbst immer zwei Schweine geschlachtet, eins für den Eigenbedarf und eins zum Abgeben. Dafür gab es über tausend Mark. Das Futter für die Schweine war immer gesichert. Herr und Frau Polster waren beide LPG-Mitglieder. Die Truhen waren immer voller Fleisch.

Die meisten Familien hatten eigene Hühner und Kaninchen. Deshalb gab es im Groß Vitzeldorffer Konsum auch keine Eier zu kaufen. Es gab keinen Bedarf an Eiern hier im Dorf. Dafür gab es immer Brennspiritus zu kaufen. Den brauchten die Frauen zum „Abbrennen“, wenn sie Enten oder Gänse schlachteten. Fleisch wurde hier kurz vor Weihnachten weniger gekauft als sonst. Zu Weihnachten tischte jeder das Beste auf, und das bekam man nicht im Handel, sondern vom eigenen Stall und Hof.

An diesem letzten Freitag vor Weihnachten war der Konsum voll. Als Karla die kleine Treppe zur Eingangstür hoch ging, traute sie ihren Augen nicht. Aus dem Laden kam eine Frau mit wirrem Haar. Unter der knielangen Kittelschürze trug sie ein langes rosa Flanellnachthemd und ihre Füße steckten barfuß in Pantoffeln. Sie hatte sich noch einmal umgedreht und rief in das Ladeninnere: „Is ja man bloß för de Manns, die hamm doch so’n Durst!“ In der Hand hielt sie einen vollen Einkaufsbeutel, der hörbar klapperte. Karla sagte höflich „Guten Tag “ zu der seltsamen Erscheinung und bemerkte im Vorbeigehen eine ungeheure Schnapsfahne. Eine Antwort bekam sie nicht. Sie stellte sich hinten an. Die Gespräche waren augenblicklich verstummt. Dann sagte eine weißhaarige Frau: „Ja, das kennt man schon. Von wegen de Manns!“ Lachend stimmten die anderen zu. Außer dem alten Mann neben dem Kachelofen waren ausnahmslos Frauen hier. Elvira Bierhals trug einen dicken Schal um den Hals, weil sie stark erkältet war. Gerade fragte sie eine der Kundinnen: „Willst du auch ein paar Apfelsinen?“ – „Klar, nehme ich gerne!“.

 Sie verschwand im Lagerraum und kam mit einer Papiertüte zurück, auf der bereits der Preis notiert war. Dann war die nächste Kundin an der Reihe. „Du brauchst bestimmt keine Apfelsinen, Irene, oder?“

„Nee, am Dienstag kommt Marion mit ihrer Familie, da kriegen wir was Besseres als die ollen Kuba-Apfelsinen.  Die brauchen wir nicht. Gib mir mal noch eine Tüte Zucker und eine Tüte Mehl, ich muss ja noch Torte backen.“

Karla war die Einzige, die sich darüber wunderte. Alle anderen wussten Bescheid. Als Karla endlich an der Reihe war, stand hinter ihr nur noch eine Frau. Da betrat ein blutjunger sowjetischer Soldat in Felddienstuniform den Laden. Etwas unsicher sah er zur Verkäuferin. Frau Bierhals sagte „Na?“ Das klang weder freundlich noch unfreundlich. Mit einer Geste forderte sie ihn auf, gleich nach vorn zu kommen. Sie nahm eine Flasche Goldbrand für 14, 50 Mark aus dem Regal und zeigte sie ihm. Er nickte, gab ihr einen Zwanzigmarkschein und ging wieder, ohne sich das Wechselgeld geben zu lassen. Wieder war Karla die einzige, die sich darüber wunderte. Aber sie sagte lieber nichts. Sie bekam auch ein paar Apfelsinen, obwohl sie sich nicht getraut hatte, danach zu fragen. Elvira Bierhals war heute trotz ihrer Halsschmerzen, mit denen sie sich seit Tagen quälte, gut gelaunt. Hinten im Lager war auch etwas Besseres als die ollen Kuba-Apfelsinen. Damit konnte sie ihre ganze Verwandtschaft versorgen.

Als Karla und Marina an diesem Abend zusammen am Tisch in der Gemeinschaftsküche saßen, fragte Karla, wieso die eine Frau im Laden vor Weihnachten keine Apfelsinen brauchte, und zwar mit der seltsamen Erklärung, dass sie Besuch bekäme. Marina antwortete: „Ach, das war Irene Kniehase. Die ist auch schon lange Erzieherin hier im Heim. Ihre Tochter und der Schwiegersohn sind bei der Stasi. Die bringen alles mit. Das müssen die dort nicht mal bezahlen.“ Dann schilderte Karla das seltsame Aussehen der Frau, die in Nachthemd und Pantoffeln aus dem Laden gekommen war. Und das bei Minusgraden! Auch den Satz „för de Manns“ hatte sie nicht verstanden. Da wusste Marina auch gleich Bescheid. „Ach das! Das war Paula Kowalski. Die ist beim Bohnerbesengeschwader. Elvira Bierhals ist ihre Nichte. Paula tut immer so, als ob sie Handwerker im Haus hätte. Für die kauft sie dann das Bier und den Schluck. Dabei säuft sie das alles selber.“ Später kam noch Hanne Schneidewind und setzte sich zu ihnen in die Küche. Sie brachte Bockwurst und Kartoffelsalat mit. Draußen regnete es, und der Sturm pfiff um die Ecken, aber hier drin war es wie immer schön warm. Es wurde richtig gemütlich. Sie kochten noch mehr Kaffee und redeten über alles Mögliche. Gegen zehn Uhr abends kam jemand polternd die Treppe hoch. Ein großer, sehr ungepflegt aussehender, wenn auch nicht hässlicher Mann um die 30 betrat die Gemeinschaftsküche. Er war sichtlich angetrunken. Als er Karla sah, fragte er: „Bist wohl die Neue, was?“ Sie nickte nur. Sie hatte durch ihre schlimmen Erfahrungen einen starken Widerwillen gegen Betrunkene. Doch Hanne begrüßte ihn freundlich und stellte ihn vor, da er es nicht selbst tat. „Das ist Torsten  Döring. Und das ist Karla Mahlkow.“

Im Laufe des Abends holte Marina dann doch noch die Flasche Elferschluck, die für Weihnachten gedacht war, und trank sie mit Torsten zusammen aus. Karla nippte nur an ihrem Glas, auch Hanne trank nur wenig. Torsten hatte eine Neuigkeit mitgebracht, die einschlug wie eine Bombe. Als er genug getrunken hatte, sagte er lallend: „Ich werde euch was erzählen. Aber ihr dürft es nicht weitersagen. Sagt ihr das weiter?“ Natürlich würden sie es nicht weitersagen, versicherte Hanne im Namen aller. Er sah sich um, ob keiner weiter zuhörte, und dann rückte er mit der Nachricht heraus, dass Erich Schrottköter, der Heimleiter, tot wäre. Er konnte nicht sagen, wie es passiert war, aber dass er tot war, das wusste er genau. Sie fragten ihn nicht, woher er die Neuigkeit hätte. Näheres schien er jedoch nicht zu wissen. So oft Hanne auch stichelte: „Nun sag doch mal, was hatte er denn? Bestimmt Herzinfarkt oder so. Wäre ja auch kein Wunder.“ Mehr war aus ihm nicht heraus zu bekommen. Das hatte er von seiner Frau. Sie hing immer mit den Büroleuten zusammen. Die wussten immer alles als Erste. Also war der Chef im Urlaub umgekippt. Die waren ja in Thüringen gewesen, vielleicht hatte er die Höhenluft nicht vertragen. Man hatte sie eigentlich schon vor ein paar Tagen erwartet. Aber als sie dann nicht kamen, dachten alle, sie hätten es sich anders überlegt und würden Weihnachten bei den Verwandten verbringen. Ja, so schnell konnte das gehen. Wieder einer, bei dem der Staat die Rente sparte! Das alles ging der Köchin durch den Kopf. Ihr tat schon seit Tagen der Rücken so weh, dass sie nicht mehr sitzen konnte. Sie sagte gute Nacht und verabschiedete sich. Auch Karla ging kurz darauf in ihr Zimmer. Torsten  blieb die ganze Nacht bei Marina. So endete es meistens. Günter war übrigens sein jüngerer, lediger Bruder, der auch hier im Haus wohnte.

Kapitel 7

Ein Karnickel verschwindet

Das Wochenende ging vorüber. Weihnachten stand vor der Tür. Zwei Tage vor Weihnachten fiel der erste Schnee. Er deckte die Schlammpfützen auf der Dorfstraße und die verwelkten Blumen in den Vorgärten zu und ließ alles sauber und weihnachtlich aussehen. Johannes Bachmann kam nur noch, um die Post zu verteilen und hatte ansonsten bis zum neuen Jahr frei. Die Verkäuferin Elvira Bierhals hatte in den letzten Tagen vor dem Fest viel zu tun und war schlecht gelaunt. Paula Kowalski lag mit einer Erkältung im Bett und konnte sich keinen Elferschluck kaufen. Für ihren Mann war das die reinste Erholung. Bei Kniehases kam die Tochter samt Familie zu Besuch und brachte Apfelsinen und Bananen mit. Auch Familie Kahl erwartete Kinder und Enkel, um zusammen Weihnachten zu feiern. Selbst der ABV Herr Hippel hatte einige ruhige Tage nach all der Aufregung in der vergangenen Woche. Der junge Mann mit den bunten Hosen, der Harald Singer hieß, malte mit seinem klapprigen, alten Fahrrad kunstvolle Kreise in den frisch gefallenen Schnee auf der Abzweigung nach Kleinow. Marina hatte sich für Weihnachten Nachschub an Elferschluck geholt. Karla Mahlkow machte in ihrem kleinen Zimmer gründlich sauber und bereitete für sich und Marina ein richtiges Weihnachtsessen vor. Der Hausmeister, Frank Rothe, lief mit finsterem Gesicht umher, weil er Anfang Januar zum fünften Mal zur Reserve eingezogen wurde und dem Militär absolut nichts abgewinnen konnte. In Berlin aber würde ein kleiner Junge sein erstes Weihnachten erleben und hatte keine Ahnung davon, dass sich seine Mutter im 150 Kilometer entfernten Groß Vitzeldorff die Augen ausweinte, weil man ihr ihren Sohn weggenommen hatte.

Einen Tag vor Weihnachten herrschte in der Gärtnerei Groß Vitzeldorff, offiziell Gärtnerische Produktionsgenossenschaft Kleinow, Betriebsteil Groß Vitzeldorff, emsiger Betrieb. So war es jedes Jahr. Sogar aus der Kreisstadt Großenau kamen viele mit ihrem Trabant oder Wartburg hierher, um frischen Rosenkohl für die Weihnachtsfeiertage zu kaufen. Manche nahmen auch ein oder zwei Alpenveilchen mit, denn die hier gekauften waren weitaus schöner als die in den Blumenläden. Im Verkaufsraum hatte sich eine lange Schlange gebildet. Heute war die Chefin höchstpersönlich da und überwachte den Verkauf. Elfriede Lautenschläger war Mitte vierzig und hatte den Betriebsteil Groß Vitzeldorff fest im Griff. Wo sie auftauchte, wagte keiner zu trödeln. Manfred Fröhlich konnte ein Lied davon singen. Erst vor kurzem hatte sie jemanden losgeschickt, der an die Tür des „Häuschens“ klopfen musste, in dem er fünf Minuten zuvor verschwunden war, weil sie fand, so lange dürfte das nicht dauern.

Simone, eines der Lehrmädchen, wog Rotkohl, Weißkohl, Rosenkohl und Äpfel auf der Standwaage Marke „Wartburg“ ab. Ihre bunte Kittelschürze stand offen, denn sie war hochschwanger. Frau Kahl war gerade an der Reihe und fragte freundlich: „Wann ist es denn so weit?“ – „Mitte Februar“ -„Na, dann hast du ja bald frei. Alles Gute, falls wir uns nicht mehr sehen! „ 

In der Warteschlange stand auch Berta Altmann. Sie sagte laut: „So gut hatten wir das nicht. Beim ersten Gör schon ein ganzes Jahr bezahlten Urlaub!“.

Seit Anfang dieses Jahres gab es schon beim ersten Kind das bezahlte Babyjahr für alle. Eine Frau mit einem wollenen, dunkelgrünen Kopftuch fragte in die Runde: „Was ist nun eigentlich mit Valeska? Ist sie nicht auch schwanger?“ Eine andere antwortete: „Nee, die hat es schon wieder verloren! Ist das nicht traurig? “ – „Und andere lassen jedes Jahr eins wegmachen.“ meinte die nächste. 

Da trat Günter Döring mit hochrotem Gesicht und Alkoholfahne in den Verkaufsraum. Er schwankte sichtlich beim Gehen. Sofort sprach ihn die Chefin, Frau Lautenschläger an: „Na, nun komm mal gleich vor, Günter! Du willst doch bestimmt ein Alpenveilchen? “ „Mit glasigem Blick antwortete er: „Ja. ’n Alpenveilchen.“ Er hatte keine Ahnung, was er kaufen sollte. Er wusste kaum, wo er sich befand. Simone wickelte eins der rosa Alpenveilchen in Zeitungspapier ein. „Haste Geld mit?“ – „Na klar hab ich Geld mit.“ Er kramte umständlich einen zerknitterten Fünfmarkschein aus seiner Hosentasche. Die Alpenveilchen kosteten 6, 30 das Stück. Frau Lautenschläger nahm die fünf Mark und gab Simone durch Zeichen zu verstehen, dass sie nichts sagen sollte. Sie wollte jetzt nicht wegen 1,30 Mark den ganzen Betrieb aufhalten. Alle waren froh, als er den Verkaufsraum wieder verließ. Berta Altmann meinte: „Der kann auch nichts anderes als saufen. Genau wie der Alte.“

Ganz hinten in der Schlange stand Mutti Wendtland und entgegnete: „Ihr wisst doch, der Junge ist ohne Mutter aufgewachsen. Der ist schon in Ordnung. Lasst den mal in Ruhe. Der tut doch keinem etwas.“

Damit hatte sie nach ihrem Verständnis Recht. Seine Mutter war gestorben, als Günter erst acht Jahre alt war. Der Vater war ein herzensguter Mensch, der keinem etwas tat, aber er kam nicht von der Flasche weg. Es war der alte Mann, der im Konsum immer Holz und Kohle nachlegte. Er war hilfsbereit und bei jedem beliebt. So lange Günter zur Schule ging, war auch alles in Ordnung. Er lernte gut und brachte immer ein ordentliches Zeugnis nach Hause. Auch während der Berufsausbildung gab es keine Probleme. Er hatte eine feste Freundin und schaffte einen guten Abschluss.

Schon während der Lehrausbildung mit Abitur hatte er als Siebzehnjähriger die Verpflichtung unterschrieben, drei Jahre bei der NVA zu dienen. Man hatte ihn für den Dienst im Wachregiment „Feliks Dzierzynski“ gewonnen. Das Wachregiment gehörte zum Ministerium für Staatssicherheit und hatte eigene Regeln. Ständig mussten Personalfragebogen ausgefüllt werden, in denen nach sämtlichen Verwandten und Bekannten gefragt wurde. Wenn irgendeiner in der Verwandtschaft Westbesuch bekam und der Wehrdienstleistende das nicht angegeben hatte, bekam er ein Riesenproblem. Dafür bekam man beim Wachregiment etwas mehr Geld als anderswo. Das Schlimmste war jedoch, dass er so selten Urlaub bekam. Meistens dauerte es sechs bis acht Wochen, bis er wieder einmal nach Hause fahren konnte. Seine Freundin war gerade mal im ersten Lehrjahr. Sie saß natürlich nicht die ganze Zeit zu Hause herum, sondern ging mit ihren Freundinnen zur Disko. Dort lernte sie auch den ein oder anderen jungen Mann kennen. Und schließlich kam es, wie es kommen musste: Sie lernte einen kennen, der ihr richtig gut gefiel und nicht bei der Fahne war. Eines Tages, als Günter wieder auf Urlaub kam, sagte sie ihm, dass es vorbei ist.

Er nahm eine Flasche Schnaps von seinem Vater und trank sie in einem Zug aus. Da er nicht daran gewöhnt war, musste er mit Alkoholvergiftung ins Krankenhaus gebracht werden. Aber von diesem Zeitpunkt an war ihm alles egal. Zurück bei der Truppe, provozierte er seine Entlassung „in Unehren“, indem er einen Offizier tätlich angriff. Damit hatte seine Kaderakte einen Makel, den er nie wiedergutmachen konnte. Von der anderen Akte ganz zu schweigen. Das Wachregiment gehörte schließlich zur Staatssicherheit. Er hatte Glück, dass er nur ein paar Wochen im Armeeknast gewesen war und ihm nicht noch Landesverrat angehängt wurde. Der zuständige Vorgesetzte war im Moment nicht daran interessiert, ein Exempel zu statuieren. Es gab gerade sehr dringende Angelegenheiten anderer Art, um die man sich kümmern musste. Außerdem kannte man diese Fälle ja. Das hatte nichts mit Politik zu tun. Er war einfach nur durchgedreht.  Mehr nicht. An Problemen dieser Art bestand nun wirklich kein Mangel.

Am Tag vor Heiligabend gab es im Hause Fröhlich eine große Aufregung. Manfred Fröhlich hatte den Schnaps gefunden, der noch von der Geburtstagsfeier übrig geblieben war. Seine Frau hatte die zwei angebrochenen Flaschen im Stall hinter den Gartenwerkzeugen versteckt, denn sie hatte schon üble Erlebnisse gehabt, wenn er unter Alkohol stand. Er trank nur selten, aber wenn er einmal anfing, hörte er nicht mehr auf. Normalerweise sagte sie ihm, wo es lang ging. Ihre Stimme war laut und ihre Ausdrucksweise war, gelinde gesagt, vulgär. Sie war im Grunde gutherzig, aber mit ihren zwei Jungen im Kindergartenalter, der Vollzeitarbeit als Reinigungskraft und der Arbeit in Haus und Garten völlig überfordert. Wenn dann noch die Trinkgelage des Ehemannes dazu kamen, hielt sie es nicht mehr aus. Man hörte ihre Schimpftiraden bis an das Ende des Dorfes. An diesem Tag aber kam es besonders schlimm.

Manfred Fröhlich hatte in kürzester Zeit alles ausgetrunken und kam plötzlich mit einem alten Küchenmesser aus dem Stall. Dabei rief er laut: „Ich weiß schon, wo der Kerl steckt! Da, im Badeofen! Ich hab genau gesehen, wie der da reingegangen ist. Jetzt hole ich den raus! Und dann steche ich den ab! Ihr werdet schon alle sehen, was ich mache! „

Er ging ins Badezimmer und fing an, alles auseinander zu nehmen. Krachende Geräusche drangen aus dem Bad. In ihrer Todesangst schloss Gertrud ihn im Bad ein, nahm ihre beiden kleinen Kinder und lief mit ihnen davon, ohne auch nur daran zu denken, den Kindern bei der Kälte Jacken anzuziehen. Sie hatte nur den einen Gedanken: weg von hier, bevor etwas Schlimmeres passierte. Nun war es für jemanden, der in Groß Vitzeldorff wohnte und im Schloss arbeitete, keine Frage, wohin man sich in einem Notfall wandte. Sie ging zum Wohnheim und klingelte bei Familie Kahl. Zum Glück waren sie zu Hause! Als Frau Kahl aus dem Fenster sah und sie mit den beiden Kindern ohne Jacken und in Hausschuhen erblickte, rief sie: „Kommt erst mal rein!“ Es war selbstverständlich, dass hier geholfen werden musste, und ebenso selbstverständlich war es, dass hier Herr Kahl zuständig war. Doch zuerst rief er die 110 an und schickte die Polizei zum Haus der Familie Fröhlich, damit der tobende Ehemann keinen größeren Schaden anrichtete oder womöglich noch andere bedrohte.

Für die Unterbringung der drei musste man hier keinen anderen bemühen, das war klar. Wozu hatte man ein Schloss mit 150 Betten, das im Moment sogar leer stand? In dem Viererzimmer der Gruppe 2 könnten sie schlafen. Das war gleich neben den Toiletten. Im Gruppenraum gab es sogar jede Menge Spielzeug, um die Kinder abzulenken. Gegessen hatten sie schon, sagte Gertrud Fröhlich. Also alles kein Problem. Sie machte dort jeden Tag sauber und kannte die Räume so gut wie ihr eigenes Haus. Sogar warme Jacken für die Kinder würde man finden. Es kam immer wieder vor, dass Kleidungsstücke von Kindern vergessen wurden. Deshalb hatte jede Gruppe im Schrankzimmer einen gewissen Fundus an Kinderkleidung.

Die Polizei nahm Herrn Fröhlich mit und er durfte in der „Ausnüchterungszelle“ übernachten. Da er seine Familie bedroht hatte, schickte man ihn am nächsten Tag nicht nach Hause, sondern er wurde ins Krankenhaus gebracht. Über Weihnachten waren dort genug freie Betten für solche Fälle. Frau Fröhlich konnte in Ruhe zu Hause mit ihren Kindern Weihnachten feiern.

Im „Ledigenwohnheim“ waren Karla und Marina bei den Vorbereitungen für das Weihnachtsessen. Sie schoben ein schönes Hauskaninchen in den Backofen. Dazu kochten sie Rotkohl, der schmeckte zwei Mal aufgewärmt am besten. Das Karnickel hatte eine besondere Geschichte. Im Dorfkonsum kaufte man so etwas natürlich nicht! Es stammte aus dem Stall der Familie Singer. Am Abend zuvor hatten die beiden mit der Köchin hier zusammengesessen, als wieder einmal ein Besucher hereinschaute. Es war Harald Singer, der junge Mann mit der bunten Hose, die er übrigens auch an diesem Tag trug. Er hatte sogar einen guten Grund für sein Kommen: zehn Mark Schulden bei Marina, die er vor Weihnachten noch zurückzahlen wollte. Das war jedoch nur ein Vorwand. Er hatte Karla ein paar Mal im Dorf gesehen und wollte sie gern näher kennen lernen. Die zehn Mark hatte er sich von seiner Mutter geborgt.

Sie kochten Kaffee und redeten über dies und das. Über Hannelore Oczynski zum Beispiel, die ein Verhältnis mit dem Chef gehabt hatte, der nun tot war. Sie hatte die meisten Privilegien von allen Erziehern. Zur An- und Abreise hatte sie grundsätzlich frei. Die Nachtwache musste sie höchstens ein oder zwei Mal im Jahr übernehmen. Dafür bekam sie von allen Erzieherinnen das höchste Gehalt.

Hanne erzählte von Valeska, die auch in der Küche arbeitete und nun schon zum vierten Mal im dritten Monat ein Kind verloren hatte. Sie war untröstlich darüber.

Dann sprachen sie über Berta Altmann, die boshafteste von allen im Kinderkurheim. Als sie jung war, in der schlechten Zeit nach dem Krieg, war sie mit jedem im Heuschober und sonst wo gewesen, und heute tat sie so, als ob sie die Unschuld in Person gewesen wäre. Erst vor kurzem hatte sie der dreizehnjährigen Tochter der Familie Kniehase einen Floh ins Ohr gesetzt, indem sie andeutete, sie wäre gar nicht das Kind ihres Vaters. Was sie damit angerichtet hatte, war ihr vollkommen egal. Schadenfreude war eine ihrer Haupteigenschaften. An den Beschuldigungen war absolut nichts Wahres. Es war nur die Reaktion auf eine andere Sache, die mit der dreizehnjährigen Anke überhaupt nichts zu tun hatte. Am liebsten richtete die Altmann ihre Bosheit gegen diejenigen, die am meisten darunter litten. Frau Kniehase war eine der Erzieherinnen und es war bekannt, dass sie bereits mehrmals für einige Wochen in einer Nervenheilanstalt gewesen war. Sie wollte schon seit langer Zeit lieber in der Servierküche als bei den Erziehern arbeiten, aber Kahl ließ keine der Erzieherinnen gehen.

Karla fragte, wer noch zum Reinigungspersonal gehörte außer dieser boshaften Berta Altmann. Denn dort würde sie ab Januar arbeiten. Die Köchin sagte: „Also da ist noch Gertrud Fröhlich, die wohnt gleich da vorn gegenüber von der Bushaltestelle. Die macht Gruppe 1, wo die Oczynski ist. Die Oczynski guckt immer genau nach, ob irgendwo noch Staub ist. Die rennt gleich zum Heimleiter, wenn mal irgendwas ist. Dafür rennt die Altmann zu Kahl, wenn unter den Betten Bonbonpapier liegt. Dann kriegen die Erzieher was ab. Ach, und Paula Kowalski. Die geht nächsten März in Rente, da wird sie 60.“ Marina warf ein: „Die kennste schon, das ist die, die du im Nachthemd im Konsum gesehen hast.“

Hanne fuhr fort: „Und dann Beate Klein. Das ist die Schwägerin von der Altmann. Bei der schläfst du vom Zugucken ein, so langsam ist die. Wenn die mit dem Fahrrad ankommt, wundert’s mich immer, dass sie nicht umfällt! Die ist genauso hinterhältig, aber zusammen mit der Altmann, ich sage dir, da musst du dich in Acht nehmen!“

Karla stöhnte: „Na da graut mir ja schon jetzt, wenn ich das höre!“

Aber Hanne beruhigte sie: „Wenn du deine Arbeit machst, dann können die dir gar nichts anhaben! Und wenn was ist, dann sag’s mir. Dann gehe ICH mal zu Kahl! Brauchst keine Angst zu haben. Hier macht sich keiner tot, und die vom Bohnerbesengeschwader schon gar nicht!“

Da war Karla etwas beruhigt.

Später kam noch Günter Döring dazu. Er brachte einen „halben Liter“ Goldbrand mit. In Groß Vitzeldorff gab es für den Alkohol andere Maßeinheiten als anderswo, so wie man hier eben auch „Dorf“ mit zwei „f“ am Ende schrieb. Ein „halber Liter“, das war eine Flasche mit 0,33 Litern. Was ein Drittel bedeutet, hätten wohl die meisten hier -ob jung oder alt- nicht gewusst. Da es weniger war als ein Liter, konnte es eben nur ein halber Liter sein. Und jeder wusste, was gemeint war. Auch Elvira Bierhals fragte gewöhnlich: „’n halben Liter oder ’n Dreiviertelliter?“

Günter stellte die Flasche auf den Tisch. Dann holte er Gläser aus dem Schrank und goss ein. Das machte er jetzt wegen Karla. Gewöhnlich ließen sie die Flasche einfach herumgehen.

Schließlich kamen sie auf das Thema Weihnachtsbraten. Harald wollte Eindruck auf Karla machen und sagte: „Wenn du willst, hole ich dir ein schönes Karnickel. Habt ihr einen Sack?“

Karla verstand nicht, wozu er den brauchte, aber Hanne stand auf und holte einen aus ihrer Wohnung. „In einer halben Stunde bin ich wieder hier.“, sagte Harald und verschwand mit dem Sack in der Hand. Kurz darauf kam er zurück und sagte, Günter solle lieber mitkommen. Dann gingen beide zusammen in Richtung Bushaltestelle. Gleich daneben wohnte Harald mit seiner Mutter und seinen zwei Brüdern. Günter musste aufpassen, dass keiner aus dem Haus kam. Für den Fall sollte er laut husten und ein Gespräch mit demjenigen anfangen. Harald ging in den Stall hinter dem Wohnhaus und kam kurz darauf zurück. Der Sack war jetzt nicht mehr leer.

Nach kaum einer Viertelstunde waren sie zurück im Wohnheim.

Hanne wusste schon aus Erfahrung, was sie zu tun hatte und kam mit einem großen Messer, einer Bratpfanne samt Deckel, einem großen Handtuch und dem Schlüssel zum Gemeinschaftsduschraum den beiden entgegen. Günter und Hanne gingen hoch in die gemütliche Küche, während sich Harald mit dem Karnickel im Sack, der Bratpfanne und dem großen Messer im Duschraum einschloss. Das war ein großer, quadratischer Raum mit schmutzig gelben Fliesen. Diese Fliesen konnte man schrubben und desinfizieren, solange man wollte, sie sahen immer so aus, als ob ein grauer Belag darauf wäre. In dem Raum befanden sich drei an die Decke geschraubte Duschköpfe ohne irgendeine Zwischenwand oder gar Duschkabine und eine uralte Badewanne sowie ein kaputtes Waschbecken mit einem rostigen Spiegel darüber.

Harald kannte sich hier gut aus. Schon mehr als einmal war er hier duschen gewesen, wenn er bei einem der jungen Mädchen aus dem Ledigenwohnheim übernachtet hatte.

Es war sehr warm hier drin. Harald zog seine Sachen bis auf die Unterwäsche aus, dann überlegte er kurz, sah nach, ob keiner durch das Fenster sehen könnte und zog sich ganz aus. Mutter würde nur dumme Fragen stellen, wenn Blut an seiner Unterwäsche wäre! Dann machte er sich an die Arbeit.

Wenn er irgendetwas konnte, dann Karnickel schlachten! Darauf war er stolz. Nach zwanzig Minuten war er fertig mit allem. Das Karnickel lag sauber ausgenommen in der Bratpfanne. Er wischte das Blut überall weg, dann duschte er sich, schloss den Raum wieder zu und ging mit der Bratpfanne in der Hand nach oben zu den anderen. Das Karnickelfell hatte er in den Sack gesteckt. Oben angekommen, bekam er erst einmal ein Glas von dem Goldbrand.

Frieda Singer aber hatte am nächsten Tag unter der Dorflinde vor dem Konsum etwas zu erzählen. Da hatte man ihr doch glatt ein Karnickel aus dem Stall geklaut.

Teil 4

Kapitel 8

Weihnachten in Groß Vitzeldorff

Der Dorfkonsum war Heiligabend bis 11 Uhr geöffnet. Danach räumte Elvira noch den Laden auf, machte sauber, holte noch vier Eimer Brikett aus der Garage und stellte sie neben den großen, braunen Kachelofen. Dann setzte sie sich so wie jeden Tag auf ihr Fahrrad, um die dreieinhalb Kilometer nach Kleinow zu fahren, wo sie wohnte. Es fuhr sich nicht gut in dem tiefen Schnee, und ihre Erkältung war immer noch nicht weg, aber schließlich musste sie irgendwie nach Hause. Gleich nachdem sie in Groß Vitzeldorff losgefahren war, rutschte sie, fiel hin und konnte nicht mehr aufstehen. Dazu hatte sie fürchterliche Schmerzen. Glücklicherweise kam gerade Herr Bachmann, der die Post gebracht hatte, mit seinem gelben Wartburg vorbei und sah sie da liegen. Er kurbelte das Fenster herunter und fragte, was passiert sei. Sie sagte, dass sie ihr linkes Bein nicht bewegen könnte und Schmerzen hätte. Bachmann sagte beruhigend: „ Das haben wir gleich, keine Sorge.“ Man war hier zum Glück nicht in einer Großstadt!

Doch er konnte es nicht riskieren, bei der Glätte hier auszusteigen. Es fiel ihm ja schon schwer zu gehen. Wenn er hinfiel, dann könnte er aus eigener Kraft nicht mehr aufstehen. Er wusste jedoch, was zu tun war. Sie waren nur wenige Meter vom Ortseingang entfernt. Er schaltete das Warnblinklicht an, hupte ein paar Mal und wartete. Kaum zwei Minuten später kam Dietmar Wendtland, der Sohn von Mutti und Vati Wendtland angerannt, der von seiner Küche aus das Warnblinklicht gesehen hatte. Er holte seinen Trabant und schaffte es irgendwie, Elvira in das Auto zu bugsieren. Um das Fahrrad konnten sie sich im Moment nicht kümmern. Sie hatte wirklich starke Schmerzen. Sicher war das Bein gebrochen. Selbst wenn er gewollt hätte, es wäre ihm nicht möglich gewesen, die SMH[i] zu rufen. Im Schloss war heute kein Mensch. Die einzigen im Ort, die ein Telefon hatten, waren außer Schrottköter die Gärtnerei, Familie Kahl und Familie Döring. Dietmar wusste, dass keiner von ihnen zu Hause war. Er hatte sie von seinem Küchenfenster aus alle in Richtung Stadt fahren sehen. Notfälle durfte es hier nicht geben. Man war eben weit ab vom Schuss.

Dietmar brachte die Verletzte ins Großenauer Krankenhaus und wartete in der Notaufnahme, während sie im Behandlungsraum war. Es dauerte eine ganze Weile, bis eine Schwester kam und ihm Bescheid sagte. Das Bein war wirklich gebrochen. Sie musste hier bleiben. Dietmar konnte nur nach Kleinow fahren und ihrer Familie mitteilen, was passiert war.

Karla und Marina waren am Heiligen Abend zusammen in Marinas Zimmer, weil da ein Fernsehgerät stand und sie sich beide heute etwas Ablenkung wünschten. Wie üblich,  hatten sie für heute Abend Kartoffelsalat und Bockwurst vorbereitet.  Marina hatte bisher kaum etwas über sich erzählt.  Sie war seit mehr als zehn Jahren hier,  das wusste Karla.  Was davor war, davon hatte sie keine Ahnung. Doch heute, wo sie so allein hier saßen,  fing Marina an zu erzählen. 

„Weißt du,  wie ich hier hergekommen bin?  Mich haben sie aus Berlin in den Kreis Großenau verbannt, weil ich einmal zur falschen Zeit in Großenau war.“

Karla machte große Augen.

„Ich verstehe kein Wort. Sie haben dich hierher verbannt, weil du hier warst?“

„So ungefähr“, antwortete Marina. „Es war am 11. September, das werde ich nie vergessen, dieses Datum. Vor zehn Jahren, 1976. Da war ich neunzehn. Du kennst doch Wolf Biermann?“

„Hab ich schon mal gehört, den Namen. Ist das nicht einer von denen, die immer Ärger machen?“

„Kann man drüber denken, wie man will. Der singt Lieder. Inzwischen ist er ja schon lange drüben. Jedenfalls war er an dem Tag in Großenau in der Kirche und hat ein Konzert gegeben.  War alles richtig genehmigt und so. Da sind wir hin, die ganze Clique. Das war eine Stimmung, kann ich dir sagen! Das kann sich keiner vorstellen, der nicht selbst da gewesen ist. Irgendwas war da schief gelaufen mit der Genehmigung, weil der nämlich schon lange Berufsverbot hatte. Jemand hatte wohl die Genehmigung aus Versehen erteilt, weil der Pfarrer oder irgendjemand von dort auch Biermann hieß. Aber danach, da ging das Theater los. Auf einmal waren wir schuld, dass der da gesungen hatte, so wurde es dargestellt. Wir hätten das wissen müssen und nicht hingehen dürfen, hieß es. Klar wussten wir irgendwas,  aber nichts Genaues. Es gab ja richtig Karten zu kaufen. Sie sagten jedenfalls, es gäbe keine vernünftige Erklärung dafür, dass wir auf einmal aus Berlin nach Großenau fahren, um dort in der Kirche Musik zu hören. Das wäre subversiv oder irgend so ein komisches Wort, ach, ich weiß auch nicht mehr, was die sich alles so ausgedacht haben, um uns madig zu machen. Auf jeden Fall waren wir von da an alle nur noch „Vedächtige“.  Dann kam ich in Untersuchungshaft.  Aber nur drei Tage, dann hieß es, ich müsste Berlin verlassen, weil ich ein negativ-feindliches Subjekt wäre und lauter solch komische Wörter, was weiß ich. Und so bin ich hierhergekommen“, schloss sie.

„Dann ist Groß Vitzeldorff also so was wie ein Verbannungsort. Klein Sibirien der DDR!“ sagte Karla. Da mussten sie beide lachen. Aber es war kein fröhliches Lachen.

Zwischen Weihnachten und Neujahr ruhte alle Arbeit in Groß Vitzeldorff, ausgenommen natürlich alle die Tätigkeiten, die mit Essen und Trinken zusammenhingen. Am Freitag fuhr Familie Dreier mit dem Trabant nach Großenau zum Einkaufen. Frau Dreier hatte – übrigens nicht als Einzige – den Dorfkonsum seit Jahren nicht betreten, weil sie von Elvira Bierhals einige Male dermaßen beleidigt worden war, dass sie sich geschworen hatte, nie wieder mit dieser unmöglichen Person zu sprechen. Zum Glück waren sie nicht auf den Dorfkonsum angewiesen, weil sie den Trabant hatten. Überdies war Dreier der Kraftfahrer des Kinderkurheims und konnte immer etwas aus der Kaufhalle mitbringen, wenn er nach Großenau musste, um den Doktor oder den Filmvorführer zu holen oder sonst etwas zu besorgen. Er  ließ seine Frau vor der Kaufhalle aussteigen und sagte wie immer: „Geh du mal, ich muss noch was besorgen!“ Natürlich wusste sie, was er noch besorgen musste. Sie roch den Alkohol, als sie wieder einstieg. Es gefiel ihr nicht, aber sie wollte sich nicht ständig streiten. Deshalb sagte sie fast nie etwas darüber. In den ersten Jahren ihrer Ehe trank er fast nie, dann wurde es immer mehr. Aber er war immer friedlich und machte nie Ärger. Sie hatten ihre Silberhochzeit schon einige Jahre hinter sich.

An diesem Tag hatte es wieder geschneit. Die Straßen waren glatt unter dem frisch gefallenen Schnee. Kurz vor Kleinow passierte es. Der Trabant rutschte von der Straße und landete im Graben. Es gab einen nicht allzu heftigen Aufprall in dem frisch gefallenen Schnee. Herbert stöhnte laut auf und hielt seinen Arm. Frau Dreier war völlig unverletzt, aber sie konnten beide die Türen des Autos nicht öffnen, weil dieses so ungünstig in den breiten Straßengraben eingeklemmt war. Kurz darauf hielt ein anderer Trabant an und jemand stieg aus, um nachzusehen, was da los war. Der Mann rief ihnen zu, dass er Hilfe holen würde. Sie kannten den Mann nicht, aber er war aus Kleinow. Sein Weg führte direkt zum ABV. Die Sache sah nicht so gefährlich aus, meinte er, um gleich einen Krankenwagen holen zu lassen. So viel hatte er gesehen, die Leute waren unverletzt. Gerhard Hippel fuhr erst einmal selbst hin, zumal es nur ein Weg von ein paar hundert Metern war, und bemühte nicht gleich die Kollegen vom VPKA[ii] in Großenau. Die hatten auch so genug zu tun. Nur nicht gleich die Pferde scheu machen, war seine Devise, und damit war er bisher gut zurechtgekommen.

Er sah den eingeklemmten Trabant und wusste sofort, was hier zu tun war. Er fuhr 50 Meter weiter zum LPG-Hof, auf dem mehrere Traktoren standen, und ging in das Büro des Vorsitzenden. Der war erfreut, dem ABV einen Gefallen tun zu können. Es konnte nicht schaden, sich mit der Polizei gut zu stellen. Ganz besonders in seiner Stellung als LPG – Vorsitzender.

Natürlich bemerkten sie die Alkoholfahne, die Herbert Dreier hatte, als dieser endlich aus dem Trabant aussteigen konnte. Aber keiner sagte etwas. Jeder wusste, dass Herbert Dreier fast immer unter Strom fuhr. Wahrscheinlich wäre der ohne Alkohol völlig unsicher gefahren. Wem hätte es etwas gebracht, ihn jetzt deswegen anzuzeigen? Wer sollte denn dann die Kinder zum Kindergarten fahren? Es war nie etwas passiert, und das hier, das war auch nicht seine Schuld. Das hätte jedem passieren können bei der Glätte heute. Warum wurde auch nicht gestreut? Auch Dr. Friedrich, zu dem er dann doch noch wegen der Schmerzen in seinem Arm musste, fragte nicht und sagte nichts. Er kannte ihn seit Jahrzehnten. Der würde sich sowieso nie ändern, und es war ja auch gar nichts passiert. Herr Hippel brachte die beiden noch samt Einkaufstaschen nach Groß Vitzeldorff. Das Protokoll sparte er sich. Er betrachtete es mehr als private Hilfe, die er seinen Mitmenschen schuldig war.

Dass die LPG für so eine Kleinigkeit keine Rechnung schrieb, war ebenso selbstverständlich. Sie hatten ihren Spaß daran gehabt, den kleinen Trabant mit dem großen Trecker wie ein Spielzeug aus dem Straßengraben herauszuziehen! Außerdem fuhr Dreier jeden Tag die Kinder der Kleinower LPG zusammen mit den Kindern der Angestellten des Kinderkurheims in die Kinderkombination und holte sie am Nachmittag wieder ab. Das wurde einfach so vereinbart, keiner hatte Zeit, da Rechnungen hin und her zu schreiben. Dann hätten erst noch andere ihre Nase in die örtlichen Angelegenheiten gesteckt. Das wollte keiner. Man hatte das hier schon immer so gemacht und war damit gut gefahren. Der Trabant stand nun erst einmal auf dem LPG – Hof zwischen Traktoren und Erntemaschinen.

Am Dienstag zwischen Weihnachten und Silvester fuhr Gertrud Fröhlich mit dem Bus in die Stadt. Ihre zwei kleinen Jungen hatte sie bei sich, denn der Kindergarten war geschlossen. Alle hatten ja frei in den umliegenden Dörfern. Sie fuhren bis zum Bahnhof und stiefelten dann los, um die zwei Kilometer zum Krankenhaus zu Fuß zurückzulegen. Frau Fröhlich war klein und rundlich und sah stets zerzaust aus, ob sie nun gerade vom Friseur kam oder nicht. Irgendwie schaffte sie es immer, Flecke auf Pullover und Jacken zu bekommen. An ihrem Gang konnte man erkennen, dass sie sehr oft Gummistiefel trug. Das sah man selbst dann, wenn sie in ganz normalen Halbschuhen ging. Es sah immer aus, als ob sie gerade eine Schlammpfütze durchquerte. Ihre Schuhe waren stets nach kurzer Zeit schiefgetreten. Die beiden Kinder jedoch sahen sehr ordentlich gekleidet aus und benahmen sich auch sehr gut. Der kleinere war drei Jahre alt, der große fünf.

Die Besuchszeit im Krankenhaus beschränkte sich auf je zwei Stunden am Mittwoch- und am Sonntagnachmittag. Wie sollte sie aber zu diesen Zeiten in die Stadt kommen? Sie konnte nur dienstags und freitags jeweils am Vormittag kommen, und auch das nur, wenn sie Urlaub hatte. Nächste Woche könnte sie also gar nicht kommen. Es ging ihr nicht in erster Linie darum, ihren Mann zu besuchen. Sie wollte mit einem Arzt sprechen, um zu erfahren, wie es nun weitergehen sollte. Sie ging zur Anmeldung und brachte ihr Anliegen vor. Hätte sie die beiden Kinder nicht bei sich gehabt, man hätte sie weggeschickt. Aber so konnte man das natürlich nicht tun. Die freundliche Dame von der Anmeldung telefonierte kurz und führte sie dann in einen Raum im zweiten Stock.

Der Arzt kam nach wenigen Minuten und fragte zuerst, ob sich inzwischen jemand um die beiden Kinder kümmern sollte. Sie verneinte, die Kinder sollten ruhig dableiben.

Der Arzt sah kurz in die Krankenakte, nickte und sagte dann zu Frau Fröhlich:

„Ihr Mann kann nach Hause entlassen werden, wenn er das wünscht.“

„Um Gottes Willen! Wat soll ick denn da mit ihm? Wenn er nun wieder so viel trinkt und uns bedroht? Ich hatte Angst, er tut uns etwas an.“

„Wir haben Ihrem Mann eine Entziehungskur angeboten. Er hat sich jedoch noch nicht entschieden. Möchten Sie mit Ihrem Mann sprechen? Vielleicht können Sie ihn ja überreden. Es wäre doch nur zu seinem Besten.“

„Wenn das geht…“

Sie ließ nun die beiden Jungen doch in der Obhut einer Krankenschwester zurück. 

Als sie das Zimmer betrat, in dem ihr Mann untergebracht war, blieb sie in der Nähe der Tür stehen und sagte:

 „Wat is nu?“

„ Weeß ick doch nich“, kam die Antwort.

„Brauchste wat?“

„Nee. Krieg ja hier alles.“

„Machste die Entziehungskur?“

„Besser isses wohl. Dann mach ick dat.“

Damit war alles gesagt. Sie verließ den Raum, nahm ihre beiden Kinder und stiefelte wieder zum Bahnhof. Der größere der Jungen aber fragte: „Mama, warum ist Papa im Krankenhaus? Er soll wieder nach Hause kommen.“ Dabei sah er sehr traurig aus.

Man würde schon sehen. Erst einmal sollte er die Kur machen.

Fräulein Oczynski blieb bis nach Neujahr im Haus ihrer Eltern. Eines Nachts war ihr plötzlich ein Gedanke gekommen, der ihr seitdem keine Ruhe mehr ließ. Vor Jahren hatte sie einmal im Übermut etwas Unüberlegtes getan. Damals waren sie frisch verliebt gewesen, sie und Schrottköter, und er hatte ein paar Fotos von ihr gemacht, die nicht für die Öffentlichkeit geeignet waren. Sie hatte ihn nie gefragt, wo er diese Bilder versteckt hatte. Sie war sicher, dass er sie nicht weggeworfen hatte. Doch in seiner Wohnung hatte er sie bestimmt nicht aufbewahrt. Wenn er sie nun in seinem Büro versteckt hatte, und jetzt fand jemand anders diese Bilder, womöglich Joachim Kahl? Der Gedanke war so schrecklich, dass sie schon ernstlich überlegte, sofort zu kündigen und sich eine neue Arbeit zu suchen. Sie legte sehr viel Wert auf ihren guten Ruf!

Ein paar Tage lang ging ihr das alles durch den Kopf. Schließlich fiel ihrer Mutter auf, dass mit ihr etwas nicht stimmte. Sie fragte, doch Hannelore sagte, es wäre nichts. Ihre Geschwister waren mit ihren Familien bereits wieder weg, sie war für den Rest der Zeit mit ihren Eltern allein. Silvester feierten sie wie immer unter sich zu Hause. Es gab eine Erdbeerbowle und um Mitternacht ein Glas Rotkäppchensekt. Was würde das neue Jahr wohl bringen?

Kapitel 9

Tamara allein zu Haus

Das neue Jahr brachte Kälte und noch mehr Schnee. Am ersten Sonntag des Jahres musste sich Frank Rothe schon morgens nach Großenau bringen lassen, um per Bahn bis zum nächsten Morgen die Kaserne im äußersten Süden der DDR zu erreichen. Herbert Dreier brachte ihn mit dem weißen Wartburg zum Bahnhof. Das war eines der zwei Dienstfahrzeuge, die zum Kinderkurheim gehörten. Zu so früher Stunde war sogar er völlig nüchtern. Mühsam kämpfte sich der Wartburg seinen Weg durch den Schnee. Am Wochenende wurden nur die Fernverkehrsstraßen geräumt. Die ersten zehn Kilometer führten jedoch nur über Landstraßen. Bei Lindenau waren wie meistens, wenn man es eilig hatte, die Bahnschranken geschlossen. Das konnte dauern! Aber bei diesen Straßenverhältnissen wollte Herbert Dreier nicht umkehren und den anderen Weg über Ganzow nehmen. Dort war die Straße noch schlechter und schmaler. Nach zwanzig Minuten kam endlich ein Güterzug. Weitere fünf Minuten später kam die Schrankenwärterin heraus, kurbelte die Schranken wieder hoch und Dreier konnte weiterfahren, sodass sie gerade noch rechtzeitig in Großenau ankamen. Auf dem Bahnsteig verabschiedete sich Frank Rothe von seiner Frau. Tamara war zehn Jahre jünger als er, eine zierliche, dunkelhaarige Frau mit auffallend blauen Augen, die nicht nur ihm gefielen. Das war auch ein Grund dafür, dass er die ständigen Einberufungsbefehle so verabscheute. Als der Zug abfuhr, war er so mutlos wie selten in seinem Leben. Beim letzten Mal hatte er nach seiner dreimonatigen Abwesenheit üble Gerüchte über seine Frau gehört. Er stellte die Klatschmäuler zur Rede. Da wollte keiner etwas gesagt haben. Aber der Zweifel war geblieben.

Tamara arbeitete seit vier Jahren nicht mehr im Kinderkurheim. Sie war mit zwanzig Jahren als Hilfserzieherin dort eingestellt worden, ohne eine entsprechende Ausbildung zu haben. Dann hatte sie die Gelegenheit ergriffen und neben der Berufstätigkeit im Fernstudium die Ausbildung nachgeholt. Als später in Kleinow Hände ringend nach einer Horterzieherin gesucht wurde, war das für sie die Chance, einerseits dem Schicht- und Wochenenddienst und andererseits den zermürbenden Vorschriften im alltäglichen Ablauf im Kinderkurheim zu entgehen, die den Spaß an der Arbeit von vornherein verdarben.  Im Hort konnte sie ihre eigenen Ideen einbringen und fand Freude an der Arbeit mit den Kindern. Natürlich hatte sie als Horterzieherin auch mit den Lehrern zu tun, und von daher kamen die üblen Gerüchte. Einer der Lieblingsaussprüche von Berta Altmann war dieser: „Wer sich zu fein für das Kinderkurheim ist, wird schon sehen, was er davon hat. Die denkt wohl, sie ist was Besseres!“

Ganz unberechtigt waren die Gerüchte jedoch nicht. Sie hatte tatsächlich, als Frank vor drei Jahren monatelang abwesend war, ein Verhältnis mit einem jungen Lehrer aus Kleinow gehabt. Nach seiner Rückkehr aber war das sofort vorbei. Davon hatte Berta Altmann glücklicherweise nicht die leiseste Ahnung. Auch sonst ahnte keiner etwas davon. Die Gerüchte wären auch aufgekommen, wenn es absolut keinen Grund dafür gegeben hätte. 

Jetzt stieg Tamara in den weißen Wartburg und fühlte sich elend. Wieder monatelang allein! Dafür war sie einfach nicht geschaffen. Für sie begann das neue Jahr düster und trostlos. Und das nur, weil irgendwo ein paar weltfremde, alte Männer saßen und beschlossen, dass man zur Verteidigung der Heimat unbedingt am anderen Ende der Republik Krieg spielen musste! Es gab auch ein Stück Westgrenze ganz in der Nähe, warum schickten sie ihn nicht dorthin? Das war doch reine Schikane und absolut idiotisch. – Vor ihren Hortkindern durfte sie das natürlich nicht sagen. Da musste sie so reden, wie es den Richtlinien von Partei und Regierung entsprach. Wie alle Lehrer und Erzieher hatte sie den Auftrag, die Jungen so zu lenken, dass sie sich möglichst schon in der ersten Klasse für eine Laufbahn in der NVA entschieden.

Während sich Tamara von ihrem Mann verabschiedet hatte, war Dreier in die Bahnhofsgaststätte gegangen und hatte sich einen halben Liter Klaren geholt, den er schon zur Hälfte ausgetrunken hatte, als er wieder in den Wartburg stieg. Tamara roch den Alkohol, als sie jetzt einstieg. Sie hatte es nicht anders erwartet. Nun, er fuhr ja immer unter Strom und es war noch nie etwas passiert. Also kein Grund, sich aufzuregen. Sie hatte genug eigenen Kummer im Moment. Trotzdem war sie heilfroh, als sie die Fahrt hinter sich hatte.

Als sie wieder zurückkam in ihre leere Wohnung im Erdgeschoss des Wohnheims, lief sie eine halbe Stunde lang sinnlos umher, räumte hier eine Tasse ab, stellte dort etwas anders hin als vorher, ohne recht zu wissen, was sie tat. Sie war nicht gern allein. So war es jedes Mal gewesen, wenn Frank einberufen wurde. Tamara hatte im Ort keine Verwandten. Sie stammte aus einem schönen, kleinen Ort auf der Insel Usedom. Seit sie die Arbeit im Hort hatte, fühlte sie sich wohl hier in Groß Vitzeldorff. Früh konnte sie mit dem Schülerbus zur Arbeit fahren und nachmittags wieder zurück. In der Mittagspause hatte sie Zeit, um gleich gegenüber im Dorfkonsum von Kleinow einzukaufen. Dort bekam sie alles, was sie brauchte. Wenn sie um fünf Uhr nachmittags nach Hause kam, war der Einkauf schon erledigt. Aber heute hatte sie weder Lust spazieren zu gehen noch zu irgendetwas anderem. Am liebsten hätte sie sich ins Bett gelegt und geheult. Doch davon wurde es sicher auch nicht besser. Zu allem Unglück war heute Sonntag. Tamara wäre lieber zur Arbeit gegangen, um etwas Ablenkung zu haben. Sie versuchte zu lesen. Nach wenigen Zeilen merkte sie, dass sie sich nicht konzentrieren konnte und das Gelesene gar nicht aufnahm, weil ihre Gedanken immer wieder abschweiften. Sie sah auf die Uhr. Jetzt war er gerade auf halber Strecke zwischen Großenau und Berlin. Es würde Wochen dauern, bis er den ersten Urlaub bekam. Frank und sie waren jetzt seit sieben Jahren verheiratet und hatten noch keine Kinder. Als sie noch Erzieherin im Kinderkurheim war, musste sie sich laufend die Sticheleien der Berta Altmann anhören. Sie schickte gewöhnlich ihre Schwägerin Frau Klein vor, die scheinheilig-freundlich fragte: „Na, kann man denn bald gratulieren? Wie lange seid ihr eigentlich schon verheiratet?“. Dann kamen Kommentare wie „Ohne Gören lebt man ja viel besser“ oder „Heute kann es sich ja jeder aussuchen. Wir mussten es so nehmen, wie es kommt! Ich hätte bestimmt keine vier Gören, wenn es damals schon die Pille gegeben hätte. Die Jugend weiß gar nicht, wie gut sie es heute hat!“. Und das ganze Bohnerbesengeschwader stimmte eifrig zu. Das war unerträglich. Dabei nahm sie keine Anti-Baby-Pille. Sie hätte gern ein Kind gehabt.

Am nächsten Tag hatte Karla ihren ersten Arbeitstag. Um sieben Uhr morgens begann ihr Dienst. Herr Kahl brachte sie zum Zimmer des Reinigungspersonals und stellte sie dort den anderen vor. Er bat die Kollegen, sie einzuarbeiten und sich bei irgendwelchen Fragen sofort an ihn zu wenden. Ihm war überhaupt nicht bewusst, dass er damit seine Kompetenz überschritt. Denn er war nur für die Erzieher zuständig. Für das Reinigungspersonal gab es die Wirtschaftsleiterin Frau Döring, die ein sehr großzügiges Gehalt dafür bekam, dass sie sich um die Mehrzahl der Angestellten zu kümmern hatte. Ihr unterstanden sämtliche Angestellten mit Ausnahme der Erzieher, des Buchhalters und der Chefsekretärin. Doch während jeder sofort an die Arbeit ging oder sich zumindest den Anschein gab, viel zu tun zu haben, sobald Herr Kahl in Sicht kam, war Dagmar Döring eher unsichtbar. Sie hatte ein winziges Büro im Turm hinter dem Arztzimmer, wohin sich keiner verirrte. Meistens saß sie bei den beiden Bürokräften im Sekretariat oder war unterwegs in Gärtnerei und Konsum. Den vollbeschäftigten Kräften im Kinderkurheim – außer den Erziehern, die ja die Kinder ununterbrochen beaufsichtigen mussten – war es seit jeher gestattet, während der Arbeitszeit im Dorfkonsum einkaufen zu gehen. Das war auch gar nicht anders möglich, denn außerhalb ihrer Arbeitszeit war der Laden geschlossen. Der Konsum war von 9:30 bis 12 Uhr und von 13 Uhr bis 14:30 geöffnet. Die Leute mussten ja irgendwann Lebensmittel einkaufen.  Wer arbeitet, der soll auch essen.

Jedenfalls würde Dagmar Döring nichts dagegen haben, wenn Kahl ihr einen Teil der Arbeit und der Verantwortung abnahm. Sie war nicht mehr ehrgeizig, sie wollte einfach nur einen ruhigen Job machen und dabei möglichst viel verdienen. Dabei war sie nicht unfähig. Sie wusste jedoch aus Erfahrung, dass es ihr keiner danken würde, wenn sie hier irgendetwas verändern wollte. Zu Anfang hatte sie es versucht. Sie hatte damals jede Menge gute Ideen und auch den guten Willen, sich dafür einzusetzen. Vor allem konnte sie wirklich gut rechnen und mit Geld umgehen! Was hatte sie sich nicht alles überlegt in den ersten Wochen, nachdem sie damals als Nachfolgerin des Wirtschaftsleiters eingesetzt wurde! Was hätte man mit den Kindern machen können, genug Geld war ja da, das wusste sie. Dann kam Kahl aus Zypern zurück und sie hatte sofort damit aufgehört, da es ihr nichts als Ärger einbrachte. Sie war ja nicht blöd. Jemand, der nach Zypern fahren durfte – also NSW[iii] – sie hätte ja wahnsinnig sein müssen, wenn sie sich mit dem angelegt hätte. Jeder wusste, was das bedeutete. Davon hielt sie sich fern, sie dachte an ihre Familie.

Die ganze Reinigungstruppe wusste längst von Berta Altmann, dass Karla irgendetwas „ausgefressen“ hatte und deshalb aus Berlin ausgewiesen worden war. Sie hatten keine Ahnung davon, dass sie acht Monate in Hoheneck gewesen war, ebenso wenig wussten sie von ihrem Kind. Nun hatte sie aber trotzdem bei den meisten bereits vor ihrem Eintreffen drei riesengroße Minuspunkte. Erstens war sie jung, noch nicht einmal zwanzig. Zweitens war sie aus Berlin. Was die Gören da lernten, das sah man ja an den Heimgören! Rotzfrech und strohdumm! Und drittens hatte sie mit ihren 19 Jahren schon Ärger mit der Staatsmacht. Na, das konnte ja eine sein! Aber hier würde man schon mit ihr fertig werden!

Wie sie nun zur Tür hereinkam, sah sie weder rotzfrech noch strohdumm aus. Nachdem Herr Kahl gegangen war, sah sie sich etwas hilflos um. Die fünf Frauen mit ihren bunten Kittelschürzen saßen an einem großen Tisch mit geblümter Wachstuchtischdecke, jede einen großen Pott Kaffee vor sich und daneben Stullenpakete, Äpfel und Zeitungen. Sofort nahm sie den starken Alkoholgeruch wahr, der den ganzen Raum verpestete. Paula Kowalski saß auf ihrem angestammten Platz vor einer Tasse Kaffee und stierte vor sich hin. Sie hatte wie gewöhnlich so viel Restalkohol im Blut, dass sie kaum wusste, wo sie sich befand.

Gertrud Fröhlich sagte zu Karla:

„Sie können sich hier hinsetzen.“ Dann herrschte erst einmal Schweigen.

Keine traute sich, der Neuen einen Pott Kaffee zu kochen, weil Berta Altmann alle streng ansah.

Sie hatten gerade das Thema gehabt, was mit dem Heimleiter passiert war und wie es nun wohl weiterginge. Alle sprachen heute darüber. Aber da nun die Neue hier saß, wollte keine weitersprechen.

Es war ein peinliches Schweigen. Karla hatte erwartet, sofort mit der Arbeit zu beginnen und dann irgendwann gegen zehn Uhr eine kurze Pause zum Frühstücken zu haben. Sie wagte jedoch nicht zu fragen. Ein paar Minuten später ging die Tür auf und Frau Kahl schaute herein. Sie bat Karla mitzukommen.

Die Formalitäten der Arbeitsverträge waren Angelegenheit des Chefs, und wenn er nicht da war, der Chefsekretärin, und das war Frau Kahl. Sie nahm Karla mit in ihr Büro und bot ihr einen Stuhl an einem kleinen Tisch an, auf dem einige Papiere lagen. Der vorbereitete Arbeitsvertrag lag da sowie mehrere Briefe und Formulare.

„Sie müssen diesen Personalbogen ausfüllen. Wollen Sie das gleich hier machen oder lieber mitnehmen und morgen vorbei bringen?“

Frau Kahl ahnte nicht im Geringsten, in welche Verlegenheit sie Karla damit brachte. Erstens weil sie nicht schreiben konnte, und zweitens, weil sicher Fragen enthalten waren, deren Beantwortung für Karla peinlich war. Sie wusste nicht, was sie antworten sollte.

Schließlich sagte sie: „Ich bringe es lieber morgen wieder mit.“ Sie sprach leise und sah vor sich auf den Boden.

Dann legte ihr Frau Kahl den Arbeitsvertrag vor und zeigte ihr, wo sie unterschreiben sollte. Karla unterschrieb ihn, ohne auch nur ein Wort gelesen zu haben. Es würde schon alles seine Richtigkeit haben. Außerdem hatte sie ja keine andere Wahl.

„Haben Sie sich denn schon ein bisschen eingelebt bei uns hier?“

„Na ja, viele kenne ich noch nicht, aber einige. Marina und Hanne waren ja da. Es war schön, dass ich zu Weihnachten nicht allein war.“

So, wie das Mädchen sprach, passte es überhaupt nicht zu dem, was in der bereits vor Wochen eingetroffenen Kaderakte stand. Frau Kahl traute ihrem eigenen Eindruck stets mehr als allen Akten. Das war ein Glück für Karla.

Denn in dieser Kaderakte stand unter Anderem:

„Die M. neigt zu aggressivem Verhalten. Zu einer geregelten Arbeit war sie nach Abschluss der Lehr-Teilausbildung als Raumpflegerin nicht zu bewegen. Laut Auskunft der Mutter trieb sie sich in diesem Zeitraum mit anderen feindlich-negativen Jugendlichen herum und schlief unter Verletzung der Meldepflicht in Gartenanlagen am Rande von Berlin. Des Weiteren war sie nicht bereit, Auskunft über den Vater ihres unehelichen Kindes zu erteilen.

Auf Grund einer schweren Straftat gegenüber einem Mitglied der Familie ihrer Mutter wurde die M. zu vierzehn Monaten Freiheitsentzug verurteilt, von denen sie acht Monate in der Strafanstalt Hoheneck verbüßt hat. Die M. wurde vorzeitig entlassen. Der Sohn der M. wurde der Obhut ihrer Mutter übergeben, nachdem diese den Antrag gestellt hatte, ihren Enkel zu adoptieren. Die Mutter der M. ist ein vorbildliches Mitglied der sozialistischen Gesellschaft mit ausgezeichnetem Leumund. Bei Verstoß gegen die Bewährungsauflagen drohen der M. weitere sechs Monate Haft.“ Dann wurden die Bewährungsauflagen genannt.

Frau Kahl fand nicht, dass Karla einen aggressiven Eindruck machte. Sie hatte sich mit der Köchin über sie unterhalten, und diese fand die neue Kollegin auch sehr nett und umgänglich. Selbst als Harald Singer und Günter Döring aufgetaucht waren und mit Marina ordentlich Alkohol getankt hatten, hatte sich Karla zurückgehalten und war von allen die Vernünftigste, hatte Hanne erzählt.  Das passte doch absolut nicht zu dem, was in der Akte stand. Auch Marina war damals vor mehr als zehn Jahren mit einer ziemlich fragwürdigen Kaderakte hierher „verbannt“ worden und hatte nie Probleme gemacht. Abgesehen von ihrem Alkoholkonsum, aber das war eine andere Geschichte. Das hatte erst hier angefangen.

 Nachdem die Sache mit dem Arbeitsvertrag erledigt war, sagte Frau Kahl noch: „Versuchen Sie, mit den Kollegen auszukommen. Das wird manchmal nicht einfach sein. Wir kennen unsere Pappenheimer. Lassen Sie sich nur nicht provozieren. Sie wissen ja, es hängt für Sie viel davon ab. Und wenn es zu schlimm wird, kommen Sie zu mir. Wir haben kein Interesse daran, Sie wieder zurück zu schicken, im Gegenteil. Na, es wird schon alles gut gehen. Viel Glück!“

Das war aufrichtig gemeint. Und wieder einmal stiegen Karla Tränen in die Augen. Nach all den Monaten übelster Erniedrigung und Rechtlosigkeit traf sie hier auf Menschen, die ihr halfen, die sie nicht gleich von vornherein verurteilten. Sollte die Altmann sein, wie sie wollte, es gab jedenfalls genug Leute, die sie wie einen normalen Menschen behandelten und ihr damit die Kraft gaben, so manches auszuhalten.

Man schickte Karla los, sie musste die lange Kellertreppe scheuern. Das war eine Arbeit, vor der sich alle drückten. Die Treppe war schon seit Ewigkeiten nicht gründlich gereinigt worden. Doch Karla war froh, so konnte sie dem peinlichen Schweigen und den neugierigen Blicken entkommen. Sie wurde durch nichts und niemanden gestört, denn es waren ja im Moment noch keine Kinder im Haus. Kellertreppen scheuern, das hatte sie in den letzten Monaten gelernt! Die in Hoheneck sahen auf den ersten Blick ähnlich aus wie diese hier. Allerdings wurde diese dort niemals so schmutzig wie die hier, da sie täglich gescheuert wurden. Wenn sie dort die Treppe scheuern musste, stand fast immer eine Aufseherin dabei und schrie sie laufend an, weil sie angeblich eine Ecke vergessen hatte oder aus irgendeinem anderen Grund. Hier konnte sie das in aller Ruhe machen.

 Als sie gerade fertig war, kam Hanne Schneidewind aus der Küche und wollte nach oben. Sie sah, dass Karla die Treppe gescheuert hatte, und sagte: „Haben sie dich gleich zu dieser Scheißarbeit verdonnert? So was dachte ich mir schon. Aber lass mal, du hast die Treppe gescheuert, und die Altmann ist bescheuert. Das kann die ruhig hören, ist mir egal. Die ist schon dreißig Jahre hier und hat das wahrscheinlich noch nie gemacht! Die drückt sich, wo sie kann. Dabei muss sich von denen wirklich keiner überanstrengen. Die müssten bloß mal einen Tag in der Küche schuften, aber von denen springt keiner ein, wenn bei uns mal Not am Mann ist.“

Von den anderen sechs Reinigungskräften stand an diesem Tag nicht eine von ihrem Stuhl auf, bis es Zeit war, Mittag essen zu gehen. Und danach auch nicht mehr.

Kapitel 10

Gegen neun Uhr kam Johannes Bachmann so wie jeden Tag mit dem gelben Wartburg zur Arbeit. Er betrat das kleine Büro und begrüßte Joachim Kahl. Sie wünschten sich gegenseitig ein gesundes neues Jahr und sprachen kurz über das Wetter. Herr Bachmann fragte nicht, wie es denn nun mit der Information des Personals weiter ginge. Das würde er schon noch erfahren. Die Sache mit der Beisetzung hatte sich inzwischen erledigt. Das wusste er aus der Zeitung. Ein kurzer Beitrag ohne Bilder und Namensnennung auf der dritten Seite. „Bewegende Trauerfeiern für Opfer des Flugzeugunglücks“ war die Überschrift. Im Artikel hieß es : „Auf bewegenden Trauerfeiern in Schwerin, Karl-Marx-Stadt, Dresden und verschiedenen anderen Orten nahmen am Donnerstag Angehörige, Freunde und Arbeitskollegen gemeinsam mit Vertretern der SED – Bezirksleitungen und der Räte der Bezirke sowie der örtlichen Partei- und Staatsorgane Abschied von Bürgern der DDR, die beim Absturz einer Aeroflot-Maschine am 12. Dezember bei Bohnstorf ums Leben gekommen waren.“

Arbeitskollegen? Von den Leuten hier hatte keiner gewusst, wann und wo diese Trauerfeier stattfand. Aber das war eine Sache, bei der man besser den Mund hielt und nicht fragte. Es war eine sowjetische Maschine gewesen. Ein Flugzeugunglück gab es eben immer wieder einmal. Ändern konnte man es nun sowieso nicht mehr.

In Wirklichkeit war Kahl völlig ratlos. Täglich hatte er damit gerechnet, dass ein Anruf kam, irgendeine Anweisung von oben. Aber nichts! Absolut nichts! Dass Schrottköter tot war, wusste inzwischen jeder im Dorf, das war klar. Frau Kahl ging jeden Tag im Dorfkonsum einkaufen und hörte, was geredet wurde. 

Die gängigste Version war die, dass er in Thüringen auf der Straße einfach so umgekippt war. Dort wäre er auch gleich beigesetzt worden, er stammte ja von dort. Die Sache mit dem Flugzeugunglück ahnte außer den vier eingeweihten Personen keiner. Wie sollte man auch auf so etwas kommen!

Sollte er den Bezirksarzt anrufen und fragen? Aber was sollte er sagen? Was durfte er sagen? Er wollte auch nicht, dass ABV Hippel in Schwierigkeiten kam. Es war zum Verzweifeln. Er wollte doch nichts falsch machen! Hatte man vielleicht schon entschieden, wer Heimleiter wird, und es würde plötzlich einer auftauchen, der sein Vorgesetzter wurde? Alles war möglich.  Vorerst würde er jedenfalls seine Pflicht als stellvertretender Heimleiter erfüllen und abwarten.

Er stand auf und machte seine übliche Runde. 

Zuerst nach oben in die Gruppen. Er hatte sich im Laufe der Jahre angewöhnt, die breiten Steintreppen so leise hochzugehen, dass er schlich wie eine Katze, auch wenn keiner da war, der ihn hätte hören können. In den Gruppenräumen kontrollierte er die Schränke, insbesondere die Fächer mit den Glastüren, in denen die Erzieherinnen die Süßigkeiten für die Kurkinder aufbewahrten. Aber jetzt im Winter war hier zum Glück keine einzige Ameise zu entdecken. Sie hatten ja nun wieder keinen Hausmeister, darum musste er sich um alles selbst kümmern.  

Dann schloss er die Tür zum Dachboden des Schlosses auf. Hier schien alles in Ordnung zu sein. Seit der Mäuseplage vor einigen Jahren kontrollierte er auch hier regelmäßig. Er ging ganz nach unten in den Keller und blieb vor der Tür zur Küche stehen. Es war nichts zu hören. Dann ging er weiter und betrat den Hausmeisterraum. Das war der einzige Ort im Haus, wo das Rauchen erlaubt war. Hier war es dunkel, denn die Kellerräume hatten nur kleine Fenster. Der ganze Raum war schmutzig. In der Mitte stand ein großer, klobiger Holztisch mit vier alten Stühlen. An einer Ecke war ein Schraubstock befestigt. Wahrscheinlich stammte er ebenso wie der Tisch noch aus Vorkriegszeiten. Hier saßen tagtäglich die Frauen von der Servierküche, wenn sie mit dem Abwasch fertig waren, und lösten Kreuzworträtsel, während sie eine Zigarette nach der anderen rauchten. 

Es roch nach kaltem Zigarettenrauch und Werkstatt.

Gleich neben der Räucherhöhle befand sich die Waschküche. Da ließ sich Kahl heute nicht blicken, denn am Anreisetag hatten die zwei Frauen alle Hände voll zu tun. Bettwäsche und Handtücher mussten bis heute Nachmittag für 150 Kinder gruppenweise sortiert bereit liegen. Alle Handtücher hatten eingestickte Nummern von 1 bis 24 in verschiedenen Farben. So konnte man jedes Handtuch einem Kind zuordnen.

Kahl ging wieder in Richtung Küche und blieb vor der Tür stehen. Nichts zu hören.

Er stieg die lange Kellertreppe hoch ins Erdgeschoss und betrat die große Vorhalle. In diesem Moment sah er eine schwarze Limousine die Dorfstraße herunterfahren, die nach links in die Auffahrt zum Schloss einbog. Was war denn das? Ein Volvo dieser Klasse war in Groß Vitzeldorff noch nie gesehen worden! Das Auto hielt nicht vor der Eingangstür, sondern etwas versteckt rechts neben dem Schloss, hinter der riesengroßen Weide, deren Zweige bis auf den Boden reichten und den Eingang zur Küche verdeckten.

Ein Gedanke schoss Kahl durch den Kopf. Seit Tagen wartete er auf irgendein Zeichen „von oben“. ABV Hippel hatte nochmals kurz mit ihm gesprochen und ihn gebeten, ja nichts darüber zu sagen, was sie ihm mitgeteilt hatten. Er hatte nur den Auftrag gehabt, den Stellvertreter des Heimleiters im Kinderkurheim über den Tod des Herrn Schrottköter zu unterrichten, keine Silbe mehr als das. Trotzdem wussten inzwischen bereits vier Personen Bescheid über diese Sache mit dem Flugzeugunglück: er und seine Frau, Johannes Bachmann und Fräulein Oczynski. Doch diese vier würden Stillschweigen bewahren.

Um sich Haltung zu geben, ging Kahl in sein Büro zurück und legte den Dienstplan der Erzieher für die kommenden vier Wochen vor sich auf den Schreibtisch. Dann wartete er mit gemischten Gefühlen. Es war jetzt halb elf. Bachmann war gerade mit der Post unterwegs und würde in einer Viertelstunde wieder zurück sein. Nach etwa fünf  Minuten klopfte es an die Tür. Er stand nicht auf, sondern sagte nur vernehmlich mit seiner voll tönenden Stimme: „Herein!“

Zwei Männer betraten den Raum und schlossen die Tür sofort wieder hinter sich. „Sie sind der Stellvertreter des Herrn Schrottköter hier im Hause?“

Minuten später führte Herr Kahl die beiden in das verwaiste Büro des Heimleiters. Hier schlossen sie sich ein und wollten vorläufig nicht gestört werden. Auch Kaffee wollten sie nicht. Später würden sie sich bei Kahl melden und dann weitere Anweisungen geben. Sie hatten sich als Beamte der Kriminalpolizei ausgewiesen.

Als Bachmann zurückkam, weihte Kahl ihn in das seltsame Geschehen ein. Selbst für ihn war das alles sehr befremdlich und er musste in diesem Moment einfach jemanden haben, dem er sich mitteilen konnte. Es war so offensichtlich, dass diese beiden Herren nicht von der Kriminalpolizei waren, dass man es gar nicht erwähnen musste. Jedenfalls sollte man das auch nicht laut sagen, denn man konnte ja nie wissen, wer mithörte. Sich dumm stellen war ja oft das Klügste, das wusste jeder. Er stand unter ungeheurem Druck, obwohl er selbst sich keines Fehlers bewusst war. Es war ein wenig unheimlich.

Genau wie jedes Mal am Anreisetag trafen pünktlich um 12:45 die zwölf diensthabenden Erzieher ein, zwei für jede Gruppe. Zuerst schleppten sie die Körbe mit der Bettwäsche aus dem Keller ganz nach oben, dann bezogen sie die 150 Betten. Noch während sie bei dieser Arbeit waren, traf der erste Bus mit Kurkindern ein. Also mussten alle nach unten, die Koffer aus dem Bus in die Vorhalle schleppen und die Kinder begrüßen. In jedem der Busse waren jeweils etwa vierzig Kinder. Nun kam der Auftritt des Erziehungsleiters. Nachdem die Kinder im Speisesaal Platz genommen hatten, begrüßte er sie im Namen aller Angestellten. Er hatte eine Liste mit den Namen der Kinder in der Hand und prüfte, ob alle angereist waren. Vorn standen alle zwölf Erzieherinnen aufgereiht hinter Herrn Kahl. Jedem Kind, das er aufgerufen hatte, sagte er, in welche Gruppe es käme. Am Ende bat er alle Kinder der Gruppe 1 nach vorn, stellte ihnen die beiden zuständigen Erzieherinnen vor und entließ sie nach oben in ihre Gruppenräume.

Danach folgte Gruppe 2 und so weiter. Oben angekommen, wurden sofort die Koffer ausgepackt und jeder Strumpf, jedes Taschentuch musste von den Erzieherinnen gezählt und auf einer mitgebrachten Liste, auf der die Eltern jedes Stück notiert hatten, abgehakt werden. Danach wurden jedem Kind in einem separaten Schrankzimmer einige Schrankfächer zugeteilt. Eventuell mitgebrachte Taschenlampen und Taschenmesser sowie Süßigkeiten wurden eingesammelt und  im Gruppenraum eingeschlossen.

Dann wurde der Tischdienst eingeteilt. Jeweils zwei Kinder aus jeder Gruppe hatten drei Tage lang Tischdienst. Sie gingen dann zehn Minuten früher als die anderen hinunter in den Speisesaal und deckten die Tische unter Anleitung der Frauen von der Servierküche.

Während nun diese Arbeiten sorgfältig durchgeführt werden mussten, begannen einige der unbeschäftigten Kinder herumzurennen und – natürlich – lautstark miteinander zu sprechen. Sie waren aufgeregt und hatten sich viel zu erzählen. Hier galt es sofort  einzuschreiten! Was am ersten Tag versäumt wurde, das machte einem für die nächsten vier Wochen das Leben schwer. Also wurden die Kinder sofort ermahnt, beim zweiten Mal angebrüllt, dass sie sich hier im Hause leise zu verhalten hätten. Noch kicherten einige bei diesen Ermahnungen, aber das würde ihnen schnell vergehen. Schon ertönte die Klingel; der nächste Bus war angekommen. Nun musste eine der Erzieherinnen oben bei den Kindern bleiben, während die zweite nach unten rannte, um wieder Koffer zu tragen und die nächsten Kinder in Empfang zu nehmen. Nachdem alle drei Busse angekommen und die Kinder oben in den Gruppen waren, wurden die Handtücher und Bademäntel ausgeteilt. Alles war nummeriert. Das dauerte bis zum Abendessen um 18 Uhr. Dann gab es „Anreisesuppe“, das war Erbsen – oder Bohneneintopf, der zwar sehr gut schmeckte, aber nach acht Stunden Busfahrt bekam das vielen Kindern absolut nicht. Da sie großen Hunger hatten, aßen sie oft zwei, drei Teller voll und die Nachtwache hatte dann die Bescherung. Es wurde seit Jahren so gemacht und niemand kam auf die Idee, etwas daran zu ändern.


[i] SMH – Schnelle Medizinische Hilfe

[ii] VPKA – Volkspolizeikreisamt

[iii] NSW – Nicht sozialistische Welt

Teil 5

Kapitel 11

Diana am Ende der Welt

Unten in der Küche saßen Hanne Schneidewind und Valeska Sauerbier seit 14 Uhr an dem großen Holztisch bei Kaffee und Kuchen und plauderten über dies und jenes. Die Anreisesuppe, die wirklich sehr gut schmeckte, war eine Fertigkonserve, die speziell für Großküchen hergestellt wurde. Man hatte also heute nichts weiter zu tun als die Dosen zu öffnen und in einem riesigen Topf alles aufzuwärmen. Das war praktisch, denn während an anderen Tagen die Essenszeiten feststanden, kam es am Anreisetag vor, dass sich die Busse und damit das Abendessen verspäteten. Es kam sonst nie vor, dass die Frauen in der Küche so eine ruhige Schicht hatten. Sie arbeiteten oft  so manche Stunde länger, als laut Dienstplan vorgesehen war, und das meistens ohne extra Bezahlung.

Valeska war Polin. Sie war schlank und dunkelhaarig und sprach mit einem starken Akzent. Seit vielen Jahren war sie mit Klaus Sauerbier verheiratet. Er war schon immer bei der LPG gewesen. Er war der Chef im  Kuhstall und verdiente sehr gut. Inzwischen war sie Mitte dreißig und hatte immer noch kein Kind. Erst kürzlich hatte sie zum dritten Mal zu Beginn einer Schwangerschaft eine Fehlgeburt erlitten. Das war ihr großer Kummer. Sie und ihr Mann hatten ein großes, eigenes Haus und als Einzige im Dorf ein Auto, das noch teurer und schneller als ein Wartburg war, einen Lada. Valeska hatte es zu Anfang nicht leicht hier im Dorf, aber das gab sich mit der Zeit, als die Leute merkten, dass sie ruhig und fleißig war und sich nach einiger Zeit nicht einmal mehr schminkte. Als sie 1975 frisch verheiratet hier ankam, war sie erst achtzehn Jahre alt und sprach kaum ein Wort Deutsch. Im Kinderkurheim hatte Klaus Sauerbier deshalb nicht gefragt, ob sie dort arbeiten könnte. Valeska fing bei der LPG Pflanzenproduktion an. Zeitweise war die Arbeit hart, besonders im Herbst, wenn die Kartoffeln geerntet waren und an der Klapper sortiert werden mussten. Dann standen die Frauen täglich acht Stunden in der kalten Halle am Fließband und sammelten die faulen oder angeschlagenen Kartoffeln mit bloßen Händen heraus. Der Gestank in der Halle war unerträglich. Um das auszuhalten, nahmen sich einige der Frauen eine Flasche Elferschluck mit in die Halle. Der wärmte wenigstens durch! Im Sommer aber gab es auch schöne Zeiten. Meistens wurden sie zur Arbeit in Vierergruppen aufgeteilt und gingen Heu wenden oder Unkraut jäten. Dann beeilten sie sich am Vormittag, und nach der Mittagspause suchten sie sich einen Platz hinter einer Hecke, wo sie sich bis zum Feierabend in die Sonne legten. Alle machten das so. Die LPG stand gut da, im Büro des Vorsitzenden hingen die Diagramme über die gute Planerfüllung der LPG „Freie Erde“. Valeska fühlte sich nicht ganz wohl zwischen den Frauen bei der LPG. Sie war in einer kinderreichen polnischen Familie auf dem Lande aufgewachsen und an harte Arbeit gewöhnt. Sie wollte etwas schaffen, am Ende des Tages sehen, was sie erreicht hatte. Oft mussten sie auch tagelang nur auf den Feldern Steine sammeln. Hier ging es allen nur darum, den Tag irgendwie hinter sich zu bringen. Manchmal war es lustig, ja, aber im Grunde war die ganze Arbeit ein Warten auf den Feierabend. Das Gute war jedoch, dass Valeska durch das Zuhören bei den Gesprächen der Frauen nach zwei Jahren ganz gut Deutsch sprach. Das hatte sie schnell gelernt, wenn es auch nicht perfekt war. Eines Tages meinte Klaus, sie könnte versuchen, im Schloss zu arbeiten. Die suchten immer Leute. Er ging hin und fragte bei dem damaligen Heimleiter nach. Ein paar Wochen später fing Valeska als Küchenhilfe an. Das machte ihr Spaß, sie kannte all die Küchenarbeiten sehr gut und brachte noch manch neue Idee mit. Und so geschah das Wunder, dass in Groß Vitzeldorff etwas Neues ausprobiert und für gut befunden wurde, so zum Beispiel ihr polnischer Rote-Bete-Salat, der wirklich hervorragend schmeckte. Nur sie konnte den so zubereiten, dass er perfekt war. Nicht zu sauer und nicht zu lasch.

Jetzt saß sie nun mit Hanne in der Küche und sie rätselten schon seit sie heute hier waren, was es mit dem vor der seitlichen Kellertür geparkten Auto auf sich hätte. Ein schwarzer Volvo! Das musste sicher irgendwie mit dem plötzlichen Tod des Heimleiters zusammenhängen. Keiner wusste im Moment, wer nun eigentlich richtig Chef war. Dass Herr Kahl die Dinge in die Hand nehmen würde und dass er der nächste Anwärter auf diesen Posten war, das hielt jeder hier für selbstverständlich. Ob es auch für jeden eine wünschenswerte Lösung wäre, das stand auf einem ganz anderen Blatt.

Hanne erzählte ihrer Kollegin auch von der Neuen, die im Ledigenwohnheim wohnte. Warum sie hierher geschickt worden war, sagte sie aber nicht. Die Köchin tratschte auch ganz gern, aber niemals auf gemeine Art. Sie sagte: „Das Mädel ist sehr nett. Hoffentlich lässt sie sich von der Altmann nicht so sehr drangsalieren.“ – „Darauf kannst du Gift nehmen, dass die sich darauf stürzt und sie fertig macht. Das ist so sicher wie das Amen in der Kirche.“ erwiderte Valeska. Sie kannte die Boshaftigkeit der Berta Altmann und ihrer Schwägerin Beate Klein aus eigener Erfahrung!

Inzwischen waren die zwei Herren im Büro des Chefs nicht untätig gewesen. Sie hatten alle Unterlagen und jede auch noch so kleine Notiz, die irgendwo herumlag, sorgfältig in ihre Aktenkoffer gepackt und nur leere Schreibblöcke und Ähnliches zurück gelassen. Auch diese hatten sie natürlich genauestens kontrolliert. Sie warfen noch einen letzten prüfenden Blick in den fast völlig geleerten Schreibtisch, sahen sich noch einmal im gesamten Raum um, dann verließen sie das Büro. Zuvor hatten sie noch eine Kleinigkeit aus dem Telefon entfernt und etwas Neues darin zurückgelassen. Als sie nun den Schlüssel zu Herrn Kahl brachten, lehnten sie wieder höflich, aber bestimmt den angebotenen Kaffee ab und verabschiedeten sich. „Sie werden in den nächsten Tagen Weiteres erfahren“, war das Einzige, was aus ihnen heraus zu bekommen war.

Langsam war Kahl von der Heimlichtuerei genervt. Jeder erwartete von ihm, dass er hier den Chef vertrat. Andererseits hielt man ihn unwissend und keiner hielt es für nötig, ihm irgendwelche Informationen zu geben. Er war gern bereit, Überstunden zu machen. Das hatte er schon immer getan, ohne auf die Uhr zu sehen. Aber es verärgerte ihn zunehmend, dass man ihn im Ungewissen darüber ließ, wie es hier weiter gehen würde. Er war daran gewöhnt, dass er in alles eingeweiht wurde und dass er derjenige war, der anderen sagte, was sie zu tun und zu lassen hatten. Er merkte, wie die Kollegen ihn fragend ansahen und auf eine Erklärung warteten. Doch er wusste zum ersten Mal nicht, was er sagen sollte. Das war eine Erfahrung, auf die er gern verzichtet hätte.

In der Post waren heute zwei Briefe von jungen Frauen, die sich als Erzieherinnen bewarben. Die eine kannte er. Es war Sabine Brosinski, die Tochter einer der im Ort wohnenden Erzieherinnen. Er kannte Sabine seit ihrer Geburt, sie war knapp 18 Jahre alt. Sie würde im nächsten Sommer ihre Ausbildung im Kuhstall beenden und danach hier im Kinderkurheim arbeiten.

Dass Sabine angestellt werden würde, war gar keine Frage. Ständig suchte man nach Leuten, die bereit waren, hier am Ende der Welt zu arbeiten. Das Dorf hatte nur 90 Einwohner. Viele Männer und auch einige Frauen arbeiteten bei der LPG Kleinow, einige in der Gärtnerei. Etliche Einwohner waren schon Rentner. Es gab deshalb nicht genügend Leute hier, um überhaupt alle Planstellen im Kinderkurheim zu besetzen. Ganz zu schweigen von der notwendigen Qualifikation! Groß Vitzeldorff war seit jeher ein Ort, in dem mehr Arbeitskräfte gebraucht wurden, als man vor Ort zur Verfügung hatte. Das war schon in den Zeiten so gewesen, als das Schloss noch einer adeligen Familie gehörte, und so war es bis heute. Viele der heutigen Angestellten kamen aus den umliegenden Dörfern. Die Hälfte der jungen Erzieherinnen kam sogar von weiter her. Die meisten teilten sich jeweils zu zweit ein Zimmer im „Ledigenwohnheim“.

Es gab unter den vierzehn Erzieherinnen nur vier, die einen Abschluss als Erzieherin besaßen. Die anderen hatten zumeist „im Kuhstall gelernt“, wie man es hier nannte. Sie waren Melker oder Melkergehilfen. Wenn man schon mal eine hatte, die zuverlässig und fähig war und ließ sie nebenbei das Studium machen, dann konnte es passieren, dass sie kündigte und woanders anfing zu arbeiten, so wie Tamara Rothe. So etwas Undankbares! Hier hatte sie die Arbeit vor der Nase und ging lieber nach Kleinow in den Hort, wo sie mit dem Bus fahren musste. Das dürfte es gar nicht geben, fand er. Wenn jemand dort, wo er war, gebraucht wurde, dann dürfte ihn gar keine andere Einrichtung einstellen. Er verstand wirklich nicht, warum sie das getan hatte. Hier hatte sie es doch gut. Im Hort mussten sie mit den Kindern Hausaufgaben machen und sich manchmal auch noch mit den Eltern auseinander setzen. Das brauchte hier keiner! Hier hatten die Gören zu spuren und fertig. – Erzählt wurde ja schon lange, dass sie ein Techtelmechtel mit Lehrer Patzig hätte. Vielleicht hatte das schon vorher angefangen und sie hatte sich deshalb dort beworben? Die Frau von Lehrer Patzig hatte jedenfalls mehr als einmal für Gerede gesorgt. Was daran war, das wusste man nicht so genau. Nun war Frank Rothe ja schon wieder zur Reserve eingezogen worden. Wer weiß, was da alles passieren konnte! Hübsch war sie ja wirklich, die Tamara, und die Männer schwirrten um sie herum wie die Motten um das Licht. Sie sah nicht nur umwerfend aus, sie hatte auch ein sehr angenehmes Wesen. Wenn er jung und frei wäre, dann wäre er auch hinter ihr her gewesen, das musste er sich ehrlich eingestehen. Doch sein einziger Ausrutscher war damals die Sache mit Hannelore Oczynski gewesen. Das hatte ihm gereicht, die Aufregung damals, er mit drei kleinen Kindern und dann so was. Danach tat es ihm auch Leid, er wusste schon, was er an seiner Frau hatte. Heute konnte er selbst nicht mehr verstehen, was ihn damals geritten hatte.

Er konzentrierte sich wieder auf seine Arbeit. Die junge Frau, die morgen hier ihren Dienst als Erziehungshelferin antreten sollte, kam aus Schlotheim in Thüringen und war eine ausgebildete Facharbeiterin für elektronische Bauelemente. Nach ihrer Berufsausbildung hatte sie fünf Jahre lang bei der Sparkasse gearbeitet, dann aber Ende November letzten Jahres aus persönlichen Gründen gekündigt und sich hier beworben. Sie hieß Diana Hutmacher. Natürlich stellte man sie ein, man war froh über jede Arbeitskraft. Nach ihrem Lebenslauf zu urteilen, war sie sicher als Erzieherin nicht ungeeignet. Die Kaderakte war noch nicht da, weil alles kurz vor Schrottköters Urlaubsreise sehr schnell entschieden worden war. Über Weihnachten hatte man  bei der Sparkasse keine Zeit für Dinge, die auch später erledigt werden konnten.

Kahl sah sich die zwei neuen Bewerbungen an. Er war nicht berechtigt, Leute einzustellen. Das wurmte ihn. Jeden Monat war es ein Kunststück, mit 14 Erzieherinnen, die eigentlich wöchentlich zwei freie Tage zu bekommen hatten, die Betreuung der sechs Gruppen zu organisieren. Keine wollte viele Überstunden machen! Die Bezahlung für die Erzieher war mau, besonders für diejenigen, die keine entsprechende Ausbildung vorweisen konnten. Sie machten die gleiche Arbeit wie die anderen, selbstverständlich, aber sie wurden nur als Hilfskräfte bezahlt. Laut Arbeitsvertrag waren sie Erziehungshelfer und keine Erzieher. Mit Schichtarbeit kam eine solche ungelernte Kraft einschließlich Sonntagszuschlägen monatlich auf etwa 450 Mark. Eigentlich hätte eine Erziehungshelferin nicht allein mit einer Gruppe arbeiten dürfen, das war nicht zulässig. Doch es waren ja sechs Gruppen im Haus, und so redete man sich damit heraus, dass ja stets mehrere Erzieherinnen vor Ort wären. Es wurde niemals von irgendeiner Stelle kontrolliert, ob sich an die diesbezüglichen Vorschriften gehalten wurde. Natürlich wusste der Bezirksarzt genau, was hier lief. Es war ja überall so! Wichtig war einzig und allein, dass man nach oben berichten und viel Geld einsparen konnte.

Die Reinigungskräfte erhielten durchschnittlich 200 Mark mehr als eine Erziehungshelferin. Und das ohne Schichtarbeit. Sie bekamen auch Sonntagszuschläge, wenn sie sonntags arbeiteten. Viele Industriearbeiter konnten von einem solchen Gehalt nur träumen und mussten in einer lauten, schmutzigen Werkhalle am Fließband stehen. Für die Erzieher gab es keine Sonntagszuschläge. Gerade die ledigen Erzieherinnen ohne Kinder mussten oft drei Sonntage pro Monat arbeiten, von acht bis acht. Das war hart.

Die neue Erzieherin, Frau Hutmacher, traf gerade in dem Augenblick ein, als Herr Kahl heute gegen 17 Uhr Feierabend hatte und nach Hause ging. Ein Trabant hielt vor dem Wohnheim an, sie stieg aus, und das Auto fuhr sofort wieder weg. Es war bereits dunkel.

Nachdem Joachim Kahl ihr das Zimmer gezeigt und den Schlüssel übergeben hatte, klopfte er an die Tür von Marinas Zimmer und stellte ihr die neue Kollegin vor. Es war genauso wie vor zwei Wochen mit Karla Mahlkow. Doch heute war hier nicht alles leer und wie ausgestorben, sondern ab acht Uhr abends würden so viele Bewohner hier sein, dass die Küche kaum ausreichte.

Diana Hutmacher war fünfundzwanzig Jahre alt, groß und schlank und hatte lange, blonde Haare. Dass sie hier in Groß Vitzeldorff landen würde, das hätte sie sich zwei Monate vorher nicht träumen lassen. Eines Tages Ende November, kurz vor dem ersten Advent, sagte ihr Mann aus heiterem Himmel, dass er eine andere Frau hätte und die Scheidung wollte. Sie war gerade dabei, die Zutaten für die Stollenbäckerei auf den Küchentisch zu stellen, damit morgen früh alles die gleiche Temperatur hätte, denn das ist wichtig beim Stollen backen. Mechanisch wog sie weiter Zucker, Salz und bittere Mandeln ab, bis sie begriff, dass das wirklich ernst gemeint war und sich ihr ganzes Leben in Kürze ändern würde. So war es auch. Der Ehemann hatte schon alles vorbereitet. Zwei Tage später bekam sie einen Brief von seinem Rechtsanwalt, der die Scheidungsklage enthielt. Außerdem behielt er die Wohnung. Er hatte schon ein Schreiben vom Rat der Stadt, in dem ihm bescheinigt wurde, dass er die eheliche Wohnung behalten dürfte, da er als Kamerad der Freiwilligen Feuerwehr unabkömmlich wäre. Das war unglaublich, denn sie selbst war ebenfalls Kameradin der Freiwilligen Feuerwehr, und das seit Jahren! Aber sie konnte nichts dagegen tun. Als Frau wurde sie nicht wirklich gebraucht.

Deshalb wollte sie nur noch weg, und zwar so schnell wie möglich, und so weit weg wie möglich! Da sie im Süden der Republik lebte, suchte sie gezielt nach einer Möglichkeit, schnell in den Norden ziehen zu können. Sie brauchte eine Arbeit und eine Wohnung. Zuerst schien es völlig aussichtslos. Doch dann sprach ihr Vater mit einem alten Freund, der eine Idee hatte und ihr half, beides zu finden. Er wusste zufällig, dass die Kinderkurheime in der ganzen Republik ständig nach Personal aller Art suchten. Vor allem fehlte es an Erziehern. Und schließlich fanden sie die passende Stelle für Diana. Es war zwar keine Zweiraumwohnung, die sie bekam – das wäre auch völlig undenkbar in so kurzer Zeit. Selbst Ehepaare mit Kindern warteten oft viele Jahre in der elterlichen Wohnung auf das erste eigene Zuhause. Doch ein eigenes Zimmer mit Benutzung einer Gemeinschaftsküche und eines Gemeinschaftsbades war mehr, als sie erwartet hatte. Und es war wirklich weit weg, und es ging ganz, ganz schnell. So kam es, dass sich Diana Hutmacher an diesem Januarabend im Wohnheim in Groß Vitzeldorff wiederfand. Sie sollte erst am nächsten Morgen ihren Dienst hier antreten, denn am Anreisetag war eine neue Kollegin eher ein Hindernis. Keiner hatte Zeit, sich da mit Erklärungen aufzuhalten.

Marina zeigte ihr die Küche und das Gemeinschaftsbad und fragte dann, ob sie für heute Abend etwas zu essen hätte. Sie hatte noch Wurstbrote und Äpfel, das würde für heute genügen. Diana war seit dem frühen Morgen unterwegs und todmüde. Als sie mit dem Zug in Großenau angekommen war, hatte sie großes Glück gehabt. Am Taxistand vor dem Bahnhof standen so wie immer nach Ankunft eines Zuges jede Menge Leute, die nach Hause wollten. Familien mit Kindern, die quengelten und in der Kälte froren, junge Leute mit riesigen Reisetaschen. Nach zwei Stunden standen nur noch sie und zwei weitere Reisende dort und warteten auf das nächste Taxi. Da sprach sie ein Mann an, der vom Parkplatz kam, und fragte, ob er sie mit seinem Trabant nach Hause fahren sollte. Die beiden anderen wollten nach Bollewick, das lag in der gleichen Richtung wie Groß Vitzeldorff. Er bekam von jedem der drei zehn Mark und die Sache war abgemacht. So hatte er einen kleinen Nebenverdienst und sie kamen endlich an ihr Ziel.

Diana schaute sich im Zimmer um, seufzte und packte ihre Taschen aus. Toll war die Einrichtung nicht gerade! Die Anbauwand ging ja, aber der Fußbodenbelag war schäbig und an mehreren Stellen beschädigt. Nichts passte zueinander. Viel Platz für ihre Sachen war nicht vorhanden. In einigen Tagen würden hier fünfzehn große Postpakete ankommen, die sie in den letzten Tagen gepackt und abgeschickt hatte. Darin waren ihre Kleidung, etwas Wäsche, Geschirr, Hausrat, Bücher und andere Dinge. Wie sie das alles hier in dem beengten Zimmer unterbringen sollte, wusste sie jetzt noch nicht. Sie hatte die Stelle hier angenommen, um möglichst schnell aus der gemeinsamen Wohnung ausziehen zu können. Die Eltern ihrer Freundin lebten bereits vier Jahre als Geschiedene in der gemeinsamen Wohnung, gemeinsam mit Tochter, Schwiegersohn und Enkelkind in einer Zweieinhalbzimmerwohnung. Das war einfach Horror! Daran hatte sie mit Grauen gedacht, als sie ihre Zusage nach Groß Vitzeldorff gesendet hatte. Vier Jahre solchen Horror, das wollte sie sich nicht antun. Manche warteten ja sogar noch länger als vier Jahre!

Sie wünschte sich einen baldigen Scheidungstermin, damit die Angelegenheit abgeschlossen werden konnte.

Jetzt betrat sie mit Marina den anderen Teil des Wohnheims, wo sich der Gemeinschaftsduschraum befand. „Wenn alle da sind, musst du schnell sein, sonst kannst du mitunter ganz schön lange warten, bis du hier rein kommst.“, erklärte Marina. „Wo bekomme ich denn den Schlüssel?“ – „Hier wird nie zugeschlossen. Wir lassen den Schlüssel immer von innen stecken und wenn einer drin ist, dann schließt er sich ein. Außer in den großen Kurpausen, wenn alle weg sind. Dann schließen wir zu. Dann gehen bloß noch die hier duschen, die immer hier bleiben, weil sie keine Familie haben: Hanne Schneidewind, Karla Mahlkow und ich. Hanne ist die Köchin, ich bin Küchenhilfe und Karla ist beim Bohnerbesengeschwader. Sie ist auch erst seit vierzehn Tagen hier.“

Sie setzten sich noch in der Gemeinschaftsküche zusammen und aßen Abendbrot. Marina war froh, dass sie nicht alleine essen musste. Später kamen noch Hanne Schneidewind und Karla dazu und es wurde ein lustiger Abend.

Drüben im Schloss wurde es ruhiger. Um 20 Uhr hatte am Anreisetag in jeder Gruppe jeweils eine der Erzieherinnen Feierabend. Das war diejenige, die morgen zur Frühschicht um 6:45 Uhr anzutreten hatte. Den Rest musste heute die zweite Erzieherin allein schaffen. Die Kinder lagen um 20 Uhr längst in ihren Betten und sollten schlafen. Viele waren noch zu aufgeregt, um schlafen zu können. Aus allen Gruppen waren die Stimmen der Erzieherinnen zu hören, die die Störenfriede ermahnten, die jetzt immer noch nicht schliefen. Nachts mussten stets alle Schlafräume offen bleiben. Die Fenster wurden abends mit schwarzen Vorhängen verdunkelt. In Gruppe zwei standen bereits zwei Jungen im Gang in den Ecken, weil sie im Zimmer noch gesprochen hatten. Oben bei den Vorschülern war auch bereits einer von den Jungen aus dem Bett geholt worden und stand im Dunkeln hinter der offenen Tür zum Schlafraum. Er war schon sieben Jahre alt und passte nicht richtig in diese Gruppe. Die anderen waren zwischen knapp vier und sechs Jahre alt. Das würde eine anstrengende Kur werden mit dem Bengel. Dem musste man gleich zu Anfang zeigen, wer hier das Sagen hatte! Natürlich war es ein Berliner, seufzte Frau Bratfisch, die wie meistens in Gruppe 5 war. Sie saß an dem kleinen Tisch im Flur und schrieb im Schein ihrer Taschenlampe den Wochenplan für die nächste Woche.  Es war immer das Gleiche: Waldspaziergang, Mittwochnachmittag Kinovorstellung, Spaziergang in Richtung Ganzlin, Spaziergang in Richtung Kleinow, Spielen auf dem Spielplatz im Park. Was sollte man auch sonst hier am Ende der Welt mit Vorschulkindern machen? Als sie damit fertig war, nahm sie 14 Ansichtskarten vom Kinderkurheim Groß Protzelburk mit Bildern vom Schloss, vom Speisesaal mit den berühmten Öfen und vom Gruppenraum der Gruppe 1 und schrieb zuerst die Adressen der Eltern darauf. Dann kam auf jede Karte der gleiche Text. Schon morgen würden die Ansichtskarten mit der Post an die Eltern geschickt werden. In der dritten Kurwoche gab es dann wieder eine Karte.

Gerda Bratfisch arbeitete am liebsten in den Vorschulgruppen, obwohl es da viel mehr zu tun gab als bei den größeren Kindern. Man musste die Wäsche für die Kinder zeichnen, die Schuhe putzen und beim Anziehen helfen. Auch beim Essen hatte man keine Ruhe, denn bei den Vorschülern musste man für alle den Tee eingießen und das Essen auf die Teller geben. Dafür hatte man nicht 24 Kinder in der Gruppe wie bei den großen,  sondern nur 14. Und natürlich war es bei den kleineren leichter, sich durchzusetzen, ohne den ganzen Tag herumbrüllen zu müssen.

Gegen halb neun kam die Nachtwache Edith Jäger mit ihrem Fahrrad aus Kleinow. Sie stellte das Fahrrad in der großen Vorhalle ab, nachdem sie es mühsam die Treppen hochgeschleppt hatte, und ging nach oben in den Gruppenraum der Gruppe 1, der sich genau in der Mitte des Schlosses befand. Gegen Ende der Spätschicht trafen sich die Erzieher hier, um der Nachtwache über eventuelle Besonderheiten zu berichten. Heute war es relativ ruhig, die meisten Kinder schienen zu schlafen. Auch sonst war alles reibungslos verlaufen am heutigen Anreisetag. Um zwei musste ein Kind aus Gruppe 5 geweckt und zur Toilette geführt werden; es hatte einen Brief mit entsprechenden Anweisungen bei sich. In Gruppe 2 war ein Junge mit einem Glasauge, auf den geachtet werden musste. Und in der 3 waren zwei Mädchen heute schon aufgefallen. Sie lagen gleich vorn bei der Tür in Zimmer 17, Cindy und Doreen. Auf die sollte Frau Jäger besonders aufpassen.

Natürlich hatte Frau Jäger in Kleinow schon vom Tod des Heimleiters gehört. Die Neuigkeit hatte sich verbreitet wie ein Lauffeuer. Sie dachte, sie würde Näheres erfahren, aber nichts. Die Kollegen konnten ihr auch nicht mehr erzählen, als sie schon wusste.

Herr Kahl ging noch einmal hinüber ins Schloss, um sich zu vergewissern, dass alles in Ordnung war. So war es am Anreisetag schon immer gewesen. Doch es gab keine besonderen Vorkommnisse. Er konnte beruhigt nach Hause gehen. Nachdem Edith Jäger die Kollegen verabschiedet und die große Eingangstür zugeschlossen hatte, ging sie mit ihrer Taschenlampe nach oben. Alles war ruhig. Sie ging in ihr Nachtwachenzimmer am Ende des Ganges im 1. Stock. Das war ein winziger Raum mit Bett, Stuhl, Tisch und einem Waschbecken gleich neben der Tür. Das Waschbecken war übrigens Dekoration für einen Besuch des Ministerpräsidenten der DDR Otto Grotewohl vor Jahren. Es war überhaupt nicht an die Wasserleitung angeschlossen. Der Boiler, der darüber hing, war ebenfalls nur Kulisse. Wenn sie sich die Hände waschen oder eine Tasse Kaffee kochen wollte, musste sie eine der Toiletten aufsuchen. An der Wand hing ein Erste-Hilfe-Kasten. Das war die gesamte Einrichtung des Raumes.

Edith Jäger war eine ziemlich redselige Frau von etwa fünfzig Jahren, klein und stämmig. Abend für Abend kam sie mit ihrem Fahrrad von Kleinow hierher. Schon mehr als einmal hatte sie unterwegs Begegnungen mit Rotten von Wildschweinen gehabt. Wenn gerade wieder einmal ein sowjetischer Soldat aus der nahen Kaserne ausgebrochen war, passte sie genau auf, war aber nicht sehr ängstlich. 

Pro Kur hatte sie 18 Nächte lang hintereinander Dienst, dann hatte sie für den Rest der Kur  frei und es musste täglich jeweils eine Erzieherin die Nachtwache zusätzlich übernehmen.

In den ersten Nächten nach der Anreise ging sie gern in die Schlafräume der Kinder, wenn sie merkte, dass sie nicht schliefen. Dann stellte sie sich den Kindern mit Namen vor und erzählte ihnen allerlei. Von ihrem kranken Mann, von ihren Kindern und über das, was sie heute gemacht hatte. Sie brauchte einfach jemanden zum Reden.

Diese erste Nacht verlief ruhig. Morgens um halb sieben kam Joachim Kahl zum Dienst und ging gleich hoch in den ersten Stock, wo er schon von Frau Jäger erwartet wurde. Im Flur standen gleich bei der Treppe in der Mitte des langen Ganges ein kleiner Tisch und zwei Stühle. Dort fand die morgendliche Übergabe der Nachtwache an den Erziehungsleiter statt. Sie berichtete darüber, wie die erste Nacht verlaufen war. Fünf Kinder hatten die Anreisesuppe nicht vertragen, was relativ wenig war. Das wegzumachen, war Aufgabe der Nachtwache.

In Gruppe drei waren zwei Mädchen aufgefallen, die nachts zusammen zur Toilette gehen wollten. Selbstverständlich hatte Frau Jäger sie umgehend zurück in ihr Zimmer geschickt. Da hatten sie dann noch einmal geflüstert. Daraufhin mussten beide eine halbe Stunde mit dem Gesicht zur Wand im Flur stehen. Sie hießen Cindy und Doreen. Herr Kahl nickte zustimmend. Von Anfang an mussten die Regeln eingehalten werden. Sonst könnte man sich nicht durchsetzen. Die Nachtwache verabschiedete sich jetzt vom Erziehungsleiter, musste jedoch noch bis Punkt sieben Uhr hier bleiben und die Kinder beaufsichtigen, bis die Erzieher oben ankamen. Die Kinder durften keine Minute ohne Aufsicht sein. Kahl ging nach unten in den Garderobenraum der Erzieher. Die sechs Erzieherinnen von der Frühschicht waren selbstverständlich schon da.

Nachdem sie gehört hatten, wie die Nacht verlaufen war, gingen sie nach oben in die Gruppen. Natürlich hatte Kahl die Sache mit den zwei Mädchen aus Gruppe drei an die Erzieher weiter gegeben. Er war sehr gewissenhaft in seiner Arbeit. In Gruppe drei war heute  Neubert. Sie war etwa dreißig Jahre alt, groß, mit langen, schwarzen Haaren. Ihre Stimme war unangenehm und scharf, besonders wenn sie schimpfte. Sie hatte auch im Kuhstall gelernt, da ihre Zeugnisse nicht besonders gut ausgefallen waren. Meistens hatte sie es gerade so geschafft, nicht sitzen zu bleiben. Seit elf Jahren arbeitete sie hier im Kinderkurheim “Heitere Aussicht“ und war bei Auszeichnungen immer eine der besten hier. Im letzten Sommer durfte sie sogar für einen Monat mit nach Jugoslawien fahren, um dort in einem der beiden Kinderkurheime zu arbeiten, die die DDR im Ausland hatte. Eines davon  war in Jugoslawien, das andere auf Zypern. Das war eine ganz besondere Auszeichnung. Seitdem war sie mit Herrn Kahl per „du“.

Kapitel 12

Alltag im Schloss

Pünktlich um sieben Uhr wurden alle Kinder geweckt. Fräulein Neubert ging in Gruppe 3, zuerst in das große Mädchenzimmer, in dem die zwei Mädchen lagen, die nachts durch den versuchten Gang zur Toilette aufgefallen waren. Sie fragte sie in barschem Ton nach ihren Namen und sagte dann scharf: „Wenn ihr denkt, dass ihr hier verrückt spielen könnt, dann habt ihr euch geirrt. Nachts auf dem Flur umher rennen, und dann noch zu zweit! So was hat es ja hier noch nie gegeben! Merkt euch das, oder ihr könnt gleich auf dem Dachboden schlafen!“

Eine von den beiden hatte, da sie nachts nicht zur Toilette gehen durfte, das Bett nass gemacht und hatte nun Angst, als Fräulein Neubert die Zudecke hochschlug und das nasse Bettlaken sah. Die Erzieherin sagte dazu jedoch nichts. Als alle Kinder sich auf dem Flur angestellt hatten, nahm sie das nasse Laken aus dem Bett und dann mit nach unten in den Keller, wo sie es in der Waschküche abgab. So wurde es immer gemacht. Der Grund dafür war einfach. Es gab eine klare, diesbezügliche Anweisung vom Bezirksarzt. Laut dieser Anweisung sollte das Einnässen nicht weiter beachtet werden, weil man der Meinung war, das würde die Sache nur verschlimmern. Nächtliche Störungen jeglicher Art waren den Kindern jedoch verboten.

Es sei denn, das Kind kam mit einem entsprechenden Brief von zu Hause. Dann wurde es nachts um eine bestimmte Zeit geweckt und zur Toilette begleitet, während die Nachtwache mit der Taschenlampe den Weg beleuchtete. Es war in der Nacht im ganzen Haus so dunkel, dass man nicht die Hand vor Augen sah. Deshalb hatte das Mädchen aus Gruppe drei ihre Bettnachbarin gefragt, ob sie mitkäme zur Toilette. Sie fürchtete sich allein im Dunklen in dem großen Schloss.

Die vorgeschriebenen Nachtbeleuchtungen auf den Fluren waren seit mehr als zehn Jahren kaputt, nicht eine einzige funktionierte. Sie waren nicht von allein kaputt gegangen! Doch sowohl die Nachtwache als auch Herr Kahl waren darüber sehr froh. Sie fanden, bei Licht hätte es viel mehr Störungen gegeben. Im Dunkeln fürchteten sich die meisten Kinder und blieben deshalb in ihren Betten, statt auf dem Flur herumzulaufen und die Nachtruhe zu stören.

Nach dem Waschen und Zähne putzen kam jeden Morgen die Bürstenmassage. Dazu gab es für jede Gruppe einen bestimmten Platz. Die Jungen der Gruppen 1 und 3 zum Beispiel stellten sich einander gegenüber im Flur auf. Und dann ging es immer in einer bestimmten Reihenfolge: rechtes Bein, linkes Bein, und so weiter.

Danach mussten sich die Kinder wieder in Reih und Glied anstellen, und zwar ohne zu sprechen. Erst wenn alle in einer geraden Reihe standen und es mucksmäuschenstill war, ging die Gruppe geschlossen die Treppe hoch, auf der rechten Seite. Vor der Tür zum Gruppenbereich blieben sie stehen, bis wieder alle mucksmäuschenstill waren. Dann durften sie in die Schlafräume gehen, sich anziehen und die Betten machen. Die nächste Aufgabe der Erzieherin bestand darin, mit einem Heft herumzugehen und die Betten zu zensieren. Dabei musste jedes Kind neben seinem Bett stehen.  Auch die Nachtschränke wurden täglich auf Ordnung kontrolliert. Das alles dauerte etwa eine Stunde.

Gegen acht Uhr mussten sich die Kinder wieder in Reih und Glied anstellen, und zwar so wie immer, ohne zu sprechen. Nachdem die Gruppe geschlossen die Treppe hinunter gegangen war, musste sie sich vor dem Eingang zum großen Mittelsaal anstellen. Wieder das gleiche Ritual. Minuten lang warten, bis auch der letzte aufhört zu flüstern, dann ging es durch den Mittelsaal, in dem die Vorschulgruppen ihre zwei langen, niedrigen Esstische mit 28 kleinen Stühlen hatten, in den großen Speisesaal. Jedem Kind wurde ein Platz zugewiesen, auf dem es in den nächsten vier Wochen seine Mahlzeiten einnehmen würde. Die beiden Mädchen, Cindy und Doreen, die in der Nacht so gestört hatten, wurden selbstverständlich an verschiedene Tische gesetzt. Fräulein Neubert war schließlich eine erfahrene Erzieherin. Sie wusste, wie man eine Gruppe leitete.

Es war Aufgabe der Erzieherin, dafür zu sorgen, dass beim anschließenden Frühstück kein Kind sprach. Es hatte absolute Ruhe zu herrschen. In Groß Vitzeldorff wurde übrigens kein Kind mehr dazu gezwungen, etwas zu essen. Und auch die Störenfriede, die etwa beim Essen anfingen zu sprechen, durften nicht zur Strafe ohne Essen hinaus geschickt werden. In früheren Jahren war es anders gewesen, aber jetzt lautete die Anweisung von oben, dass jedes Kind so viel isst, wie es will. Fräulein Neubert war entsetzt gewesen, als diese Anweisung kam. Wie sollten die albernen Gören denn zunehmen, wenn sie aus lauter Schlechtigkeit nicht essen wollten? Bei ihr durfte damals die ganze Gruppe nicht aufstehen, so lange ein Kind nicht alles aufgegessen hatte. Oft lag nach dem Frühstück noch ein Stück Butter auf dem Teller eines Kindes. Dann mussten die Kinder die Butter aufessen, auch wenn ihnen davon schlecht wurde. Damals wurde noch mehr als heute besonderer Wert darauf gelegt, dass die Kinder zunahmen. Inzwischen hatte sich das etwas geändert, da die Diagnose Untergewicht nicht mehr so im Mittelpunkt stand. Am Wochenende, wenn Herr Kahl nicht da war, mussten jedoch bei Fräulein Lindemann die Kinder, die sie nicht leiden konnte, auch oft etwas essen, was sie nicht wollten.

Nachdem alle mit dem Frühstück fertig waren, mussten sich die Kinder wieder vor der Tür anstellen, diesmal von innen im großen Mittelsaal. Danach ging die Gruppe geschlossen auf der rechten Seite nach unten in den Keller, denn nach dem Frühstück mussten sich alle noch einmal die Zähne putzen. Falls ein Kind auf der Treppe sprach, kehrten sie wieder um und das Ganze begann von vorn. Dann wieder Anstellen im Kellergang, dann nach oben, wo sie vor der Tür zum Gruppenbereich wieder stehen blieben. Wieder wurde gewartet, bis alle mucksmäuschenstill waren, dann sagte Fräulein Neubert, wie es jetzt weiter geht.

Heute Vormittag musste das Taschengeld der Kinder eingesammelt werden. Dazu machte jede Erzieherin eine Liste, steckte das Geld in einen Beutel und brachte beides zu Herrn Kahl. Im täglichen Ablauf brauchten die Kinder kein Geld. Falls die Gruppe sich vorbildlich benahm, fuhr man vielleicht einmal in die Kreisstadt nach Großenau. In den Wintermonaten kam das jedoch so gut wie nie vor. Oder man ging die dreieinhalb Kilometer nach Kleinow zu Fuß und dann konnten die Kinder dort im Dorfkonsum einkaufen. In so einem Fall konnte jedes Kind sagen, wie viel Geld es mitnehmen wollte, und dann wurde dieser Betrag ausgeteilt. Am Ende der Kur bekam jedes Kind das restliche Geld zurück. Man musste so verfahren, nachdem es oft Ärger gegeben hatte, weil einige Kinder das Geld verloren hatten oder auch Diebstähle vorgekommen waren.

Wenn ein größeres Kind darauf bestand, sein Geld bei sich zu behalten, was hin und wieder vorkam, dann ließ man es zu. Allerdings brauchte das Kind dann nicht zu jammern, wenn das Geld irgendwie verloren ging.

Mit einer Gruppe von Kurkindern in den Dorfkonsum von Groß Vitzeldorff zu gehen, das hatte seit Jahren keine einzige Erzieherin mehr gewagt. Man hatte es früher schon versucht. Aber es war jedes Mal eine Katastrophe. Elvira Bierhals hatte sich vehement beklagt, dass die Kinder nicht wissen, was sie kaufen wollen, dass sie den ganzen Betrieb aufhalten und am Ende womöglich etwas stehlen. Sollte sie vielleicht auf 24 Kinder gleichzeitig aufpassen? Es durften jeweils nur drei Kinder in den Laden. Die anderen mussten draußen warten, bis diese fertig waren. Am Ende dauerte die Sache so lange, dass man nicht rechtzeitig zum Mittagessen kam, selbst wenn man sofort nach dem Frühstück zum Dorfkonsum gegangen war. Seltsamerweise schaffte man es aber, die dreieinhalb Kilometer nach Kleinow hin und zurück zu gehen und alle 24 Kinder dort einkaufen zu lassen. Nun ja. In Groß Vitzeldorff schrieb man ja auch Dorf mit zwei „f“.

Fräulein Neubert hatte es endlich gegen 10 Uhr geschafft, das Geld bei Herrn Kahl abzugeben. Für den heutigen Vormittag stand auf dem Wochenplan „Waldspaziergang“. Bevor sie jedoch mit den Kindern hinausgehen konnte, hatte sie heute noch eine Aufgabe zu erledigen. Sie hatten es gestern nicht geschafft, die Schuhe der Kinder nach unten in den Keller zu bringen, wo es für jede Gruppe ein Regal gab. Deshalb standen die Schuhe ausnahmsweise über Nacht im Spielraum.

Jetzt nahm jedes Kind seine Schuhe in die Hand, dann mussten sie sich wieder anstellen und gingen nach unten. Dabei fiel einem Kind ein Schuh aus der Hand. Sie sah den Jungen genau an, um sich zu merken, wie er aussah, und schrie ihn an: „Noch einer, der hier nur wilde Sau spielen will! Hier wird nicht mit Schuhen herumgeworfen! Das können sich gleich alle merken! Du wirst schon sehen, was du davon hast!“ Alle waren mucksmäuschenstill. Kein Kind wagte es, Fräulein Neubert anzusehen.

Als sie im Erdgeschoss dem Erziehungsleiter begegneten, nickte dieser anerkennend. So gefiel ihm das. Ruhige Kinder, die sich in einer exakten Reihe im Haus bewegen, ohne zu stören. Die ganze Gruppe war diszipliniert, während sie die Schuhe unten in das Regal stellten. Danach mussten sie sich wieder im Kellergang anstellen, um geschlossen nach oben zu gehen. Dort angekommen, mussten sie erst einmal im Flur stehen bleiben. Dann  ging Fräulein Neubert mit jeweils drei Kindern in das Schrankzimmer, um sich eine Jacke für den Spaziergang zu nehmen. Gegen 11 Uhr stand sie endlich mit der Gruppe vor dem Kellerausgang im Schuhraum. Es blieb nun eine halbe Stunde für den Waldspaziergang, dann musste schon der Tischdienst in den Speiseraum geschickt werden.

Bevor sie das Schloss durch den Kellerausgang verließen, wiederholte sich ein Teil der bereits gestern erfolgten Belehrung. Nicht auf Bäume klettern, nicht zu weit nach vorn laufen, nicht schubsen, nicht rennen und so weiter. An jeder Wegabzweigung stehen bleiben und warten. Dann gingen sie endlich nach draußen. Eine halbe Stunde blieb ihnen, um die frische, gesunde Luft zu atmen, die der Hauptgrund für die Verordnung der Kuren war. Vom Heizhaus drüben kamen dicke Rußwolken, die die Luft verpesteten. Man heizte von hier aus das Schloss, das Wohnheim und noch ein weiteres großes Wohnhaus. Und so wie überall heizte man natürlich mit Kohle. Wenn das Wetter ungünstig war, hing der Rauch tagelang im Schlosspark und man bekam ständig Hustenanfälle.

Auch Marina fing an zu husten, als sie um halb elf vom Wohnheim zum Schloss hinüber ging. Sie hatte Spätschicht. Heidi Wendtland hatte schon den größten Teil der vier Eimer Kartoffeln für heute geschält. Sie war sehr klein und mit ihren 23 Jahren schon fast so breit, wie sie hoch war. Doch sie war flink. Und sie gehörte von allen Angestellten im Heim zu den Allernettesten. Die 450 selbst gedrehten Bouletten standen in dem großen Kühlschrank bereit, der sich in einem kleinen Abstellraum neben der Küche befand. Marina machte sich sofort daran, die 45 Konservengläser mit Erbsen und Möhren zu öffnen, die schon auf dem großen Holztisch in der Ecke standen. Das ging ruck zuck, sie hatte Übung. Doch am Abend würde sie es in ihren Handgelenken spüren! Diese Schmerzen gehörten zur Küchenarbeit, daran war nichts zu ändern. Sie kippte den Inhalt der Gläser in einen der riesigen Töpfe und stellte den Herd an. Nun musste noch nachgewürzt werden. Dann half sie noch bei den letzten Kartoffeln.  Um elf Uhr standen Kartoffeln und Gemüse auf dem Herd in der Mitte der Küche.  Jetzt kamen die Bouletten.  Man brauchte zehn große Bratpfannen für 400 Stück.  Natürlich gab es nicht so viele Herdplatten,  deshalb musste man sie nach und nach braten. Wenn die Frauen um fünf nach elf damit begannen,  schafften sie es gerade so, bis kurz vor zwölf alles nach oben in die Servierküche zu schicken.  Keine Zeit für eine Zigarette zwischendurch!  Doch wenn das Essen oben war, setzten sie sich hin und aßen erst einmal selbst.  Wenn einer der leeren Töpfe unten ankam,  mussten sie ihn sofort herausnehmen und den Fahrstuhl wieder hoch schicken.

Oben in der Servierküche stand Mutti Wendtland mit einer riesengroßen Schöpfkelle und füllte Gemüse in die 34 Servierschüsseln, für jeden Tisch eine. Die Kinder vom Tischdienst nahmen die Schüsseln und brachten sie zu den Tischen ihrer jeweiligen Gruppe.  Vorher hatten sie bereits Teller und Besteck auf die Tische verteilt. Alle Kinder übernahmen gern den Tischdienst,  denn die Frauen von der Servierküche waren meistens freundlich zu ihnen und steckten ihnen manchmal ein paar Süßigkeiten zu. Die Schüsseln für die Vorschüler und die Angestellten brachte Gisela mit dem Servierwagen durch den großen Speisesaal in den Mittelsaal, wo schon für alle gedeckt war. Die Kinder der vier großen Gruppen nahmen sich das Essen selbst aus den Schüsseln auf ihre Teller. Für die Vorschüler machten das die Erzieherinnen. 

 Nach dem Mittagessen folgte die zweistündige Mittagsruhe, danach gab es noch eine Zwischenmahlzeit. Das dauerte etwa bis halb vier. Dann ging es für zwei Stunden nach draußen, meistens auf einen Spaziergang und anschließend noch einige Zeit auf dem Spielplatz im Park. Um sechs Uhr gab es das Abendessen, danach wieder wie gehabt hier anstellen, da anstellen, warten, bis alle ruhig sind und so weiter. Sofort nach dem Abendessen gingen alle nach oben und zogen sich aus. Dann ging es in Bademantel und Schlüpfer in die Duschräume im Keller. Ungefähr um sieben Uhr waren alle frisch geduscht wieder oben in den Gruppen. Danach hieß es meistens sofort: Nachtruhe.

Wer als Kurkind bei Hannelore Oczynski landete, hatte Glück, sofern er es sich nicht gleich zu Anfang mit ihr verdarb. Die Räume ihrer Gruppe waren als einzige so gelegen, dass man die große Zwischentür schließen konnte. Das war ein unschätzbarer Vorteil für Erzieher und Kinder, denn man war akustisch von den anderen einigermaßen isoliert. Man hörte hier nicht das Schreien der Erzieher aus den anderen Gruppen. Deshalb hatte Hannelore bedeutend leichteres Arbeiten als alle anderen.

Zur Anreise hatte sie fast immer ihre freien Tage. Das war eines ihrer Privilegien seit vielen Jahren. Wenn sie dann am dritten Tag der Kur zum ersten Mal in ihre Gruppe kam, versammelte sie die Kinder im Spielraum, schloss die große Zwischentür ebenso wie die Tür zum Zimmer und begann etwa folgendermaßen:

„ Ihr seid nun seit zwei Tagen hier im Schloss Groß Vitzeldorff.“ Falls jetzt nicht absolute Stille herrschte, wartete sie und schaute die störenden Kinder nur scharf an, ohne sie anzuschreien.

„Was gefällt euch denn hier bis jetzt am besten?“

Meistens erfolgte keine Antwort auf diese Frage, manchmal sagte ein Kind etwas über das gute Essen oder die schöne Umgebung.

Als zweite Frage folgte:

„Was gefällt euch denn hier bis jetzt am wenigsten? Ihr könnt es mir ruhig erzählen.“

An dieser Stelle wurde gewöhnlich die Mittagsruhe, das frühe Schlafen am Abend, das Trockenbürsten am Morgen und die Strenge der Erzieherinnen genannt.

„Wer von euch möchte während der Mittagsruhe lesen oder spielen?“

Hier meldeten sich natürlich alle und schauten sich gegenseitig erstaunt an.

„Bei mir dürft ihr das. Unter einer Bedingung.“

Jetzt hatte sie die volle Aufmerksamkeit aller, ohne lange warten zu müssen, bis alles still ist.

„Ihr müsst dabei so leise sein, dass man eine Stecknadel fallen hört.“

Alle stimmten sofort zu.

„Das gleiche gilt für die Zeit von sieben Uhr abends bis halb neun.“

Jetzt staunten die Kinder aber wirklich. War das möglich?

„Wer sich bei mir irgendwann danebenbenimmt, für den gilt das natürlich nicht. Der kann dann im Nachtwachenzimmer schlafen.“

Das Zimmer der Nachtwache befand sich innerhalb des abgeschlossenen Bereiches der Gruppe am Ende des Ganges.

Diese angekündigten Maßnahmen setzte sie rigoros durch. Und damit hatte sie von allen Erziehern den entspanntesten Dienst, und noch dazu war sie bei den meisten Kindern beliebt.

Bei ihr sah Kahl darüber hinweg, dass sie die Vorschriften bezüglich Mittags- und Nachtruhe nicht einhielt. Keine der anderen Kolleginnen hätte sich das erlauben dürfen. Den anderen war es auch nicht gestattet, die Zwischentür zu schließen. Das war Gesetz.

Auch diesmal klappte es wieder. Hannelore erschien mit ihrer kunstvollen Hochfrisur, langem schwarzem Rock und Leopardenpullover und hatte damit sofort die Aufmerksamkeit der Kinder. Die Gruppe strengte sich an, bei ihr kein Ärgernis zu erregen, damit sie als einzige dreieinhalb Stunden pro Tag lesen und spielen durften, während sich die anderen schlaflos in ihren Betten wälzten, immer wieder geweckt durch das Schreien der Erzieherinnen der übrigen Gruppen. Fräulein Oczynski war bei ihrer Gruppe beliebt, obwohl sie auch streng durchgriff, wenn es um das Reden beim Essen oder Anstellen ging. Doch sie hatte das kaum nötig. Das erledigten schon die Kinder, die verstanden hatten, worum es ging. Sie forderten die anderen auf, endlich Ruhe zu geben.

Diana Hutmacher war an diesem ersten Arbeitstag in Gruppe 3 und lernte von Fräulein Lindemann den Arbeitsablauf kennen. Sie hatte noch nie mit Kindererziehung zu tun gehabt und versuchte sich alles zu merken, was ihr gesagt wurde. „Vor allem musst du aufpassen, dass dir die Gören nicht auf der Nase herumtanzen. Sonst hast du hier keine Minute deine Ruhe.“, erklärte Fräulein Lindemann der Neuen. „Außerdem will Herr Kahl es so. Und was ER will, ist hier im Haus Gesetz. Nur das zählt! Er kriegt alles mit. Als ob überall im Haus Wanzen eingebaut wären, so kommt es uns manchmal vor. Er scheint überall gleichzeitig zu sein. Für das andere Personal außer den Erziehern wäre eigentlich Dagmar Döring verantwortlich. Aber die ist hier umsonst. Früh ist das Wichtigste, dass du dich beeilst, damit wir kurz nach halb acht im Speisesaal sind. Dann können wir schon viertel neun mit dem Frühstück fertig sein. Danach gehst du am besten immer gleich raus mit der Gruppe, damit die Gören mittags schön müde sind und Ruhe geben. Während der Mittagsruhe müssen die ja schlafen. Außerdem müssen ab 9 Uhr immer alle draußen sein, damit das Haus sauber gemacht werden kann. Da lohnt es sowieso nicht, im Spielraum irgendwas anzufangen und dann alles wieder aufzuräumen. In den Spielräumen darf nie etwas herumliegen, und die Stühle müssen immer auf den Tischen stehen. Wenn es regnet, müssen wir trotzdem raus, außer wenn wirklich mal ein Wolkenbruch kommt. “

Nach dem Frühstück, bei dem jedes etwa von einem der 120 Kinder im großen Speisesaal gesprochene Wort sofort eine strenge Ermahnung nach sich zog, gingen sie sofort mit den Kindern raus und in den Wald. Fräulein Lindemann ging heute mit der Gruppe die Schießplatzgrenze ab. Das musste zu Beginn einer Kur immer gemacht werden, damit die Kinder wussten, wie weit der Schießplatz der sowjetischen Truppen auf dem Übungsplatz zwischen Ganzlin und Groß Vitzeldorff ging. Es gab weder Schilder noch einen Zaun. Die Grenze war der Waldweg, auf dem sie spazieren gingen. Die Kinder durften während der Spaziergänge niemals die Wege verlassen, damit sie sich nicht etwa im Wald verliefen. An jeder Wegabzweigung mussten sie warten, dann wurde durchgezählt, ob noch alle da waren. Die Erzieherin ging stets als Letzte, um die ganze Gruppe im Blick zu haben. Wenn sie hier draußen im Wald waren, konnten die Kinder so viel toben und schreien, wie sie wollten. Oft waren die Wege nach einem Regen völlig aufgeweicht und schlammig. Besonders der große Hauptweg war völlig zerfahren, weil hier fast täglich die zwei Panzer rollten, die zum nahen Truppenübungsplatz der Sowjetarmee gehörten. Wenn die Panzer kamen, dann hörte man das schon von weitem. Die Erzieherin musste dann aufpassen, dass alle an der Seite standen und warteten, bis die Panzer vorbeigefahren waren. Bei Trockenheit im Sommer wirbelten die Panzer ganz schön viel Staub auf! Man hatte sich an sie gewöhnt. Das war hier seit den ersten Tagen des Kinderkurheimes im Jahre 1957 so gewesen, und es würde sich wahrscheinlich niemals ändern.

Sigrid Lindemann fragte die neue Kollegin beim Spaziergang: „Wie bist du denn eigentlich auf die Idee gekommen, in dieses Nest hier zu ziehen?“

„Das ging ganz schnell und überraschend. Ich habe in Schlotheim in der Sparkasse gearbeitet und wäre niemals auf die Idee gekommen, meinen Arbeitsplatz zu kündigen! Ich hätte da bis zur Rente arbeiten können, und das ist noch ziemlich lange. Doch Ende November eröffnete mir mein lieber Ehemann aus heiterem Himmel, dass er eine andere hat und sich scheiden lässt. Und ich habe keine Lust, jetzt noch vier oder fünf Jahre mit dem in einer Wohnung zu leben und mich jeden Tag über irgendetwas aufzuregen. Das Theater kenne ich von den Eltern meiner Freundin. Die sind alle fix und fertig mit den Nerven, die Eltern, meine Freundin, ihr Mann, und das zweijährige Kind ist auch dauernd krank, weil es den ganzen Streit immer mitkriegt. Sie wohnen alle fünf in einer Zweieinhalbzimmerwohnung. Der Vater im Kinderzimmer, die Mutter im Wohnzimmer, meine Freundin mit Mann und Kind im Schlafzimmer auf zehn Quadratmetern. Der Vater schmeißt einfach die ganze Wäsche in die Badewanne, Gardinen und Socken und alles andere zusammen, und lässt Wasser ein. Dann kann tagelang keiner baden. Die Küche müssen sie sich natürlich auch teilen. Inzwischen streitet sich da jeder mit jedem. Wenn ich mir vorstelle, dass mein Mann dann die andere Frau mit in die Wohnung einziehen lässt und ich meine Küche und mein Bad nur auf Nachfrage benutzen darf – nein, danke. Da bin ich lieber hier. Ich wollte einfach nur ganz weit weg! Im Sommer ist es hier doch bestimmt sehr schön.“

„Na ja“, antwortete Sigrid Lindemann, „leider gibt es ja keinen Badesee. Aber unten am Bach ist es im Sommer auch schön. Ansonsten ist hier absolut nichts los, tote Hose. Früher war im alten Gutshaus eine Kneipe, da war jeden Sonnabend Tanz. Ich kenne das aber nur vom Hörensagen. Das muss schon ewig her sein. Jetzt ist hier gar nichts mehr los. Nur der Dorfkonsum und die „Bussi“ als Kulturzentrum für die Jugend. Wenn du sonntags frei hast, ist es hier todlangweilig. Die meisten von uns fahren ja deshalb lieber nach Hause.“

Teil 6

Kapitel 13

Hannes Unfall

Ein paar Tage später war Marina gerade dabei, den großen Herd in der Schlossküche zu reinigen. Einer der großen Töpfe mit den Kartoffeln für das heutige Mittagessen stand auf einem Stuhl neben dem kleinen Fahrstuhl. Auf dem Holztisch standen weitere riesige Töpfe mit Mischgemüse und Hühnerkeulen. Es war halb zwölf, also Zeit, das Essen nach oben zu schicken. Hanne nahm den riesigen Topf mit beiden Händen und wollte ihn in den Fahrstuhl hieven. Da fiel plötzlich der ganze Topf mit den heißen Kartoffeln auf den Boden. Es schepperte laut. Hanne fiel auf den Küchenfußboden und konnte nicht aufstehen. Marina schaffte es nicht, sie hochzuheben, so sehr sie sich auch bemühte. Was sollte sie tun? Das Essen musste doch hochgeschickt werden! Sie nahm schnell einen der anderen schweren Töpfe, stellte ihn in den Fahrstuhl und drückte auf den Knopf, damit der Fahrstuhl nach oben fuhr. Dann rannte sie, so schnell sie konnte, die lange Kellertreppe hoch und geradewegs in Kahls Büro. Bei Katastrophen war er nun mal zuständig, egal ob in der Küche oder oben bei den Kindern.

Er schickte Marina zum Heizhaus, damit sie einen der Heizer in die Küche holte, um zu helfen. Hier im Haus war Kahl der einzige Mann im Moment, abgesehen von Bachmann. Hanne war eine Frau von gut 100 Kilo, das schaffte er nicht allein, falls sie wirklich nicht selbst aufstehen konnte. Er selbst ging hinunter in die Küche. Das sah nicht gut aus. Äußerlich war nichts zu sehen, aber die Köchin stöhnte vor Schmerzen und konnte wirklich nicht aufstehen. Er entschied, dass man sie lieber nicht selbst hochhob, um keinen noch größeren Schaden anzurichten. Man konnte ja nicht wissen, was passiert war. Hanne war dafür bekannt, dass sie nicht gleich jammerte! Und jetzt hatte sie wirklich Schmerzen, die unerträglich sein mussten. Nachdem Kahl von seinem Büro aus den Notdienst angerufen hatte, ging er wieder hinunter in die Küche und nahm eine Decke mit. Das nützte jedoch nicht viel, denn sie konnte sich überhaupt nicht bewegen. So musste sie auf den harten Fliesen liegen bleiben, bis nach etwa einer Stunde endlich der Krankenwagen kam. Herr Kahl legte selbst Hand an und schickte die restlichen Töpfe mit dem Essen für 150 Personen nach oben. So kam es, dass die Küchenhilfe Marina einmal dem allmächtigen stellvertretenden Heimleiter sagte, was er machen sollte. Das hier war ein Arbeitsunfall. Wenn die Leute vom Notdienst sahen, dass der amtierende Chef in der Küche anpackte, warf das ein gutes Licht auf ihn und das gesamte Kinderkurheim. Auf so etwas verstand er sich. Er erhielt nicht umsonst jedes Jahr die höchsten Auszeichnungen. 

Zu zweit legten die Rettungshelfer Hanne vorsichtig auf die Trage, dann wurde sie ins Krankenhaus nach Großenau gebracht. Es sah nicht so aus, als ob die Köchin in den nächsten Tagen wieder arbeitsfähig sein würde.

Unter der großen Linde vor dem Konsum hatten die Frauen heute etwas Neues zu berichten. Der Heimleiter, Herr Schrottköter, bewohnte seit fünf Jahren mit seiner Familie ein schönes Eigenheim an der Straße nach Ganzlin. Dass er in Gera mitten auf der Straße umgekippt und dann an einem Herzinfarkt gestorben war, wusste inzwischen jeder. Man tuschelte, er hätte sich eben übernommen. Das kommt dabei heraus, wenn einer nicht genug kriegen kann! Damit meinten sie weder das Haus noch die Stellung als Heimleiter. Es ging um die Oczynski. Hatte er nicht eine eigene Frau? Musste er sich noch eine angeln, die wahrscheinlich bloß mit ihm anbändelte, weil er hier der Chef war? Wer weiß, wie die sich an ihn rangemacht hatte!

Was aber die Leute allmählich doch in Erstaunen versetzte, war die Tatsache, dass auch Frau und Sohn des Heimleiters immer noch nicht aus dem Urlaub zurückgekehrt waren und keiner etwas von ihnen gehört hatte. Es müsste doch nun bald bekannt werden, wann die Beisetzung stattfinden würde. Täglich hatte man die Rückkehr der beiden erwartet, aber vergeblich. Heute Morgen um sechs Uhr, als Klaus Sauerbier mit seinem Lada zur Arbeit fahren wollte, sah er vor dem Haus der Familie Schrottköter ein fremdes Auto stehen. Außerdem brannte in zwei Zimmern Licht. Natürlich war er sofort umgekehrt, um seiner Frau davon zu berichten. Valeska hatte frei und trank gerade ihren Kaffee. Als sie um kurz vor sieben zum Hühnerstall ging, war das Auto nicht mehr da. Wahrscheinlich hatte jemand Frau Schrottköter und ihren Sohn gebracht. Nun warteten alle darauf, sie endlich irgendwo zu sehen. – Bis 10 Uhr wusste jeder im Dorf, dass sie wieder da waren, einschließlich der Angestellten der Gärtnerei. Der Buschfunk war das, was in Groß Vitzeldorff am besten funktionierte. Doch diesmal hatte sich der Buschfunk geirrt.

Man hat  nie erfahren, wem dieses Auto gehörte und wer hier gewesen war. Frau Schrottköter und ihr Sohn kamen jedenfalls nie wieder.

Aber es kam noch besser an diesem Tag. Gegen drei Uhr nachmittags erschien schon wieder ein fremder PKW im Dorf und hielt vor dem Schloss. Es war ein weißer Skoda. Ein junger Mann von etwa dreißig Jahren stieg aus. Er war groß und sehr gut aussehend und ging geradewegs in das Büro von Herrn Kahl.

„Tag, Joachim, ich bin dann mal wieder da!“ begrüßte er gut gelaunt den völlig ahnungslosen Erziehungsleiter. In dessen Kopf kreisten sofort alle möglichen Ahnungen. Der Angekommene sagte: „Wir sollten uns zuerst einmal zusammensetzen und alles besprechen. Du bist ja sicher informiert worden. Vielleicht kann uns jemand einen Kaffee bringen?“

In dem Moment klopfte es und Fräulein Neubert kam herein.

„Guten Tag, Herr Franke! Lange nicht gesehen!“ brachte sie heraus, nachdem sie den ersten Schrecken überwunden hatte.

„Das stimmt, aber von jetzt an werden wir uns wohl wieder öfter sehen!“

„Ach so, na dann, ich komme später noch mal wieder, war nicht so wichtig!“

Selbstverständlich führte sie der nächste Weg zu ihrer Kollegin und Freundin Sigrid Lindemann, die heute in Gruppe 4 war, um ihr die Neuigkeit brühwarm zu erzählen. „Sigrid, stell dir vor, der Franke ist bei Kahl! Was will der denn hier? Und er hat gesagt, wir würden uns jetzt wieder öfter sehen.“

Sigrid machte große Augen. „Das ist ja ein Ding. Und ich dachte schon, Kahl kriegt den Heimleiterposten.“

„Meinst du etwa, Franke wird wieder Heimleiter?“

Das war das große Thema, das nun im ganzen Dorf eifrig diskutiert wurde. Was die Allgemeinheit wusste, war folgendes:

Michael Franke war vor Schrottköter hier ein halbes Jahr lang Heimleiter gewesen. Das war vor fünf Jahren. Er war unverheiratet und wohnte im Ledigenwohnheim. Bereits sechs Monate später hatte man ihn als Heimleiter in einem anderen, größeren Kinderkurheim eingesetzt. Es war etwas seltsam mit dieser Versetzung nach so kurzer Zeit. Er hatte so ganz andere Vorstellungen von einer Kinderkur gehabt, als es hier üblich war. Ob diese abweichende Meinung zu begrüßen oder strikt abzulehnen war, darüber waren sich nicht alle einig. Viele sagten, er wäre viel zu jung, es fehlte ihm an Erfahrung. Er hatte ja gerade erst vor zwei Jahren sein Lehrerstudium beendet. Zwei Jahre hatte er nur als Lehrer gearbeitet! Von den alltäglichen Herausforderungen eines Kurbetriebes mit Kindern hatte er doch keine Ahnung! Wenn es nach ihm gegangen wäre, dann wären die Kinder unbeaufsichtigt im ganzen Haus umhergelaufen. Unvorstellbar! Er wollte das Zensieren der Betten abschaffen und meinte, es reichte ein kurzer Blick, um sich zu vergewissern, dass einigermaßen Ordnung herrschte, und das wäre es dann. Die Kinder sollten allein zum Essen in den Speisesaal gehen, außer den Vorschülern natürlich. Herr Franke meinte, die meisten Kinder hätten ja eine Uhr und wüssten, wie spät es ist. Oder man könnte in jedem Flur eine große Uhr installieren. Sie sollten jeden Monat eine große Abschlussfeier für die Kinder organisieren. Mehrmals in der Woche sollten die Erzieher mit den Kindern basteln, gemeinsame Spiele machen oder bei den Vorschülern Geschichten vorlesen. Fräulein Neubert stöhnte nur auf, als sie diesen Unsinn hörte. Das war so abartig, dass man darüber wirklich nicht zu diskutieren brauchte. Noch viele andere solcher verrückter Einfälle hatte er. Sah er denn nicht, dass hier alles lief wie am Schnürchen, und das seit vielen Jahren? Wozu jetzt alles ändern? Er hatte einfach keine Ahnung, das war es. Wie wollte er denn abends Ruhe in die Gruppen bringen, wenn die Kinder praktisch den ganzen Tag machen konnten, was sie wollten! Die würden ja überhaupt keinen Respekt mehr haben. Dann sollte aber er die Nachtwache machen! So und ähnlich dachten die meisten.

 Aber nicht alle. Mutti Wendtland zum Beispiel wäre sehr dafür gewesen, den Kindern mehr Freiheiten einzuräumen. Sie war eine von den wenigen alteingesessenen Einwohnern von Groß Vitzeldorff, die schon vor dem Krieg hier aufgewachsen waren. Und sie hatte wirklich ein gutes Herz. Wenn sie von der Servierküche aus hörte, wie die Kinder während des Essens ständig nur in barschem Ton angebrüllt wurden, dachte sie manchmal daran, wie sie selbst als Kind oft nur Kartoffeln und Rüben zu essen gehabt hatte, aber wenn die Familie abends zusammensaß, dann schmeckte es trotzdem. – Jedenfalls war Mutti, wie sie von allen genannt wurde, von den Einfällen des Herrn Franke eher angetan als entsetzt, ebenso auch Valeska und Hanne von der Küche. Die Erzieher waren geteilter Meinung. Zwei junge Erzieherinnen, die inzwischen wieder weggegangen waren, hatten es sehr gut gefunden.

Die schlimmsten Widersacher der neuen Ideen des jungen Heimleiters waren jedoch die Reinigungskräfte gewesen. Wie, sie sollten sich nach den rotzfrechen, strohdummen Heimgören richten? Wenn es regnete, sollten die den ganzen Vormittag drin bleiben dürfen? Die sollten in den Gruppenräumen basteln und mit Leim und Schere hantieren? Das wäre ja noch schöner! Am Ende würden sie womöglich die Tische bekleckern und man hätte dann noch mehr Arbeit! Er verstand nicht, wieso an den Tagen zwischen den Kuren, wenn das Haus leer war, alle Reinigungskräfte frei hatten und die Erzieher dann am Anreisetag die Betten beziehen mussten? Sie sollten mitten in der Kur die Treppen und Flure wischen, wo doch jeden Moment die Gören da umhersprangen und einen störten? Berta Altmann konnte es nicht fassen, der kam daher, der junge Möchtegern, und wollte hier alles ändern, wo doch alles so reibungslos lief? Der sollte mal schön wieder da hingehen, wo er hergekommen war. So was brauchte man hier wirklich nicht. In der Parteiversammlung sprach sie laut von der Unordnung und Unruhe, die eingezogen wären. Herr Franke war kein Parteimitglied.

Es gab einen Satz, der wahrscheinlich der am meisten verwendete im Kinderkurheim Groß Vitzeldorff war: „Das hat es ja hier noch nie gegeben!“. Dieser Satz genügte als Begründung, etwas als völlig abwegig und idiotisch abzulehnen. Man wollte keine Veränderung, es ging doch allen gut.

Was die Allgemeinheit nicht wusste:

Als der junge Herr Franke damals hier in Groß Vitzeldorff Heimleiter war, gab es nach einigen Wochen eine regelrechte Verschwörung gegen ihn, die Erfolg hatte.

Die Mehrzahl der Angestellten wollte von seinen neuen Ideen nichts wissen. Sie wollten ihren alten Trott weiter machen. Jemand hatte einen Brief an den Bezirksarzt verfasst, den alle Parteimitglieder unterschrieben. Das waren damals fünf. Sie beklagten sich über fehlende Organisation, Unruhe und Unordnung in der Kureinrichtung. Sie befürchteten, dass es viele Unfälle geben würde, wenn die Kinder weiterhin unbeaufsichtigt herumliefen. Dem jungen Heimleiter fehle es an Erfahrung, eine so große Einrichtung zu leiten und so weiter. Eine Antwort kam nicht, aber eines Tages war Herr Franke weg und kurze Zeit später kam Herr Schrottköter.

Der Bezirksarzt teilte Herrn Franke mit, er werde in einem großen Kurheim an der Ostsee dringender gebraucht. Für ihn war es gut, er liebte die Ostsee, und er bekam sogar ein höheres Gehalt. Eine Wahl hatte er sowieso nicht gehabt, er wurde einfach versetzt.

Es zog wieder Ruhe und Ordnung in Groß Vitzeldorff ein. Meinte vor allem Berta Altmann. Für die Kurkinder sah es anders aus.

Doch nun, im vergangenen Jahr kurz vor Weihnachten nach dem Flugzeugunglück, war der Bezirksarzt erkrankt und wurde von einem Kollegen vertreten, der von den damaligen Ereignissen keine Ahnung hatte. Als kurzfristig die Situation eintrat, dass in Groß Vitzeldorff dringend ein Heimleiter gesucht wurde, wurde auch Herr Franke als Kandidat in Erwägung gezogen, der inzwischen sehr erfolgreich als Heimleiter in dem großen Kurheim an der Ostsee war. Das Haus musste aber wegen Baufälligkeit demnächst geschlossen werden. Ein geeignetes Objekt in der Nähe hatte man schon gefunden. Es würde jedoch einige Zeit dauern, bis es in Betrieb genommen werden könnte. Was lag näher, als ihm für die Monate dazwischen die Leitung in Groß Vitzeldorff zu übertragen, bis das neue Heim an der Ostsee bezogen werden konnte? Danach würde er wieder dorthin zurückgehen. Das würde höchstens ein Jahr dauern, wurde ihm gesagt. Inzwischen hätte man Zeit, für Groß Vitzeldorff einen geeigneten Heimleiter zu finden. Als er nun hier das verdutzte Gesicht von Kahl sah, konnte er nicht anders. Er sagte nichts davon, dass er nur vorübergehend für den Heimleiterposten eingesetzt wurde. Er wusste genau, wer damals für seinen Weggang gesorgt hatte. Im Stillen amüsierte er sich ein wenig über das Entsetzen, das er verursachte.

Die erste Reaktion auf die Nachricht, dass Franke wieder Heimleiter wurde, könnte man als Schockstarre bezeichnen. Herr Kahl fiel fast vom Stuhl, als Franke in sein Büro trat und ihn freundschaftlich begrüßte. Innerlich kochte er vor Wut. Zuerst ließ man ihn im Ungewissen und hielt es nicht für nötig, ihn über irgendetwas zu informieren, und jetzt das! Das war zu viel.

Bereits eine Stunde später hatte es sich im ganzen Haus herumgesprochen. Dieser unmögliche Mensch, der damals alles durcheinander gebracht hatte, war wieder da und wurde Heimleiter. Die meisten waren einfach nur sprachlos. Berta Altmann sagte, die da oben wären wohl verrückt geworden und sie würde kündigen. Marina dagegen hörte die Neuigkeit gern. Er hatte damals im Ledigenwohnheim gewohnt und Abwechslung in den faden Alltag gebracht. Im Nu waren sie alle per „du“ gewesen. Er wollte für die Küche moderne Geräte anschaffen, mit denen man den Frauen die Arbeit erleichtern könnte. Vielleicht eine Küchenmaschine oder etwas Ähnliches. Die große elektrische Brotschneidemaschine war seit Ewigkeiten kaputt und es war keine neue angeschafft worden. Die Frauen mühten sich tagtäglich mit einem Gerät ab, das nur für einen kleinen Haushalt gedacht war und nicht für eine Großküche. Es dauerte eine Stunde, bis sie das Brot für die 150 Kinder geschnitten hatten. Seine diesbezüglichen Fragen an die Wirtschaftsleiterin waren ein Grund dafür, dass Dagmar Döring jetzt mit Entsetzen an die Zeit damals zurückdachte. Täglich waren die Frauen vom Hauspersonal zu ihr gekommen und hatten sich beklagt, dass das nicht zu schaffen wäre, was der neue Chef von ihnen erwartete. Das hatte es doch hier noch nie gegeben! Sie sollten nach der Abreise das ganze Haus reinigen! Das wäre sinnvoller, weil dann niemand störte! Wie kamen sie denn dazu? Es war ihr altverbrieftes Recht, in der Kurpause frei zu haben und am Abreisetag so wie alle anderen um drei Uhr nachmittags nach Hause zu gehen. Sie schufteten schließlich vier Wochen lang ununterbrochen, während die Kurkinder hier waren.

Auch Fräulein Lindemann war mehr als entsetzt. Wenn es nach dem ginge, dann würden einem die Gören bald auf der Nase herumtanzen! Was war das damals für ein Theater. Die Kinder sollten mit bestimmen, was auf den Wochenplan kam. Abends sollten die älteren Kinder bis acht Uhr fernsehen dürfen. Die Aktuelle Kamera! Davon verstanden die dummfrechen Gören doch sowieso nichts. Sie sollten erst nach acht Uhr abends zum Duschen gehen und dann erst die Schlafanzüge anziehen. Wann sollte man denn da Feierabend haben? Nein, das war einfach unzumutbar. Ab sieben Uhr abends wollte man hier seine Ruhe haben und die Gören sollten gefälligst schlafen. Schlaf war gesund. Mutti Wendtland aber lächelte still vor sich hin und dachte sich ihr Teil. Genau wie Herr Bachmann. Für ihn würde sich gar nichts ändern. Davon abgesehen, dass er die Buchhaltung sowieso abgeben wollte, weil ihm alles von Tag zu Tag schwerer fiel. Der zukünftige Heimleiter war jedoch heute nur gekommen, um mit Kahl zu sprechen und einige Dinge zu organisieren.  Man musste eine Wohnung für ihn finden. In einem Monat würde er seinen Dienst hier antreten. Man hatte also noch eine kurze Gnadenfrist. Und die gerade angekommenen 150 Kinder hatten keinen Grund zur Freude. Diese Kur würde genauso durchgezogen, wie man es seit mehr als zwanzig Jahren mit viel Erfolg praktiziert hatte.

Als Frau Jäger am Abend zum Dienst kam und die Neuigkeit hörte, musste sie sich erst einmal setzen. Auch sie sprach davon, gleich zu kündigen. Das hatte sie nicht nötig. Ihr Mann war krank und bekam Invalidenrente. Zur Not konnten sie beide damit auskommen.

Am nächsten Tag war die ärztliche Untersuchung aller 150 Kinder fällig. Diese fand immer am zweiten Tag der Kur statt. Seit zwanzig Jahren war Dr. Friedrich dafür zuständig. Wenn er einmal hier im Dorf war, konnten auch die kranken Dorfbewohner zu ihm kommen. Sie warteten auf dem Flur vor dem Arztzimmer, bis die Kinder alle fertig waren. So trafen sich auch gleich die Rentner zu einem gemütlichen Plausch.

Dr. Friedrich fragte jedes Kind, ob es irgendwelche Beschwerden hätte, sah sich die mitgeschickten Unterlagen an, und das war es dann auch schon. Er wusste seit Jahren, dass die meisten dieser Kinder nicht aus medizinischen Gründen hier waren. Oft mussten sie einfach für eine Weile untergebracht werden. Zum Beispiel, wenn eine alleinstehende Mutter ihr fünftes Kind zur Welt brachte. Dann wurden die vier, die sie schon hatte, zur Kur geschickt. Schaden konnte es ja nicht. Die Kinder waren in sicherer Obhut, der Mutter war geholfen, und die Formalitäten waren höchst einfach. Andere wurden erst einmal für vier Wochen in eine andere Umgebung gebracht, bevor sie wegen schwerster Verhaltensstörungen in eine andere Schule strafverwiesen wurden. Oder man hoffte, dass sie nach der Kur ein besseres Verhalten an den Tag legten. Diese Kinder machten einen beträchtlichen Teil der großen Gruppen aus. Die Finanzierung solcher Kuren war im real existierenden Sozialismus selbstverständlich überhaupt kein Problem. Bei den Kleinen gab es dagegen mehrheitlich Indikationen wie häufige Bronchitis, Ernährungsstörungen und so weiter. Nur bei einigen wenigen Kindern gab es Besonderheiten, zum Beispiel bei dem Jungen mit dem Glasauge. Das interessierte den Arzt. Der Junge zeigte ihm, wie gut er das selbst herausnehmen konnte.

Als Dr. Friedrich an diesem Tag mit allen Untersuchungen fertig war, ging er wie gewohnt in das Büro von Kahl und Bachmann. Es war üblich, dass sie noch eine Tasse Kaffee zusammen tranken und sich etwas unterhielten. Außerdem musste er die Untersuchungsberichte bei Kahl abgeben. Doch Kahl war heute nicht hier.

So plauderten der Arzt und der Buchhalter, die sich seit Jahren gut verstanden. Irgendwie kamen sie auf das Thema, wie sich doch alles wiederholt, obwohl es sich verändert.

„Hier in diesem Büro“ sagte Bachmann, „war früher das Arbeitszimmer des Hausherrn. Von hier aus gab er die Anweisungen an das Personal.“

Der Doktor lachte. „Genau wie heute!“ Er wusste genau, was Bachmann meinte. Der eigentliche Chef war seit langem schon Joachim Kahl.

„Und nebenan war das Krankenzimmer. Genau da, wo Sie heute die Untersuchungen vornehmen. Der Speisesaal war schon immer an derselben Stelle. Auch die Küche war schon zu alten Zeiten dort unten. Genauso wie die Waschküche und die Plättstube. In der Servierküche war schon immer der Platz für das Geschirr und die Abwaschbecken. Von da aus wurde den Herrschaften das Essen serviert. Und der Hausmeisterraum war auch immer da, wo er jetzt ist.“

„Und die Leute aus dem Dorf fanden hier Lohn und Brot. Genau wie heute. Ohne das Schloss wäre Groß Vitzeldorff schon lange von der Landkarte verschwunden!“, ergänzte Dr. Friedrich.

„Das ist wahr. Vor 200 Jahren, so steht es in der Dorfchronik, hatte Groß Vitzeldorff 320 Einwohner, davon mehr als hundert Kinder bis zu vierzehn Jahren! Heute sind auch so viele Kinder hier, wenn es auch nicht unsere eigenen sind. Letzten Endes bleibt doch irgendwie immer alles beim Alten.“

Der Arzt verabschiedete sich.

„Ich muss heute noch zur Gärtnerei, mal nach dem Hund sehen. Er hat den Kleinen von der Fröhlich gebissen. Nicht, dass der Hund die Tollwut hat. Na, ich sehe mir den mal an.“ Bachmann erwiderte: „Ja, der Köter rennt immer auf der Straße herum. Ich hätte den schon ein paar Mal fast überfahren.“

Es war eine ziemliche Aufregung gewesen, als der große Hund den fünfjährigen Sohn der Familie Fröhlich gebissen hatte. Die Bisswunde war nur oberflächlich, offensichtlich wollte der Hund bloß spielen  und dabei war es passiert. Doch der erste Schrecken war groß. Dabei hatte Gertrud Fröhlich wahrhaftig genug Sorgen! Ihr Mann war direkt aus dem Krankenhaus nach Randemünde zur Entziehungskur gebracht worden und von dort seit nunmehr drei Tagen spurlos verschwunden. Sie wusste nicht, was sie mehr fürchtete: Dass er sich etwas angetan haben könnte oder dass er hier auftauchen und sie und ihre Kinder wieder bedrohen könnte. 

Karla hatte heute ihren ersten freien Tag. Dafür sollte sie am Samstag und Sonntag vormittags Dienst tun. Sie war froh darüber. Da würde sie nicht der boshaften Altmann ausgeliefert sein. Und ihre Arbeit, die würde sie schon machen! Frau Fröhlich hatte ihr gezeigt, was in den vier Stunden am Vormittag geschafft werden musste: Die große Vorhalle fegen und überall die Toiletten nachsehen. Nur nachsehen, also falls alles in Ordnung war, brauchte sie nichts weiter zu machen. Nur, falls es wirklich nötig war, wurde am Wochenende etwas gereinigt. Das war nicht schwer. Damit würde sie in einer Stunde fertig sein.

Sie hatte heute etwas länger geschlafen und dann in der Gemeinschaftsküche allein gefrühstückt. Nun zog sie ihren Mantel an, nahm ihren neuen Einkaufskorb und machte sich auf den Weg zum Dorfkonsum. Gegenüber der Verkaufsstelle stand ein kleines Backsteingebäude mit einer riesigen Glocke über der Tür. Sie hatte sich schon gefragt, was für ein Gebäude das war. Heute hörte sie schon von weitem die Glocke läuten. Als sie näher kam, sah sie vor dem Haus einen knallroten Traktor mit Anhänger stehen. Auf der Wiese davor standen verstreut etwa fünfzig schwarz oder dunkel gekleidete Menschen. So viele Leute hatte sie hier noch nie beisammen gesehen, nicht einmal vor dem Konsum unter der großen Linde. Offenbar eine Trauergesellschaft. Aber wieso stand der rote Traktor hier? Sie ging zum Konsum, doch der war geschlossen. Sie sah sich um. Manchmal war der Konsum zugeschlossen, wenn die Verkäuferin gerade hinten im Schuppen war, um Nachschub an Briketts zu holen. Elvira lag ja mit dem gebrochenen Bein in Großenau im Krankenhaus, das hatte sich auch bis zu Karla herumgesprochen. Aber es gab natürlich eine Vertretung. Ob sie heute ihren Haushaltstag hatte? Dann hätte sie sicher ein Schild an die Tür gehängt. So machte es Elvira Bierhals immer. Manchmal schien es den Leuten, als ob Elvira nicht nur einen Haushaltstag pro Monat hatte, sondern zwei oder drei. Karla wartete ein paar Minuten und ging inzwischen zu ihrem Postfach, doch es war wie immer leer. Da sah sie, wie vier Männer einen Sarg aus dem Haus mit der Glocke trugen und auf den Anhänger stellten. Ganz, ganz langsam setzte sich der feuerrote Traktor in Bewegung und all die schwarz gekleideten Leute gingen hinter dem Traktor die Dorfstraße entlang zu dem kleinen Friedhof gegenüber der kleinen, verfallenen Kirche im Park. Es war schon ziemlich befremdlich, wie der Traktor mit lautem Tuckern über das kaputte Pflaster der Dorfstraße wackelte und der Sarg bei jedem Schlagloch in die Höhe sprang, denn der Anhänger war nicht gerade gut gefedert. Für die Groß Vitzeldorffer aber war daran nichts Ungewöhnliches. Später hörte Karla, dass die alte Frau Klein gestorben war. Sie war 90 Jahre alt gewesen. Wenn in Groß Vitzeldorff  jemand gestorben war, dann war es selbstverständlich, dass jeder erwachsene Einwohner zur Beerdigung ging, wenn er nicht gerade arbeiten musste oder selbst im Krankenhaus lag. Auch das war hier schon immer so gewesen. Der Konsum war dann natürlich geschlossen, es kam ja doch niemand zum Einkaufen.

Karla ging wieder zurück, nachdem sich der Trauerzug entfernt hatte. Das Wetter war heute so schön. Sie brachte den Korb in ihr Zimmer und ging noch einmal los. In Richtung Gärtnerei wollte sie lieber nicht mehr gehen. Sie dachte noch mit Schrecken an den großen, schwarzen Hund, der ihr den Mantel verdorben hatte. Sie ging einen anderen Weg hinter dem Schloss zwischen Feldern entlang durch den Schnee. Die Sonne war so grell und blendete die Augen. Wie sie so allein durch den Schnee stapfte und ihren Gedanken nachhing, da wusste sie gar nicht, ob es von der Sonne kam oder von dem, was ihr immerzu im Kopf herumging, dass ihr Tränen die Wangen hinab liefen.

Kapitel 14

Buschfunk

Es war schon seltsam. Vier Personen wussten, dass die ganze Familie Schrottköter tot war, und die anderen im Dorf hatten davon immer noch keine Ahnung. Der Absturz der Aeroflotmaschine bei Schönefeld lag nun fast drei Wochen zurück. Wie war das nur möglich?

Familie Schrottköter hatte hier in der Gegend keine Verwandten. Nachdem die Beisetzung aller Todesopfer des Unglücks staatlicherseits organisiert und durchgeführt worden war, hatte sich die Sache für die Behörden erledigt. Angemessene Traueranzeigen waren überall in der Presse veröffentlicht worden. Allerdings hatten nur vier Personen aus Groß Vitzeldorff diese Anzeige mit der Familie Schrottköter in Verbindung gebracht. Die Verwandten in Thüringen sahen keinen Grund, sich um die Benachrichtigung der Arbeitsstelle zu kümmern, zumal ihnen mitgeteilt worden war, dass alle Formalitäten staatlicherseits erledigt würden. Für die weitere Information der Öffentlichkeit war niemand zuständig. Die Polizei hatte nur den Auftrag, den Stellvertreter über den Tod des Herrn Schrottköter zu unterrichten, mehr nicht. Deshalb unternahm auch der ABV keine weiteren Schritte. Herr Kahl aber, der sich nun wirklich für alles hier verantwortlich fühlte, war zuerst unsicher gewesen, ob er Informationen weitergeben durfte. Inzwischen sagte er sich, wenn mich niemand offiziell informiert, dann weiß ich nichts. Und dabei blieb es. Bachmann hielt auch dicht, ebenso Frau Kahl und Fräulein Oczynski, die übrigens noch gar nicht hier war.

In der ersten Januarwoche wurde das Schicksal der Familie mehr oder weniger durch einen Zufall bekannt und löste im ganzen Dorf eine große Aufregung aus. Es war wieder einmal ein Moped gestohlen worden, und zwar das von Bernd Müller. Er wohnte mit seiner Familie in einem Haus etwas abseits vom Dorf. Wenn man die Dorfstraße in Richtung Passow ging, dann endete der löchrige Asphalt etwa fünfzig Meter hinter dem letzten Haus und ging in einen Feldweg über, unter dem aber hier und da das alte Pflaster zu sehen war. Dieser Weg führte durch den Wald und nach fünf Kilometern erreichte man den Nachbarort Passow. Früher konnte man mit dem Auto bequem in das Nachbardorf fahren, aber seit Jahren waren vom Sturm umgeworfene Bäume einfach liegen geblieben und versperrten den Weg. Inzwischen wucherten Brombeeren und Holunderbüsche überall auf der ehemaligen Straße, so dass es mittlerweile schon fast unmöglich war, mit einem Fahrrad durchzukommen. Statt der fünf Kilometer musste man über Umwege mehr als 25 Kilometer fahren, um nach Passow zu gelangen. Etwa dreihundert Meter nach dem letzten Haus von Groß Vitzeldorff führte linker Hand ein Weg über das Feld. Dort oben stand das Gehöft der Familie Müller. Es war ein Neubauernhaus, so wie die meisten Häuser hier im Dorf. Das Grundstück hatte keinen Zaun, wozu auch? Hierher verirrte sich kein Mensch. Jetzt im Januar, wo es um halb fünf schon dunkel wurde, konnte man abends nicht die Hand vor Augen sehen. In Groß Vitzeldorff gab es fünf Straßenlaternen, von denen seit Jahrzehnten nur noch zwei funktionierten. Sie befanden sich an der Kreuzung nach Kleinow und an der Abzweigung zur Gärtnerei. Wenn nicht gerade Kurpause war, dann brannten am Eingang des Schlosses zwei große Außenlampen. Am Wohnheim gab es auch eine. Das genügte für ein Dorf von neunzig Einwohnern. Nun war also das Moped von Bernd Müller über Nacht vom Hof weg gestohlen worden. Deshalb musste er wohl oder übel zu Fuß zum ABV nach Kleinow gehen, um den Diebstahl anzuzeigen. Nachdem Hippel die Anzeige aufgenommen hatte, sagte er ohne besondere Absicht, nur um sich ein wenig zu unterhalten: „Tja, das ist ja nun ein Ding, dass die Schrottköters da mit dem Flugzeug abgestürzt sind.“ Er war seit Weihnachten nicht mehr in Groß Vitzeldorff gewesen und dachte, dass sich das schon längst herumgesprochen hätte. Es gab inzwischen keinen Grund mehr, die Sache geheim zu halten. Bernd riss die Augen auf. „Was?“

„Ja, wisst ihr das denn nicht?“ entgegnete der Polizist. „Ich dachte, der Buschfunk erledigt doch so was immer ganz schnell!“ Jetzt setzte sich Bernd, der eigentlich schon gehen wollte, vor Schreck wieder hin. „Nee, davon weiß bei uns keiner was. Ich denke, Schrottköter ist in Gera auf der Straße umgekippt und hatte Herzinfarkt? Jedenfalls hat das meine Mutter im Konsum so gehört.“ – „Es stimmt aber. Kannst du glauben. Ich erzähle dir hier keinen Blödsinn. Und mit so was macht man ja auch keine Scherze. Die sind alle drei in dem Flugzeug gewesen, das bei Schönefeld abgestürzt ist.“

Bernd beeilte sich, noch mit dem Schülerbus mitzukommen, damit er nicht zu Fuß nach Hause gehen musste. Im Bus sah er Tamara Rothe, die von der Arbeit nach Hause fuhr, und setzte sich neben sie. Sie waren etwa gleichaltrig und sein zehnjähriger Sohn war in ihrer Hortgruppe. Natürlich erzählte er ihr die Neuigkeit sofort. Auch sie war völlig überrascht, als sie das hörte. Sie fand es auch seltsam, dass keiner davon wusste. Seit dem Unglück waren nun schon fast drei Wochen vergangen. Na ja, es war ja Weihnachten gewesen, da ruhte alles.

Zu Hause angekommen, hielt es Tamara nicht aus. Sie ging in den anderen Teil des Wohnheims, hoch zur Gemeinschaftsküche, wo Marina gerade das Abendessen für sich und Karla auf den Tisch stellte. Wenn ihr Mann bei der Reserve war, suchte die Frau des Hausmeisters manchmal bei ihren ehemaligen Kollegen Gesellschaft. Sie setzte sich hin und platzte gleich mit der Neuigkeit heraus. „Wisst ihr, was passiert ist? Der Chef ist mit seiner Frau und seinem Sohn in dem abgestürzten Flugzeug gewesen und alle drei sind tot.“ Marina fiel vor Schreck fast der Wasserkessel aus der Hand.

„Von wem hast du denn das?“, fragte sie.

„Von Bernd Müller. Der weiß es von Hippel. Er war da, weil sie ihm schon wieder sein Moped geklaut haben.“

„Dann muss es wohl wahr sein. Aber wieso erfahren wir denn das nicht? Keiner sagt irgendwas! Da muss doch einer herkommen und der ganzen Belegschaft Bescheid geben. Das gibt’s doch gar nicht!“

Am nächsten Tag war die Nachricht überall herum. Woher das Gerücht von dem Herzinfarkt gekommen war, daran konnte sich jetzt keiner mehr erinnern. Jeder hatte es gehört, aber wer es als erster gehört hatte und von wem, das war nicht mehr heraus zu bekommen. Nun war es ja auch egal. Es änderte nichts daran, dass das Gerücht falsch war. Manche kramten gleich die alten Zeitungen heraus, um nachzulesen, wie das gewesen war mit dem Absturz der Aeroflotmaschine vor Weihnachten. Aber viel stand nicht in der Zeitung. Einige erinnerten sich, die Tagesschau gesehen zu haben. Es gab viele Spekulationen über die Ursache des Unglücks, doch man wusste nichts Genaues. Seltsam war es jedoch gewesen, dass bereits vier Tage nach dem Absturz in der DDR offiziell verkündet wurde, man hätte alle Umstände geklärt. Im Westfernsehen wurde  behauptet, das wäre rein technisch gar nicht möglich.

Das Moped von Bernd Müller wurde zwei Tage später bei Kleinow im Bach gefunden. Es war schon der dritte Mopeddiebstahl in letzter Zeit, bei dem das Fahrzeug kurze Zeit später gefunden wurde. Einige begannen die Vermutung anzustellen, Harald Singer könnte damit zu tun haben.

Frau Kahl hatte heute Abend ihre Kollegin Dagmar Döring zu Besuch. Das war selten, normalerweise machte nach Feierabend jeder sein Ding für sich. Heute aber war nichts normal. Die Wirtschaftsleiterin Frau Döring hatte vor einer Stunde von der unerhörten Neuigkeit erfahren, die heute Abend Thema in allen Wohnzimmern in Groß Vitzeldorff war. Deshalb war sie sofort zu Frau Kahl gelaufen, um zu fragen, ob sie schon von der Sache gehört hatte. Die beiden Frauen saßen in der Küche, während Kahl im Wohnzimmer blieb und sich den Anschein gab, als interessiere ihn der neue „Polizeiruf 110“ brennend. Er wollte sich lieber heraushalten und nicht auf die Frage antworten müssen, ob er die Neuigkeit schon gehört hätte.

Frau Kahl war jedoch klug genug, nicht zu offenbaren, was sie seit langem schon wusste, und andererseits nicht direkt zu lügen. In ihrer Aufregung merkte Dagmar Döring nichts.

Sie sagte: „Ich verstehe bloß nicht, wieso wir das hier durch einen Zufall erfahren müssen. Wäre Bernd Müller heute nicht zu Hippel gegangen, dann wüssten wir immer noch nichts. Die hätten uns doch informieren müssen! Er war ja immerhin der Heimleiter. Da gehört es sich doch, dass die Kollegen wenigstens zur Beerdigung kommen.“

„Apropos Leiter“, sagte Frau Kahl, „Was hältst du denn davon, dass Herr Franke wieder Heimleiter wird?“

Frau Döring stöhnte. Als Parteimitglied war auch sie damals unter denen gewesen, die an den Bezirksarzt geschrieben hatten.  „Das verstehe ich genau so wenig. Wir haben doch damals klar gesagt, dass er unfähig ist und uns beim Bezirksarzt beschwert. Daraufhin dachten wir, das Thema wäre erledigt. Und jetzt schickt man uns den wieder hierher! Was soll das nur werden? Es war ja furchtbar damals, in alles hat er sich eingemischt. Ich meine, wir haben doch hier so lange Erfahrung und alles läuft. Wir wirtschaften genauso, wie es uns von oben vorgegeben wird. Wir verbrauchen nie zu viel, sondern sparen immer noch etwas ein. Warum sollte man da etwas ändern?“

„Ich verstehe es, ehrlich gesagt, auch nicht. Findet man denn wirklich keinen geeigneten Anwärter für den Heimleiterposten?“

Dass sie insgeheim gehofft hatten, ihr Mann würde den Posten bekommen, sagte sie nicht.

An einem der nächsten Tage war Herr Kahl gerade im Speisesaal, um die Disziplin während des Essens zu kontrollieren, als Berta Altmann in sein Büro ging, um sich über eine Erzieherin zu beschweren. Auf einem Nachtschrank der Gruppe 1 hatte gestern eine Jacke gelegen. Da hatte diese Neue Dienst gehabt, die Hutmacher, die sich wohl für was Besseres hielt. Wie sollte man da sauber machen, wenn überall alles herumlag? Dass sie die Nachtschränke höchstens einmal pro Kur oberflächlich abwischten, spielte dabei überhaupt keine Rolle. Jedenfalls war das Büro im Moment leer, und ihr Blick fiel auf den Stapel Zeitungen und Briefe auf Bachmanns Schreibtisch, der um diese Uhrzeit noch nicht da war. Es war ja erst kurz vor acht Uhr. Ganz obenauf lag ein dicker, brauner Brief. Sie schaute auf den Absender. Da stand „Bezirksgericht Berlin-Lichtenberg“. Das konnte doch nur mit der Berlinerschen zusammenhängen. Das war vielleicht eine unmögliche Person. So eine Vergangenheit und hier tat sie, als ob sie kein Wässerchen trüben könnte! Die hielt sich wohl am Ende für was Besseres! Sie sprach so leise und tat so höflich, dass keiner vermutet hätte, was für eine sie war! Was schon aus Berlin kam, na das kannte man ja. Sie schaute kurz in den Flur, ob jemand käme, dann ging sie zurück und innerhalb einer Sekunde war der Brief unter ihrer Kittelschürze verschwunden. Sie verließ den Raum und ging ganz nach oben in Gruppe 4. Die Kinder hatten gerade mit dem Frühstück begonnen, deshalb würde hier jetzt sicher keiner auftauchen. Außerdem war es der Bereich, den sie gewöhnlich sauber machte. Es gäbe also überhaupt keinen Grund für Argwohn, wenn jemand käme. Sie schloss sich in der Toilette ein und öffnete den Brief. Dann las sie und ihre Augen wurden immer größer. Da hatten sie ja eine Schwerstkriminelle hier im Haus! Die hatte ein Kind und man musste es ihr wegnehmen, weil sie sich herumtrieb. Den Lebenskameraden ihrer Mutter hatte sie tätlich angegriffen, und zwar mit einem Messer. Das wurde ja immer krimineller! Ihr wurde richtig heiß vor Aufregung. Sie verschloss den Brief wieder, knickte ihn zusammen und steckte ihn in ihre Schürzentasche. Natürlich konnte sie im Moment keinem von der Ungeheuerlichkeit erzählen. Auch ihrer Schwägerin nicht, die würde sich womöglich verraten, und dann würde man fragen, woher sie ihr Wissen hatten. Das musste sie ihr heute nach Feierabend in aller Ruhe erzählen und ihr den Brief zeigen. Jetzt ging sie nach unten und setzte sich zu den Kollegen, um zu frühstücken.

Am nächsten Tag war im Dorfkonsum Hochbetrieb. Frieda Singer, die Mutter von Harald, stand mit ihrem Handwagen unter der Linde. Heute zum Freitag kaufte sie wie immer drei Kästen Buttermilch und zwölf Dreipfundbrote. Sie waren drei Personen im Haushalt, sie und ihre zwei Söhne. Harald war mit knapp zwanzig ihr Jüngster.

Auch Frau Müller, die Mutter von Bernd, kaufte jeden Dienstag und Freitag Unmengen an Brot und Buttermilch. Sie hielten sich so wie die meisten jedes Jahr zwei Schweine, die im Herbst geschlachtet wurden. Eine Flasche Buttermilch kostete nur zwölf Pfennige, da bekam man viel für eine Mark. Die Schweine wurden davon schön fett und gesund. 

„Nun ist meinem Bernd das Moped geklaut worden.“, sagte Anneliese Müller, „Und bei dir haben sie doch das Karnickel aus dem Stall geklaut. Was ist hier nur los? Das wird ja immer verrückter.“

Aber das Hauptthema war natürlich das von der Familie Schrottköter und dem Flugzeugabsturz. Und dass die allen erzählt hatten, sie würden nach Thüringen fahren, das war schon sehr seltsam. Auch, dass der Franke wiederkommen sollte, hatte sich schon herumgesprochen. Das war doch der, den der Bezirksarzt schon mal strafversetzt hatte, weil er absolut unfähig war. Für einen Heimleiter war der ja sowieso viel zu jung gewesen. Ein heilloses Durcheinander hatte er in der kurzen Zeit angerichtet. Er hatte doch überhaupt keine Erfahrung mit Kindererziehung! Jetzt bekam man den wieder vor die Nase gesetzt. Einige hatten schon davon gesprochen, dass sie dann aufhören und sich andere Arbeit suchen würden, allen voran Berta Altmann. Was dachten die da oben sich nur?

Dann fragte Anneliese: „Nimmst du nächste Woche wieder meine Eier mit? Ich muss doch am Mittwoch zum Doktor. Die Woche darauf fahre ich dann wieder.“

„Klar doch, wie viele hast du denn jetzt immer? Legen denn deine Hühner schon wieder?“

Wenn die Leute keine Abnehmer für ihre Eier fanden, dann fuhren sie damit nach Ganzlin zur Ortseieraufkaufstelle. Dort gab es pro Ei 45 Pfennige. Die Frauen schafften es, die rohen Eier lose in einem Einkaufsbeutel am Fahrradlenker ohne weitere Verpackung über die drei Kilometer Holperpflaster zu transportieren, ohne sie unterwegs zu beschädigen. Manchmal gingen ein oder zwei kaputt, aber das machte nichts. Sie brachten ja für die ganze Woche meistens fünfzig oder mehr Eier hin. Und manche wechselten sich auch ab, so wie Frieda Singer und Anneliese Müller.

Drinnen in der Verkaufsstelle saß wie immer Karl Döring neben dem Kachelofen und legte Briketts nach. Sein Husten war schlimmer geworden. Seit Elvira im Krankenhaus lag, gingen die Leute noch lieber hier einkaufen. Die Vertretung war immer gleich gut gelaunt und bediente alle freundlich.

In der Schlange stand Beate Klein hinter Hannelore Oczynski. Sie sagte zu ihr: „Warten Sie mal nachher, ich muss Ihnen was erzählen.“

Als sie dann draußen vor dem Konsum standen, flüsterte sie ihr etwas zu. Daraufhin war Fräulein Oczynski sehr erstaunt.

„Was, die Kleine aus Berlin?“ fragte sie.

„Aber von mir haben Sie das nicht.“, sagte Frau Klein noch und sah sich schon um, wem sie die Neuigkeit noch unter dem Siegel der Verschwiegenheit anvertrauen könnte. Es war eine der ganz seltenen Gelegenheiten, bei denen sich Beate Klein schneller als im Schneckentempo bewegte. Sie ging zu Frieda Singer, die dort mit Anneliese Müller zusammen unter der Linde stand. Schon am nächsten Tag wusste jeder in Groß Vitzeldorff, dass die Berlinersche im Knast gewesen war und eine ganz schlimme Vergangenheit hatte. Ja, und ihr eigenes Kind hatte sie so vernachlässigt, dass sie es ihr wegnehmen mussten! Nur mit Bengels hatte die sich in Berlin rumgetrieben und noch Schlimmeres, was man gar nicht erzählen konnte, ohne rot zu werden. Und gegen ihre Eltern war sie sogar gewalttätig geworden. Man sah den Leuten eben nicht immer an, was in ihnen steckte.

Schließlich hörte auch Harald Singer das bösartige Gerede. Er wusste ja, dass Karla Berlinverbot hatte. Das wusste jeder, denn sie hatte kein Geheimnis daraus gemacht. Doch dass sie ein Kind hatte, war ihm neu. Seine Mutter hatte die Klatschgeschichte über die Berlinersche vor dem Konsum gehört. Nach dieser Version war sie völlig grundlos ständig auf ihre Eltern losgegangen, die sich mit ihr die allergrößte Mühe gaben, aber sie war unverbesserlich. Das Kind hatte sie wer weiß woher. Sie war eine Herumtreiberin, die nicht arbeiten wollte und mit jedem ins Bett stieg.

Harald war auch kein unbeschriebenes Blatt, obwohl er kaum zwanzig Jahre alt war. Er war von seinem vierzehnten Lebensjahr an immer wieder im Jugendwerkhof gelandet. Dabei war er zu Hause bei seiner Mutter und auch im Dorf nie vorlaut oder frech. Oft war er einfach nicht zur Schule gegangen. Wenn es ihn packte und er wollte nicht, dann wollte er eben nicht. Dann fuhr er mit dem Schülerbus früh nach Kleinow und trieb sich den ganzen Tag am Konsum und in der Bushaltestelle herum. Am Nachmittag fuhr er dann mit dem Schülerbus wieder nach Hause. Die Lehrer wussten sich auch nicht zu helfen. Was sollte man da machen? Der Mutter konnte man keinen Vorwurf machen, sie schickte ihn morgens zur Schule und sah ihn in den Bus einsteigen. Es hatte in der Schule keine besonderen Vorkommnisse gegeben, seine Leistungen waren nicht berauschend, aber er war nicht der Schlechteste in seiner Klasse. Dann hatte er mit dreizehn angefangen, hier ein Fahrrad mitzunehmen, dort ein Moped. Oder er setzte sich in einen Traktor, den man über Nacht am Feldrand stehen ließ, startete das Fahrzeug und fuhr damit ein Stück auf dem Feld herum. Das galt als Diebstahl sozialistischen Eigentums und wurde streng bestraft. Immer wieder hatte er diese dummen Einfälle, die ihm nur Ärger einbrachten. Er war eben so. Dabei konnte er eigentlich keiner Fliege etwas zuleide tun.

An diesem Abend ging Harald runter zum Ledigenwohnheim in die Gemeinschaftsküche und hoffte, Karla allein anzutreffen. Er hatte Glück. Marina musste die Spätschicht für Hanne zusätzlich übernehmen und war noch nicht da. Sie würde erst gegen halb acht von der Arbeit kommen. Karla war allein in der Küche. Harald setzte sich und nahm die Einladung zum Abendessen an. Sie redeten über dies und jenes. Dann, nach einer Weile, fragte er beiläufig, während er eine Leberwurststulle kaute: „Sag mal, was war denn da los bei dir in Berlin, dass du auf deine Mutter mit dem Messer losgegangen bist? Die muss dich aber ganz schön provoziert haben! Ich hätte dir das gar nicht zugetraut.“

Er sagte das überhaupt nicht vorwurfsvoll, sondern so, als ob er fragen würde, ob sie lieber Bockwurst oder Bratwurst essen wollte. Deshalb war der Schrecken für Karla nicht so groß, wie sie es immer befürchtet hatte. Natürlich hatte sie gewusst, dass das irgendwann hier bekannt werden würde. Niemand wusste besser als sie, dass die Akte einen immer verfolgte. Das hatten ihr die Wärterinnen in Hoheneck täglich an den Kopf geworfen. Sie solle sich bloß nicht einbilden, dass sie jemals wieder irgendwo akzeptiert würde, kriminell wie sie war. Abschaum wie sie gehörte nun mal in den Knast und nicht zwischen anständige Leute. Das brauchten sie ihr nicht zu erklären. Sie wusste selbst sehr gut, dass sie nicht wie die anderen war. Sie fühlte sich beschmutzt, geschändet, mit einem Makel behaftet, seit jenem Tag im Jahr 1978, als sie elf Jahre alt war. Zuerst hatte sie gedacht, dass das sofort am nächsten Tag jeder gleich bemerken müsste und wartete darauf, dass jemand sie fragen würde, was geschehen sei. Vor allem die Mutter! Doch niemand bemerkte etwas. Niemand fragte. Die Lehrer nicht, und auch sonst niemand. Aber das waren doch Erwachsene, die mussten das doch merken! So dachte sie in ihrer Unwissenheit als Elfjährige. Sah denn keiner, dass sie seit heute ein Mal auf ihrer Stirn trug? Sie hatte das einmal so gehört und dachte,  Erwachsene müssten das mitkriegen. Aber keiner merkte etwas! Einmal hatte sie versucht,  sich einer Lehrerin anzuvertrauen.  Doch das war ein großer Fehler gewesen. Sie wusste nicht, wie sie es ausdrücken sollte, doch schließlich verstand die Lehrerin, was sie meinte. Sie war seit mehr als zwanzig Jahren hier an dieser Schule, der Sonderschule Berlin Lichtenberg. Karla war in Abteilung B, das waren die Klassen mit den völlig lernunfähigen Kindern. Die erzählten ständig irgendwelche erfundenen Geschichten. Daran gewöhnte man sich im Laufe der Jahre als Lehrer dieser Problemschüler. Meistens stand im Klassenbuch unter der Rubrik „Beruf der Eltern“ so etwas wie „Raumpflegerin“, „Hilfsarbeiter“ oder Ähnliches. Doch die Mutter von Karla war beim Stadtbezirk Berlin Lichtenberg als Sekretärin angestellt und der Vater war ein hoher Offizier im Ministerium für Staatssicherheit in der Normannenstraße. Wenn sie auch nur eine Andeutung über das fallen lassen würde, was das Mädchen ihr da erzählt hatte, so wäre das nicht nur das Ende ihres Lehrerdaseins, sondern wahrscheinlich der Beginn viel schlimmerer Dinge. Den Gedanken, es könnte wahr sein, verbannte sie sofort als völlig abwegig. Das konnte ja gar nicht sein.

Sie bestellte Karlas Mutter in die Schule. Dann sprach sie mit ihr, ohne dass Karla etwas davon wusste. Als die Mutter an dem Tag nach Hause kam, funkelte sie ihre elf Jahre alte Tochter wütend an und zischte: „Du undankbares Miststück, du kannst dich aber jetzt auf etwas gefasst machen! Wir waren viel zu gut zu dir! Das verdienst du gar nicht. Wir arbeiten von früh bis spät, damit wir euch Kinder ernähren können, und dann das! Du bist ja noch viel schlechter, als ich dachte. Ich wusste ja immer, dass du die Schlechtigkeit von deinem Vater, dem Verbrecher, geerbt hast, aber du bist noch schlimmer als der! Und deine Lehrerin weiß jetzt auch, was für ein Miststück du bist.“ Von da an wurde es zu Hause noch unerträglicher als zuvor. Und nie, nie wieder versuchte Karla, sich irgendjemandem anzuvertrauen. Sie machte brav, was die Mutter und der Stiefvater von ihr verlangten – ganz gleich, was es war – denn sie wusste, dass es absolut keinen Sinn hatte, dagegen aufzubegehren. Die Wahrheit würde ihr keiner glauben. Sie rechnete sich aus, wie lange es noch dauerte, bis sie 18 wurde. Dann würde sie noch am gleichen Tag von hier weglaufen. Und genau das tat sie sieben Jahre später, doch als der Stiefvater sich ihr in den Weg stellte und sie nicht gehen lassen wollte, hatte sie das Messer genommen. All die Jahre hatte sie nur in Erwartung dieses Tages durchgehalten, und jetzt konnte sie nicht mehr. Sie hatte sich vorgenommen, sieben Jahre lang still zu halten und niemandem etwas zu verraten, doch nun waren die sieben Jahre um. Sie hatte einmal ein Märchen gehört, in dem die Prinzessin sieben Jahre lang von einem bösen Drachen gefangen gehalten und dann erlöst wurde. Jeden Tag hatte sie daran gedacht und das hatte ihr geholfen, diese ewig lange Zeit zu überstehen. Mehr als einmal hatte sie daran gedacht, wie es sein würde, wenn sie einfach den Gashahn aufdrehen und  für immer einschlafen würde. Man hörte sehr oft von Leuten, die sich mit Gas vergiftet hatten. Das war nicht schwer. Das konnte sie auch. Aber dann rechnete sie sich aus, dass sie doch nur sieben Jahre überstehen musste und dann würde sie ja noch viel, viel länger leben als bloß sieben Jahre. Es würde sich also lohnen, nicht den Gashahn aufzudrehen, sondern alles zu ertragen und dann an ihrem 18. Geburtstag von hier wegzugehen. Natürlich wollte er, der sie so lange beschmutzt, gedemütigt und geschmäht hatte, sie nicht gehen lassen. Auch der Drache im Märchen ließ die Prinzessin niemals freiwillig gehen. Der Prinz musste mit dem Schwert kommen und um sie kämpfen. Hier war aber kein Prinz, das musste sie schon selbst machen. Deshalb hatte sie das Messer genommen und sich den Weg frei gekämpft. Damit hatte sie sich ihre Freiheit selbst erkämpft. Sie hatte es nie bereut. Es war die einzige Möglichkeit, aus der Höhle des Drachen zu entkommen. Doch das alles konnte sie jetzt nicht erzählen.

Sie sagte ruhig und leise: „Nicht meine Mutter. Das stimmt nicht. Aber das mit dem Messer stimmt schon. Ich hatte keine andere Wahl. Ich gehe doch nicht aus Spaß mit dem Messer auf jemanden los. Das glaubst du doch nicht, oder?“ – „Nein, das glaube ich nicht.“, sagte er. „Nie hätte ich das geglaubt. Du doch nicht. So gut kenne ich dich schon. Aber hast du wirklich ein Kind?“

Bei dieser Frage brach Karla – für ihn völlig unerwartet- plötzlich zusammen. Sie sah auf ihren Teller und fing an zu weinen. Das wollte sie nicht, aber sie war am Ende. Die ganze Zeit hatte sie sich zusammengenommen und versucht, nicht daran zu denken. Natürlich war das nicht möglich. Doch sie musste nie darüber reden und machte alles mit sich allein ab. Jetzt aber hatte sich die Situation geändert. Da saß Harald und fragte nach ihrem Kind! Was sollte sie darauf antworten? Sie konnte doch unmöglich erzählen, was wirklich geschehen war. Keiner würde ihr glauben, nicht einer. Der Richter hatte ihr nicht geglaubt, ihre eigene Mutter hatte ihr nicht geglaubt, warum sollte ihr jemals ein Mensch glauben? Sie weinte und konnte sich nicht beruhigen. Da ging unten die Haustür. Auf keinen Fall wollte Karla, dass jetzt etwa Fräulein Neubert hier hereinkäme und sie so sehen würde. Deshalb stand sie schnell auf und ging in ihr Zimmer. Harald war ganz erschrocken über ihre Reaktion. Er fand das gar nicht schlimm, dass sie ein Kind hatte. Warum war sie denn deshalb so außer sich? Er ging ihr hinterher in das kleine Zimmer und machte die Tür hinter sich zu. Karla hatte sich auf ihr zugedecktes Bett geworfen und weinte so, als ob sie nie wieder aufhören würde. Reden half hier nicht, das war klar. Man hörte das Klappern von Absatzschuhen im Flur. Das war jedenfalls nicht Marina, sondern wahrscheinlich die schnippische, neugierige  Neubert. Harald schloss die Tür leise von innen zu und ging auf Zehenspitzen zu Karla hin. Vorsichtig setzte er sich neben sie auf das Bett und als sie ihn ansah, gab er ihr ein Zeichen, sich leise zu verhalten. Er flüsterte: „Das ist die doofe Neubert.“ Im nächsten Augenblick hielten sie einander in den Armen und Karla bemerkte, dass er auch weinte. Er verstand es selbst nicht, aber er konnte es nicht verhindern. Obwohl er nicht wusste, was eigentlich los war, tat es ihm so unendlich leid, Karla so verzweifelt zu sehen. Um sie zu trösten, sagte er leise: „Das ist doch nicht schlimm, wenn du ein Kind hast. Was ist es, Junge oder Mädchen?“

„Ein Junge.“, antwortete sie ebenso leise. „Doch, es ist schlimm. Weil sie ihn mir weggenommen haben. Ich darf nicht einmal nach ihm fragen. Bis er achtzehn ist! Die haben mir kein Wort geglaubt. Weil der Kerl doch ein hohes Tier ist.“

„Welcher Kerl denn? Der, von dem das Kind ist?“

„Nein, das ist Gott sei Dank nicht von dem. Das wäre ja noch schrecklicher.“

„Aber was war das für ein Kerl, dem sie mehr geglaubt haben als dir? Was hat er denn damit zu tun, wenn es nicht sein Kind ist?“

Darauf konnte sie erst einmal nicht antworten, weil sie wieder angefangen hatte zu weinen und zu schluchzen. Das war so unaussprechlich schlimm, dass sie sich nicht vorstellen konnte, überhaupt jemals darüber reden zu können. Da ließ er sie in Ruhe, fragte nicht weiter und hielt sie bloß fest, damit sie nicht so allein war mit ihrem unendlich großen Kummer. Denn dass das nicht nur ein kleiner Kummer war, stand für ihn fest. Das war so einer, der einen immer verfolgte, wahrscheinlich bis ans Lebensende. Er kannte das auch aus eigener Erfahrung. Als Karla das so gesagt hatte von dem Kerl, der ein hohes Tier war, tauchten beiseitegeschobene Bilder auf. Bilder, die er nicht vergessen konnte, aus der Zeit im Jugendwerkhof. Da waren auch solche Kerle. Die hatten über einen zu bestimmen und bekamen immer Recht. Dabei war manch einer darunter, der ins Gefängnis gehörte. Doch die Stimmen der Entrechteten hörte niemand. Jungen, vierzehnjährig, die eine einzige Verfehlung in den Jugendwerkhof gebracht hatte. Sie waren für immer abgestempelt und denen ausgeliefert. Darüber reden durfte keiner. Die Akte verfolgte einen überall im sozialistischen Arbeiter-und-Bauern-Staat. Und ein Entkommen aus diesem war völlig unmöglich. Man riskierte sein Leben bei dem Versuch. Das alles ging Harald durch den Sinn. Niemand ahnte, was manchmal in ihm vorging, nicht einmal seine eigene Mutter. Er hatte kaum etwas erzählt, als er aus dem Jugendwerkhof wieder nach Hause gekommen war. So etwas konnte man nicht erzählen. Niemals. Außerdem hatte er so wie jeder unterschreiben müssen, dass er über die Angelegenheiten der Einrichtung Stillschweigen bewahren würde. Ansonsten drohten härteste Strafen. Das Schlimmste wäre gewesen, wenn sie ihn wieder dort hingeschickt hätten. Das wollte er auf keinen Fall riskieren. Lieber tot sein als das.

Die Absatzschuhe klapperten wieder nach unten. Inzwischen war es halb acht, Marina würde jeden Moment von der Arbeit kommen. Karla stand auf, ging in den kleinen Waschraum, um sich das verheulte Gesicht zu waschen und kam fünf Minuten später wieder heraus. Da kam auch schon Marina, sie setzten sich alle zusammen in die Küche und quatschten noch eine Weile. Weder Karla noch Harald war anzumerken, was sie gerade für ein ernstes Thema gehabt hatten. Beide hatten notgedrungen gelernt, die Erinnerungen wie auf Knopfdruck auszublenden und zu funktionieren, als ob nichts gewesen wäre.

222 Kilometer nördlich von Groß Vitzeldorff saß Michael Franke am nächsten Morgen in seinem Büro und prüfte einige Abrechnungen. Er überließ das nicht allein dem Wirtschaftsleiter und der Buchhaltung, sondern ging ab und zu hin und nahm sich einen der dicken Aktenordner, um den Überblick über das Geschehen im Haus zu behalten. Der jetzige Kurdurchgang war der letzte in diesem alten Gebäude. Danach würde hier alles ausgeräumt werden. Man musste entscheiden, welche Dinge in das neue Haus mitgenommen werden und welche weggeworfen oder anderweitig verwendet werden sollten. Er selbst würde dann während des Umzugs der Einrichtung nicht hier sein. Der Bezirksarzt schickte ihn für sechs Monate oder etwas länger nach Groß Vitzeldorff. Er sah von dem Aktenordner auf und dachte an die Zeit vor fünf Jahren zurück. Es war damals seine erste Erfahrung mit einem Kinderkurheim, und sie war haarsträubend. Was er dort erleben musste, entsprach absolut nicht seiner Vorstellung von Erziehung. Dort wurden – wie er feststellen musste – die Kinder von früh bis spät mit allen Mitteln daran gehindert, sich zu erholen. Für die sensibleren war es reiner Psychoterror. Die Erzieherinnen kamen fast ausnahmslos aus Berufen in der Landwirtschaft. Doch das war nicht der Grund. Die wenigen ausgebildeten Erzieherinnen waren nicht besser als die anderen. Bis auf eine, daran erinnerte er sich, sie hieß Tamara und war mit dem Hausmeister verheiratet. Sie hatte damals viel Ärger mit dem Erziehungsleiter, weil sie dagegen war, dass sich die Kinder während der ganzen Kur täglich mehr als dreißig Mal anstellen mussten. Man war dort in diesem Nest bei den Methoden von kurz nach dem Krieg hängengeblieben, als es hauptsächlich darum ging, Kinder ausreichend zu ernähren und abends sauber gewaschen ins Bett zu schicken. Das Kurheim glich eher einem Kasernenhof als einer Kindereinrichtung. Dass sich die Welt inzwischen verändert hatte, das war dort noch nicht angekommen. Man lebte satt und zufrieden nach dem alten Trott und fragte nicht danach, ob es nicht auch besser gemacht werden könnte. Als einzig Gutes in diesem Heim hatte er das Essen in Erinnerung, besonders das Mittagessen. Mit der Köchin hatte er sich gut verstanden, an sie erinnerte er sich auch noch. Und natürlich war das Schloss von der Architektur her sehr schön.

Wenn er daran dachte, in einem Monat dorthin zu gehen, fühlte er sich ein wenig wie ein Soldat, der in den Krieg zieht. Bei dem Gedanken musste er lachen. Zum Glück war er ja dann der Befehlshaber  und kein Befehlsempfänger!

Teil 7

Kapitel 15

Gabi stört Ruhe und Ordnung

Am nächsten Morgen ging Karla mit einem unbehaglichen Gefühl zur Arbeit. Wer weiß, wie die anderen auf den neuesten Tratsch reagierten. Frau Fröhlich und Paula Kowalski waren schon da und kochten Kaffee, die eine ständig laut gähnend und verschlafen, die andere mit der unvermeidlichen Alkoholfahne, beide wie immer mit ziemlich wirrem Haar. Mit den beiden kam Karla ganz gut aus, sie behandelten sie nicht so von oben herab wie Berta Altmann und ihre Schwägerin. Da kam die Wirtschaftsleiterin Frau Döring in den Aufenthaltsraum, was äußerst selten vorkam. Sie bat Karla mitzukommen, weil sie ihr etwas sagen müsste. Augenblicklich wurde ihr übel und schwindelig. Alles verschwamm vor ihren Augen. Ihr Herz schlug rasend. So ging es ihr immer, wenn sie Angst bekam. Das hing sicher damit zusammen, dass jetzt ihre Akte da war! Sie ging mit in das kleine Büro hinter dem Arztzimmer, setzte sich auf den angebotenen Stuhl und erwartete schlimmste Vorwürfe und Anschuldigungen.

„Sie wissen ja, dass unsere Köchin, Hanne Schneidewind, im Krankenhaus liegt und für lange Zeit ausfallen wird“, begann Frau Döring, „deshalb möchte ich Sie fragen, ob Sie bereit wären, so lange in der Küche auszuhelfen. Natürlich bedeutet das Schicht- und Wochenendarbeit, was Sie ja jetzt nicht machen müssen. Dafür bekommen Sie aber auch Zuschläge. Die Kollegen würden Ihnen alles zeigen. Es wäre wirklich eine große Hilfe für uns, wenn Sie zustimmen.“

Das war so unerwartet und so wunderschön, dass Karla gar nicht wusste, was sie sagen sollte. Sie würde mit Marina und Valeska in der Küche arbeiten! Schluss mit dem täglichen Spießrutenlauf bei den Reinigungskräften. Etwas Besseres konnte ihr in ihrer Situation gar nicht passieren. Das Kochen würde sie schon lernen. „Was meinen Sie dazu, könnten Sie sich das vorstellen?“

„Das würde ich gern machen, sehr gern!“ beeilte sich Karla zu versichern. Als sie sprach, merkte sie, dass sie einen Kloß im Hals hatte.

Für Dagmar Döring kam diese rasche Zustimmung unerwartet. Sie als direkte Vorgesetzte und Parteimitglied hatte natürlich die gesamte Kaderakte gesehen. Daraus ging hervor, dass „Fräulein Karla Mahlkow nicht bereit war, ihre Arbeitskraft zum Wohle des Volkes der Deutschen Demokratischen Republik einzusetzen.“ Was bedeutete, dass sie notorisch faul war. Jeder wusste, dass die Küchenarbeit hier im Kinderkurheim hart war. Das Essen musste pünktlich auf dem Tisch stehen. Hier gab es keine chemisch geschälten Kartoffeln wie in Schulspeisungen, hier wurde richtig gekocht. Die Verpflegung der Gärtnerei und weiterer Leute vom Personal war bei der Kalkulation der Arbeitskräfte für die Küche überhaupt nicht berücksichtigt worden. Das waren immerhin täglich dreißig bis vierzig Portionen Mittagessen zusätzlich zu den 150 Portionen für die Kinder, im Sommer oft noch mehr. Das alles schafften die vier Frauen ganz allein. Heidi Wendtland konnte nicht für den Spät- und Wochenenddienst eingeteilt werden, weil sie ein Kleinkind von anderthalb Jahren hatte. Da gab es entsprechende gesetzliche Vorschriften, an die man sich leider halten musste. Seit Hanne im Krankenhaus war, mussten Marina und Valeska deshalb die Wochenenden ganz allein schaffen. Das hieß, dass samstags und sonntags beide von morgens sechs Uhr bis abends acht Uhr im Dienst waren, und zusätzlich den Spätdienst der Köchin an den anderen Tagen übernehmen mussten. Jeder sah ein, dass das nicht so weitergehen konnte.

Deshalb war Frau Döring überrascht und auch froh, als Karla so schnell zustimmte. Sie gingen sofort in eine Wäschekammer im Keller und suchten passende Arbeitskleidung für sie heraus, karierte Stoffhosen und zwei weiße Kittel. Die Zeit drängte, Marina war allein in der Küche.

Die beiden Frauen gingen zusammen den langen Kellergang entlang bis zum Ende und dann in die Küche. Marina strahlte, als sie hörte, dass Karla mit ihr zusammen arbeiten würde. Einmal, weil sie es allein wirklich nicht schaffen konnte, und außerdem, weil sie wusste, wie sehr Marina unter der Boshaftigkeit der beiden Schwägerinnen Altmann und Klein gelitten hatte.

Diese saßen oben in ihrem Aufenthaltsraum und fragten sich, warum die Wirtschaftsleiterin die Berlinersche in ihr Büro gebeten hatte. Das war vor einer Stunde gewesen, und jetzt war sie immer noch nicht zurück. Besonders Berta Altmann wurde es nun recht unwohl bei dem Gedanken, dass der Diebstahl des Briefes irgendwie herauskommen könnte. Denn damit musste es zusammenhängen. Gestern hatten sie beide die Neuigkeiten verbreitet, die man nur aus dem Brief wissen konnte. Und heute wurde so ein langes Gespräch mit der Neuen geführt. Das war doch seltsam. Berta Altmann schwor sich, den Brief heute sofort zu verbrennen, wenn sie nach Hause kam. Dann konnte man ihr nichts mehr beweisen. Mit den Berlinern gab es doch wirklich nur Ärger!

Gertrud Fröhlich brachte das Gespräch auf die bevorstehende Ankunft des Herrn Franke Anfang Februar. „Ob er wieder so anfängt wie damals und alles durcheinander bringen will?“, fragte sie. Das war jetzt täglich das Hauptthema überall im Schloss.

„Soll er mal. Dann höre ich sofort auf.“, sagte Berta Altmann. Ihre Schwägerin Frau Klein stimmte zu: „Ich auch. Ich habe es nicht nötig. Bei uns bringen die Bienen das Geld. Außerdem habe ich mit drei Kindern genug zu tun.“ Sie hatte drei Söhne zwischen sechzehn und neunzehn Jahren. Der älteste war im Moment bei der Fahne. Sie arbeitete seit zwanzig Jahren nur noch halbtags.

Paula Kowalski meinte: „Mir ist das egal, in zwei Monaten gehe ich in Rente. Neue Moden fange ich sowieso nicht mehr an. Da kann er sich auf den Kopf stellen. Mit mir nicht mehr. Da rackert man sich hier sein Leben lang ab und macht sich die Knochen kaputt und dann das.“. Sie war die einzige, die schon zu Zeiten der adeligen Herrschaften hier im Schloss gearbeitet hatte. Mit vierzehn Jahren hatte sie hier als Stubenmädchen angefangen. Das war während des Krieges 1941. Sie erinnerte sich vor allem an Wurststullen und warmes Mittagessen, das sie hier immer bekommen hatten. Und zu Weihnachten erhielten die Angestellten kleine Geschenke. Noch heute bewahrte sie ein wunderschönes, kunstvoll mit Perlen besticktes Theatertäschchen auf, das sie damals bekommen hatte. Natürlich mussten sie von früh bis spät springen, wenn die Herrschaften etwas wollten. Aber die Arbeit war längst nicht so schwer wie in der Landwirtschaft. Wenn einer der Angestellten vom Schloss ernstlich krank wurde und kein Geld für einen Arzt hatte, ließ der Graf den Arzt kommen und bezahlte auch dafür. Erst ab Januar 1945, als die Familie gen Westen floh, begann hier im Dorf die Not für die meisten Bewohner. Sie hatten doch alle von dem Lohn gelebt, den sie vom Schlossherrn erhielten. Laut Berichten der älteren Leute im Dorf wie Mutti Wendtland hatte hier in Groß Vitzeldorff auch zum Kriegsende und in den ersten schweren Jahren keiner richtig hungern müssen. Wenigstens Kartoffeln oder Rüben hatte man immer gehabt.

Unten in der Plättstube hatten die beiden Frauen, die dort seit Jahren zusammen arbeiteten, ebenfalls das Thema Heimleiter.

„Für uns wäre es ja gut, wenn Franke wieder da wäre. Er war dafür, dass wir Verstärkung bekommen.“, meinte Frau Dreier, die Frau des Kraftfahrers.

„Ja, der hat sich um alles gekümmert und gesehen, was hier los ist. Von den anderen fragt doch keiner, wie wir das hier schaffen. Auch für die Küche wollte er mehr Personal einstellen. Und dass die Erzieher so mit den Kindern umspringen, das hätte er auf die Dauer auch endlich mal geändert. Die Neubert hört man bis in den Kellergang, wenn sie in der Mittagsruhe die Kinder anschreit.“, erwiderte ihre Kollegin.

„Schlafen kann da sowieso im ganzen Haus kein Kind. Wenn die Neubert fertig ist, hört man die Lindemann schreien. Die ist fast genauso schlimm. Das sind solche Kodderschnauzen alle beide! Und so was will Kinder erziehen.“

Die beiden waren allein dafür zuständig, dass Bettwäsche und Handtücher und die Kleidung für die 150 Kinder gewaschen, getrocknet und gebügelt wurden. Sie hatten dafür mehrere Räume im Keller zur Verfügung. In einem der Räume standen zwei überdimensionale Waschmaschinen, von denen fast immer eine kaputt war. Bis sie repariert wurde, vergingen jedes Mal mehrere Wochen. Dann musste man mit einer Maschine klarkommen.

In Groß Vitzeldorff war es seit jeher üblich, dass die Kinder am Ende der Kur fast nur saubere Wäsche mit nach Hause nahmen. Jeden Samstagvormittag stand deshalb „Wäsche zeichnen“ auf dem Wochenplan. Für die 25 Vorschüler machten das die Erzieherinnen während der Mittagsruhe, die größeren Kinder mussten ihre Kleidung am SamstagVormittag selbst kennzeichnen. Die Sachen wurden gruppenweise abgegeben und gewaschen, sonst hätte man am Ende nicht gewusst, wem welches Kleidungsstück gehört. Wenn die beiden Frauen dann am Montagmorgen zur Arbeit kamen, standen in einem Vorraum die vollen Wäschekörbe. Wenn Kleidung dabei war, die gebügelt werden musste, Blusen von Mädchen oder Ähnliches, dann hatten sie zusätzliche Arbeit. Außerdem wurde hier die Arbeitskleidung des Küchen- und Hauspersonals gewaschen.

In der folgenden Nacht gab es einige Aufregung für Frau Jäger. Einer der Jungen aus der Gruppe von Fräulein Neubert, die die Toiletten im Erdgeschoss benutzten, hatte unter dem Bademantel Kleidungsstücke versteckt und war unbemerkt die Treppe hinuntergegangen. In der Toilette hatte er sich umgezogen und wollte dann aus dem Fenster im Erdgeschoss springen und weglaufen. Die alten Fenster klemmten jedoch alle und bei dem Versuch, eines zu öffnen, gab es laute Geräusche, die schließlich an das Ohr der Nachtwache drangen. Sie lief mit ihrer Taschenlampe nach unten und sah, wie er eben auf das Fensterbrett steigen wollte. Schnell war sie bei ihm und hatte ihn am Kragen gepackt. Er war etwa zwölf Jahre alt. Für Frau Jäger war das nicht das erste Erlebnis dieser Art. Sie hatte schon viel erlebt in all den Jahren. Fast jeden Monat versuchten Kinder wegzulaufen. Sie hielt ihn fest und sagte: „Nun komm erst mal mit hoch, mein Junge.“ Das klang zur Überraschung des Jungen gar nicht so unfreundlich. Das Fenster hatte sie wieder geschlossen. Als sie mit dem Jungen oben im Spielraum der Gruppe 1 war, der genau in der Mitte lag, lehnte sie die Tür an und schaltete das Licht ein. So fiel nur ein schwacher Lichtschein in den Flur und sie konnte trotzdem hören, ob im Haus alles ruhig war.

Wenn Edith Jäger durch die Gruppen ging und hörte, dass Kinder während der Nachtruhe sprachen, konnte sie sehr streng sein. Allein mit 150 Kindern in dem großen Schloss, war es nicht leicht, für Ruhe zu sorgen. Deshalb nahm die Nachtwache zu den Vorschülern immer ein großes Lineal mit.

Andererseits hatte sie wirklich ein Herz für Kinder. Als sie nun mit dem Jungen im Gruppenraum war, ließ sie ihn sich erst einmal hinsetzen und fragte dann: “Was ist denn los, mein Kind? Warum willst du weglaufen?“

„Ich will nach Hause.“, sagte er nur. Es klang nicht trotzig, sondern eher so, als ob er jeden Moment anfangen wollte zu weinen. Sie fragte nicht weiter nach Gründen, das war ja sowieso klar. Heimweh, strenge Erzieher, Kasernenhofatmosphäre, es war immer dasselbe.

Da erzählte sie ihm von ihrem eigenen Jungen. Er war sechs Jahre alt gewesen, als er mit seiner Kindergartengruppe unterwegs war und von einem Bus überfahren wurde. Es war der einzige Sohn, den sie gehabt hatte. Sie fragte den Jungen, woher er käme und ob er Geschwister hätte und noch einiges mehr. Wenn er wollte, könnte er sich ein Buch aus dem Schrank nehmen und lesen. Er sagte aber, er wäre jetzt doch müde und wollte schlafen.

Bei der Übergabe am nächsten Morgen berichtete sie Kahl von dem Vorfall. Sie erzählte, wie sie mit dem Jungen geredet hatte und er nur gesagt hatte, er wollte nach Hause. Kahl nickte zustimmend. Das war nun schon so oft vorgekommen, dass sich keiner mehr über diese Vorfälle aufregte. Bei der Übergabe an die Frühschicht wurde der Vorfall ausgewertet. Herr Kahl fragte mit großen Augen: „Warum sich der Junge hier nicht wohlfühlt? Ich verstehe das nicht.  Das müssen wir im Blick behalten.“

Danach kehrte er zurück in sein Büro und vertiefte sich in die Zeitung.  Für nächsten Montag musste er die Parteiversammlung vorbereiten. Er als Parteisekretär musste stets über die aktuellpolitischen Ereignisse informiert sein. Von seinem Sohn, der im Süden der Republik als Lehrer arbeitete, wusste er, dass diese politische Arbeit anderswo noch weit mehr Gewicht hatte als hier am Ende der Welt in Groß Vitzeldorff. Auch die allgemeine Versorgungslage schien dort bedeutend schlechter zu sein. Wäre es nicht sein eigener Sohn gewesen, der ihm das erzählte, so hätte er es nicht geglaubt. Nach Fleisch stellte man sich dort stundenlang an! So etwas hatte es in Groß Vitzeldorff noch nie gegeben. Wenn hier die Frauen zwei Stunden zum Einkaufen brauchten, dann war es, weil sie unter der Dorflinde standen und Neuigkeiten austauschten.

Kahl begab sich auf seinen täglichen Rundgang.  Wie meistens ging er zuerst in den Keller.  Er hörte Fräulein Lindemann schon von der Treppe aus schreien. Eins der Kinder hatte sein Waschbecken nicht ordentlich sauber gemacht und mit dem Handtuch nachgetrocknet. Das war eine fähige Erzieherin, sie sah auf Ordnung und wusste, wie man sich durchsetzt! Man müsste sie auch einmal mit einer besonderen Auszeichnung würdigen. 

Sein Weg führte ihn in die Küche.  Seit Hanne Schneidewind im Krankenhaus lag, fühlte er sich verpflichtet, auch hier nach dem Rechten zu sehen. Heidi Wendtland und Marina hatten heute Morgen Dienst. Gerade schleppten sie zu zweit einen riesigen Topf Kakao zum Fahrstuhl und schickten ihn nach oben.  Dann verteilten sie die 400 Brötchen auf 28 Brotkörbe. Hier ging alles seinen Gang. Die Frauen waren an seine Kontrollgänge gewöhnt. 

Nachdem er die Küche verlassen hatte, ging er durch den Schnee hinüber zum Heizhaus. Von seinem Bürofenster aus hatte er heute früh gesehen, dass Thomas nur schwer das Gleichgewicht halten konnte,  als er die große Kohlenkarre vom Kohleplatz zum Heizhaus schob. War der jetzt auch schon am frühen Morgen volltrunken? Er fand ihn im Aufenthaltsraum der Heizer. Dieser Raum starrte vor Schmutz. Der Kohlestaub setzte sich überall fest. Thomas saß vor einer Tasse Kaffee am Tisch und rauchte eine Zigarette. Auf einem Teller lag ein Stück Kuchen, daneben eine offene Fischbüchse, Makrelenfilet (Filet aus heringsartigen Fischen!) in Tomatensoße.  Kahl fragte ihn, ob alles in Ordnung wäre.  Thomas war wirklich ziemlich blau, aber er war noch in der Lage zu antworten: „Klar, alles bestens bei uns. Kohle ist genug da!“ Hier war also ebenfalls alles in Ordnung.

In Gruppe 3 war an diesem Tag Gabi Voigtländer.  Sie war meistens als Springer eingeteilt,  weil die anderen nicht mit ihr zusammen eine Gruppe leiten wollten.  Vor einem halben Jahr war sie hierher gekommen.  Sie war ebenfalls keine ausgebildete Erzieherin. Es hieß, sie könnte sich nicht durchsetzen.  Sie hätte  keine Ahnung von Pädagogik und immer nur schwachsinnige Einfälle. 

So auch heute wieder,  wie Herr Kahl verärgert feststellen musste. 

Sie war mit den Kindern im Gruppenraum und machte mit ihnen ein Spiel.  Zuerst stellte sie sich selbst einem etwa gleich großen Kind gegenüber,  während die restlichen 23 brav auf ihren Stühlen saßen und zusahen. Nun begann sie eine Pantomime,  die das Kind genau nachahmen sollte. Haare kämmen,  Zähne putzen, nähen zum Beispiel.  Dann kamen zwei etwa gleich große Jungen an die Reihe. Das machte den Kindern großen Spaß.  Sie lachten laut, als plötzlich die Tür aufflog, Herr Kahl erschien und mit durchdringender Stimme und empörtem Gesicht fragte: „Was ist denn hier los? Man hört euch ja bis zu den anderen Gruppen! Ihr seid doch hier nicht allein im Haus.“

Der Vorfall wurde in der Erzieherbesprechung ausgewertet und wieder einmal mussten alle kopfschüttelnd feststellen,  dass Gabi Voigtländer nicht nur unfähig war, sondern echt nicht alle Tassen im Schrank hatte. Die würde sich nie durchsetzen können,  wenn sie keinen Abstand zu den Kindern wahrte. Wie oft müsste man ihr noch klarmachen,  dass man hier schon genug Erfahrung hatte und ihre blöden Einfälle nicht brauchte? Manche waren echt unbelehrbar und deshalb fehl am Platze, darüber waren sich alle einig.

Mitte Januar gab es einen Kälteeinbruch. Die Temperatur sank nachts auf mehr als zwanzig Grad unter null. Es lag viel Schnee auf den Feldern. Die Vertretung von Elvira Bierhals musste jeden Tag mehrere Male gehen und Kohlen für den Kachelofen im Konsum hereinholen. Im Schloss und im Wohnheim jedoch war es überall warm. An Kohle musste man nicht sparen!  Die Heizer warfen immer wieder Schubkarren voll Kohle in die Öffnungen im Boden. Riesige Haufen von Kohle lagerten auf der anderen Straßenseite auf dem Platz gegenüber dem Schloss zwischen zwei verfallenen riesengroßen Ställen. Vor Jahren hatte Groß Vitzeldorff eine eigene LPG gehabt. Auf diesem Platz standen damals ihre ersten Traktoren. Heute liefen die Heizer ständig mit großen Karren voller Kohlen zwischen dem Heizhaus und diesem Kohleplatz hin und her. Wenn es so kalt wurde wie jetzt, arbeiteten die Heizer in drei Schichten, sonst wurde es über Nacht zu kalt in den riesigen Räumen im Schloss.

Die sowjetischen Soldaten kamen jetzt nicht, um Wasser zu holen. Der Kanister wäre unterwegs wohl eingefroren und ganz kaputt gegangen. Vielleicht schmolzen sie Schnee und verwendeten das Wasser, wer weiß. Jedenfalls war seit einer Woche schon keiner mehr gesehen worden.

Unangenehm wurde es für Edith Jäger, wenn sie sich abends um halb neun von Kleinow nach Groß Vitzeldorff mit dem Fahrrad durch den Schnee kämpfte. Es waren jedoch nur noch wenige Nächte, dann würde sie für zehn Tage frei haben und die Erzieher mussten die Nachtwache übernehmen.

Die Januarkur wurde in altbewährter Weise durchgezogen. Die Kinder schrieben nach Hause, es wäre hier wie auf dem Kasernenhof. In der ersten Kurwoche wurden den Kindern immer die zwei Sorten Ansichtskarten vom Schloss zum Kauf angeboten. Natürlich lasen sowohl die Erzieherinnen als auch Herr Kahl hin und wieder, was die Kinder so schrieben, aber das interessierte keinen. Wenn Eltern anriefen und ihr Kind selbst von hier abholen wollten, bitte sehr. Man hatte nichts dagegen. Es kam jedoch fast nie vor. Im letzten Jahr zum Beispiel war nur ein einziges Kind während der Kur hier abgeholt worden, und zwar, weil es krank geworden war. Also überhaupt kein Grund zur Aufregung. Alles ging seinen sozialistischen Gang. – In Wahrheit war es den meisten einfach nicht möglich, das Kind abzuholen. Wie denn? Sollte eine alleinstehende Mutter mit ihren Kindern im Schlepptau morgens um sechs Uhr mit dem ersten Zug von Dresden nach Berlin fahren, dann nach Großenau, dann mit dem Triebwagen nach Ganzlin, mit den Kindern zu Fuß die drei Kilometer nach Groß Vitzeldorff marschieren, dann endlich gegen sieben Uhr abends ankommen, um festzustellen, dass kein Verantwortlicher mehr da war? Dann vielleicht mit den Kindern im Schlosspark übernachten und am nächsten Tag das Ganze noch mal in umgekehrter Richtung? Das hätte einen halben Monatslohn gekostet, ganz abgesehen davon, dass keiner so plötzlich Urlaub bekam im täglichen Kampf um die Planerfüllung in den volkseigenen sozialistischen Betrieben. Und selbst wenn es eine Familie mit Vater und Mutter und nur dem einen Kind war, die vielleicht einen Trabant hatte,  sah die Sache nicht viel besser aus. Es dauerte nun mal einen ganzen Tag, um vom Süden der Republik nach Groß Vitzeldorff zu reisen. Deshalb blieben die Klagen der Kinder, die nach Hause wollten, fast immer ohne Erfolg.

So ging es auch der neunjährigen Cindy. Nachdem sie gleich in der ersten Nacht hier im Flur stehen musste, hatte sie bei ihren beiden Erzieherinnen nichts zu lachen. Zu Hause machte sie nie ins Bett, aber hier durfte sie nachts nicht zur Toilette gehen. Es war unangenehm, auf dem nassen Laken zu schlafen, aber was sollte sie machen? Sie konnte nicht schlafen, wenn die Blase drückte. Mit der Zeit gewöhnte sie sich an, sich ganz weit nach links ins Bett zu legen, wenn sie es nicht mehr aushielt. Nachher hatte sie wenigstens auf der rechten Seite ein Stück trockenes Laken. Wenigstens schimpfte keiner darüber, dass ihr Bett jeden Tag nass war. Es interessierte keinen.

Im Großenauer Krankenhaus lagen Elvira Bierhals und Hanne Schneidewind zusammen in einem Zimmer, eine mit gebrochenem Bein, die andere mit Oberschenkelhalsfraktur. Das war praktisch, da jede von beiden den Besuch der anderen auch zu ihren Bekannten zählte. Jeder kannte jeden. Am Sonntag war Hochbetrieb im Krankenzimmer. Dietmar Wendtland, der sie nach ihrem Sturz vom Fahrrad hierher gebracht hatte, kam mit seinem Trabant und brachte Marina, Valeska und natürlich seine Frau Heidi mit. So war die ganze Küchenbelegschaft beisammen. Leider gab es keinen fünften Platz im Auto, denn Karla wäre auch gern mitgekommen. Sie kam am Mittwoch. Wenn Herbert Dreier nach Großenau fuhr, um den Filmvorführer abzuholen, nahm er Karla manchmal mit, und wenn er ihn zurückbrachte, holte er sie wieder ab. Jeden Mittwochnachmittag war im großen Sportraum des Kinderkurheims eine Filmvorführung für die Kinder. Sie saßen alle 150 eng beisammen in dem abgedunkelten Raum und sahen Kinderfilme wie „Das kalte Herz“, „Die Reise nach Sundevit“ oder ein Märchen. Dazu holte jedes Kind seinen Stuhl aus dem Speisesaal und stellte ihn in den Kinosaal, wie er mittlerweile auch schon genannt wurde.

Manfred Fröhlich war überraschend wieder aufgetaucht. Nachdem er aus Randemünde aus der Entzugsklinik weggelaufen war und sich ein paar Tage bei seiner Schwester aufgehalten hatte, warf ihn diese kurzerhand hinaus, als er wieder anfing zur Flasche zu greifen.

Allerdings hatte Gertrud Fröhlich nicht vor, wieder mit dem Ehemann zusammenzuleben. Vor einer Woche hatte sie die Scheidung beantragt. Sie hatte endgültig die Nase voll von dem ewigen Theater mit ihm. Ein paar Wochen ging es gut, dann betrank er sich wieder tagelang und machte im ganzen Dorf Spektakel. Dieser letzte Vorfall zu Weihnachten war einfach zu viel gewesen. Deshalb wollte sie ihre beiden kleinen Jungen lieber allein aufziehen. Das würde sie ohne ihn viel leichter schaffen! Doch sie erzählte das nicht herum. Früh genug würden alle über sie tratschen.

Kapitel 16

Der neue Chef

Das Ende der Januarkur rückte immer näher. Der gelbe Wartburg bahnte sich jeden Morgen seinen Weg durch den Schnee auf der alten Pflasterstraße nach Groß Vitzeldorff. Die Kälte hielt immer noch an. Am letzten Montag war es so glatt gewesen, dass Johannes Bachmann es nicht riskieren konnte, selbst am Konsum bei den Schließfächern auszusteigen, um die Post zu verteilen. Einer der Heizer fuhr mit und warf die Post in die Fächer ein, während der Postbeamte vom Auto aus Anweisungen gab. Streng genommen war das gegen die Dienstvorschrift. Doch die Post musste in die Schließfächer. Herr Kahl war selbst zum Heizhaus gegangen, um dem Heizer Bescheid zu geben, dass seine Hilfe gebraucht wurde. Für ihn war es eine willkommene Abwechslung, er half gern. Es war ja genug, dass die Köchin und die Verkäuferin mit gebrochenen Knochen im Krankenhaus lagen. Mit seinen jungen Beinen war es kein Problem, durch den hohen Schnee die zehn Meter von der Straße zu den Postfächern zu stapfen, ohne sich bei der Glätte die Beine zu brechen.

Die Dorfstraße war jedoch an Wochentagen immer geräumt, ebenso die Straße nach Kleinow. Der Schülerbus musste schließlich durchkommen, ebenso das Milchauto und die anderen Versorgungsfahrzeuge.

In den letzten Tagen vor der Abreise drehten sich fast alle Gespräche nur noch um die Ankunft von Herrn Franke und darum, was sich dann alles ändern würde. Eine Art von nervöser Unruhe lag in der Luft. Das wirkte sich auch auf den Tagesablauf in den Gruppen aus. Immer öfter vergaß Fräulein Neubert, jedes noch so leise Gespräch der Kinder beim Anstellen oder beim Essen sofort durch lautes Schreien zu unterbinden. In der Mittagsruhe brüllten die  Erzieherinnen seltener als gewohnt die Kinder an. Das führte dazu, dass viele Kinder wirklich schliefen. Dafür schliefen einige der Angestellten kaum noch. Sie wussten ja noch nicht, dass Herr Franke nach sechs Monaten wieder zurückgehen würde.

Schließlich kam der Tag der Abreise. Es war ein kalter, klarer Tag mit Sonnenschein. Nach außen hin lief alles so wie immer. Während die restlichen Kinder und die Erzieherinnen auf den letzten Bus warteten, der die Berliner Kinder abholen würde, hielt der neue Heimleiter mit seinem weißen Skoda vor dem Schloss.

Kahl sah ihn von seinem Büro aus und ging ihm entgegen. Es war ihm nicht recht, dass Franke gerade jetzt ankam, wo noch nicht einmal alle Kinder aus dem Haus waren. Ihm war unwohl bei dem Gedanken, dass er diese Kur so durchgezogen hatte wie immer, obwohl er genau wusste, dass der augenblickliche Heimleiter das nicht für richtig hielt. Eigentlich hatte er ihn erst am nächsten Tag erwartet. Joachim Kahl begrüßte den neuen Chef auf der Freitreppe. Herr Franke war noch nicht im Dienst, er wollte nur die Schlüssel zu seiner Wohnung holen und dann gleich wieder gehen. Er holte die Schlüssel bei Frau Kahl ab und verabschiedete sich. Schon wollte er zum Auto gehen und zu seiner Wohnung fahren, um sie in Augenschein zu nehmen. Da überlegte er kurz, kehrte um und ging durch den Seiteneingang geradewegs in die Küche. Er hatte damals immer gern eine Tasse Kaffee bei Hanne Schneidewind und den anderen Frauen aus der Küche getrunken. Vor fünf Jahren waren sie alle Mitte zwanzig, da siezte man sich nicht. Als er die Tür öffnete, kam ihm ein bekannter, scharfer Geruch entgegen. Ja, daran erinnerte er sich auch. Natürlich! Am Abreisetag wurde die Küche mit Wofasept desinfiziert. Marina stand auf einem Küchenstuhl und bearbeitete die oberen Fliesen. Als sie das bekannte Gesicht sah, stieg sie von dem Stuhl herunter und begrüßte ihn herzlich. Ohne groß zu fragen, setzte sie sofort den Wasserkessel auf, um frischen Kaffee aufzubrühen. Sie stellte drei große Tassen auf den Holztisch in der Ecke. Dann sagte sie: „Hanne liegt im Krankenhaus. Oberschenkelhalsbruch. Hier in der Küche ist sie zusammengeklappt. Wollte einen Topf mit Kartoffeln in den Fahrstuhl stellen, und plötzlich lag sie da. Das wird noch lange dauern, glaube ich.“

„Einen Topf mit Kartoffeln? Wieder so ein Riesentopf etwa?“ fragte er und setzte sich an den Tisch. Marina erinnerte sich jetzt, dass er damals immer gesagt hatte, diese Töpfe sollten sie ausrangieren und lieber zwei kleinere für einen großen nehmen. Das Gewicht dieser Töpfe lag weit über dem, was laut Arbeitsschutzgesetz zulässig war, wenn sie gefüllt waren. Das wusste jeder, aber man ignorierte es. Wieder einmal ein Fall von „Das haben wir schon immer so gemacht.“

„Und wer ist jetzt als Vertretung hier?“

„Karla Mahlkow. Sie ist erst seit Jahresanfang da. Sie wohnt auch drüben im Ledigenwohnheim. Sie war eigentlich beim Bohnerbesen ä… beim Hauspersonal.“

Er lachte. „Wie geht es dir denn, Marina?“

„Ach, soweit ganz gut. Siehst ja, ich bin immer noch da. Schlecht ist es nicht hier, aber ich will woandershin, was von der Welt sehen. Hier ist doch nichts los.“

Da kam Karla aus dem Kühlraum.

„Da ist ja Fräulein Mahlkow! Guten Tag!“, begrüßte er sie.

Marina sagte: „Hier in der Küche waren wir doch noch nie Fräuleins. Das klingt richtig komisch. Das passt gar nicht hierher. Karla ist ja auch erst neunzehn.“

„Also dann, wenn Fräulein Mahlkow nichts dagegen hat, dann ist es mir natürlich recht!“, sagte er und reichte ihr die Hand. „Ich heiße Michael.“

Karla setzte sich mit an den Tisch.

„Du vertrittst also jetzt die Köchin“, scherzte er.

Karla sagte erschrocken: „Nein, ich habe keine Ahnung vom Kochen!“

„Das stimmt aber nicht!“ protestierte Marina. „Jedenfalls klappt alles einwandfrei hier in der Küche. So wie immer.“

Karla war froh, als der zukünftige Chef aufstand und sich verabschiedete. Die Unterhaltung war nett und locker gewesen, aber sie fürchtete immer die unangenehmen Fragen, wenn sie jemanden zum ersten Mal kennen lernte. Sie wusste, dass sie jedes Mal sofort Panik bekam. Doch er hatte keine Fragen gestellt.

Schon im Gehen, fragte er: „Wollen wir nicht heute Nachmittag alle zusammen zum Krankenhaus fahren und Hanne überraschen?“

Natürlich wollten sie das gern. Er würde sie beide mit seinem Skoda abholen und anschließend könnten alle drei noch in einer Kaufhalle in Großenau ordentlich einkaufen.

Michael Franke fuhr zu seiner neuen Wohnung. Sie befand sich gegenüber dem Dorfkonsum im alten Forsthaus. Dieses Haus gehörte so wie einige andere Wohnhäuser einschließlich Wohnheim dem Kinderkurheim. Unten wohnte Familie Klein mit ihren drei Söhnen. Er schloss die große, alte Tür an der rechten Seite des Hauses mit dem riesigen geschmiedeten Schlüssel auf und ging eine steile Treppe nach oben. Hier war sein Domizil für die nächsten Monate.

Er schloss auf und betrat den kleinen, quadratischen Flur. Sofort nahm er den etwas muffigen Geruch wahr. Die Wohnung hatte fünf Jahre lang leer gestanden. Im letzten Herbst hatte Schrottköter angeordnet, dass sie renoviert und danach wieder vergeben werden sollte. Geplant war, dass einer der Heizer mit seiner Familie hier wohnen sollte. Doch nun brauchte man sie für den Chef. Das ging erst einmal vor.

Er sah sich um. Alle Zimmer waren mit den üblichen, gemusterten Tapeten ausgestattet. Die Decken waren weiß gestrichen und hatten etliche Risse, die trotz des neuen Anstrichs deutlich zu sehen waren. In allen Räumen waren die Spuren der Malerarbeiten noch nicht beseitigt worden. Die letzten Reste der Tapeten und die Eimer mit den eingetrockneten Leimresten standen überall umher. Die Fußböden waren voller Farbspritzer. Man hatte wohl auch das Schlafzimmerfenster gestrichen, denn das mit Marmorfolie beklebte Fensterbrett war mit weißer Alkydharzfarbe bekleckert. Die Malerarbeiten waren von der in Großenau ansässigen Firma Weiland durchgeführt worden. Die anderen Fenster hatten sicher seit zwanzig Jahren keine neue Farbe mehr bekommen. Er trat an eines der Fenster im Wohnzimmer heran und versuchte es zu öffnen. Unmöglich. Es klemmte. Er probierte die anderen aus. Außer dem Schlafzimmerfenster konnte man nur das kleine, schmale Fenster im Bad öffnen. Doch das Bad hatte keine Badewanne und keine Toilette. Nur die Abflussrohre im Boden zeigten an, wo hier die entsprechenden Dinge installiert werden sollten. Die Wohnung war ja für den Heizer vorgesehen gewesen. Hier gab es noch allerhand zu tun, bis er einziehen konnte.

Bis zu seinem Umzug hatte er ein Zimmer im Ledigenwohnheim, denn er konnte nicht täglich von hier auf die Insel Rügen reisen. Zum Glück stand noch das Doppelzimmer leer, in dem die zwei jungen Erzieherinnen gewohnt hatten, die im November weggegangen waren.

Jetzt nahm er sich Zollstock und Schreibzeug und notierte die Maße der Zimmer. Er würde für die sechs bis zwölf Monate nicht alle Möbel nach hier holen. Obwohl der Umzug selbstverständlich vom Kinderkurheim Groß Vitzeldorff und somit vom Gesundheitswesen bezahlt wurde, hielt er es für sinnvoller, nur das Notwendigste mitzubringen. Essen würde er ohnehin meistens im Schloss.

Er fuhr runter zum Wohnheim, wo er Marina und Karla abholte. Gern hätten sie einen Blumenstrauß für die Köchin mitgebracht, doch es war Anfang Januar. Das war aussichtslos. Selbst im Sommer bekam man nur selten einen Strauß Rosen oder Nelken im Blumengeschäft, und dann nur auf Bestellung. Oder in der Gärtnerei Groß Vitzeldorff! Dahin fuhren die Großenauer, wenn sie dringend einen Blumenstrauß zum Geburtstag der Schwiegermutter brauchten. Doch jetzt im Winter gab es auch dort keine Schnittblumen.

Der Besuch im Krankenhaus wurde sogar noch ganz lustig. Natürlich kannte Michael auch die Verkäuferin Elvira Bierhals, die im gleichen Zimmer lag wie Hanne. Die beiden Kranken wünschten sich im Augenblick nichts sehnlicher, als einen Tag lang die Verpflegung vom Schloss zu bekommen. Das Essen im Krankenhaus war wirklich nicht gerade wohlschmeckend. Kein Obst, sehr wenig Gemüse, Es war ja nun mal Winter, da gab es eben nichts.

„Ich würde so gerne mal wieder einen halben Gummiadler[i] essen!“, sagte Hanne.

„Vielleicht können wir beim nächsten Mal vorher in die Broilerbar gehen und etwas mitbringen“, schlug Marina vor.

Leider gab es dann doch noch eine große Enttäuschung, als Michael im Laufe des Gesprächs sagte, dass er nur für die nächsten sechs Monate hier bleiben und dann in das Kurheim an der Ostsee zurückkehren würde.

Am Abend saßen alle drei in der Gemeinschaftsküche beisammen: Marina, Karla und Michael Franke. Er war kein Kontrollfreak wie Herr Kahl, doch er war auch kein Chef vom Typ des Herrn Schrottköter, dem es nur darum ging, dass alle sprangen, wo er auftauchte, und der sich in Wirklichkeit um nichts kümmerte. Er hörte, dass hier alles noch genau so war wie damals vor fünf Jahren, und dass sich absolut nichts geändert hatte. Von der Anreisesuppe bis zum sechsunddreißigmaligen Anstellen täglich war alles beim Alten geblieben. Er konnte sich noch sehr gut daran erinnern, wie die Erzieherinnen besonders zu Beginn einer Kur unter Druck standen. Nachdem sie am Abreisetag die Reinigung der gesamten oberen Stockwerke durchgeführt hatten, waren sie bei Anreise der Kinder ebenso allein für das Beziehen der 150 Betten zuständig, während diejenigen, die für die Reinigung des Hauses angestellt waren, praktisch den ganzen Tag nichts taten. Die beiden Frauen in der Waschküche waren allein für die gesamte Wäsche zuständig. Sie hatten kaum Zeit, in der Mittagspause nach oben zu gehen und zu essen, obwohl die Pausenzeit zusätzlich abgeleistet werden musste. Die Wirtschaftsleiterin hätte normalerweise einen ausgefüllten Arbeitstag gehabt, doch einen großen Teil ihrer Pflichten übernahm seit jeher der Erziehungsleiter, der sich für alles verantwortlich fühlte.

Die Arbeit der zwei Büroangestellten hätte ebenso gut eine erledigen können. Sie waren beide fähige Leute, aber völlig unterfordert. Die Servierküche hatte längst nicht so viel Arbeit wie die Küche unten, aber sie hatte ebenfalls vier Vollzeitkräfte, die sogar alle voll einsatzfähig waren, weil keine von ihnen ein Kleinkind hatte. Was ihm aber völlig gegen den Strich ging, das war die absolute Unfähigkeit, den Kindern die Erholung zu bieten, die sie hier finden sollten. Er kannte auch genau die Begründung für dieses Handeln: Vorrang hätten Ruhe und Ordnung. Hier schieden sich die Geister. Natürlich war auch er für Ruhe in einem Heim, das vorwiegend der Erholung dienen sollte. Doch wie sollte eine einzelne Erzieherin in einer gemischten Gruppe von 24 Kindern durchsetzen, dass während des gesamten Aufenthaltes im Haus kein Kind laut sprach oder lachte? Dass sich die Gruppe sechsunddreißig Mal am Tag in einer tadellosen Zweierreihe anstellte, ohne dass ein Wort gesprochen wurde? Beim Essen durfte ebenfalls kein Wort gesprochen werden. Fünfzehnjährige, von denen nicht wenige bereits die Jugendweihe hinter sich hatten und die in ihren Schulen bereits mit „Sie“ angesprochen wurden, mussten um sieben Uhr abends ins Bett und durften dann kein Wort mehr sprechen. Auch für sie galt die zweistündige Mittagsruhe. Vierzehn Stunden Schlaf am Tag für Fünfzehnjährige! Für ihn war das alles absurd. Er hatte nicht vor, diese seltsamen  Zustände hier weiterhin fortbestehen zu lassen, auch wenn seine Tätigkeit nur einige Monate währte. Das wäre gegen seine Überzeugung gewesen.

Hier sollte sich einiges ändern, bis er wieder wegging, und er hoffte, dass diese Veränderungen bei seinem Nachfolger weiter fortgeführt würden.


[i] Broiler, Gummiadler– Masthähnchen

Teil 8

Kapitel 17

Frischer Wind!

Als am übernächsten Tag kurz vor sieben Uhr die ersten Angestellten zur Arbeit kamen, fanden sie bereits die Einladung zur Belegschaftsversammlung vor, die an der Eingangstür hing und nicht zu übersehen war. Die Zusammenkunft sollte bereits am nächsten Tag stattfinden.

Belegschaftsversammlung während der Kur? Das ging ja gar nicht. Wer sollte denn inzwischen auf die Kinder aufpassen? Mindestens sechs Erzieher waren dafür notwendig. Und überhaupt. So was hatte es ja hier noch nie gegeben! Wozu das alles, was wollte er nur? Hier lief doch alles seit Jahrzehnten ohne Probleme. 

Michael Franke war an diesem Anreisetag, der sein erster Arbeitstag war, seit halb sieben in seinem Büro. Das mit der Einladung hatte er am Vortag gemacht, als außer Johannes Bachmann niemand im Hause war. Mit diesem hatte er sich bei einer Tasse Kaffee über dies und jenes unterhalten.

Heute wollte er sich noch nicht in den Ablauf einmischen. Am Vormittag waren heute nur die Büroleute und die Reinigungskräfte hier. Die zwei Frauen im Büro hatten bei Anreise genug zu tun, da etliche Formalitäten erledigt werden mussten. Küche und Servierküche waren erst ab mittags besetzt, da die Kinder erst im Laufe des Nachmittags eintrafen. Außer der bekannten Anreisesuppe wurde heute nicht gekocht, das war schon immer so gewesen.

Gestern hatte Michael das ganze Haus vom Keller bis zum Dach besichtigt und festgestellt, dass sich in den letzten fünf Jahren nicht viel verändert hatte. Es standen noch immer die alten Krankenhausbetten in den Schlafräumen. In die Nachtschränke war immer noch eingeritzt „Nie wieder Groß Vitzeldorff“ und „Ich will nach Hause“. Das alte Klavier stand auch noch in der Vorhalle, so wie damals. Die gleichen uralten Schränke standen in den Schrankzimmern, in denen die Kleidung der Kinder aufbewahrt wurde. Das Nachtwachenzimmer hatte immer noch weder fließendes Wasser noch ein Telefon, obwohl beides laut Vorschrift installiert sein sollte. Die Notbeleuchtung funktionierte auch nicht. Und in den Gruppenräumen der vier großen Gruppen lagen die Hefte, in die die Zensuren für die Betten eingetragen wurden. Alles wie früher. Nur die Fernseher waren neu, es gab jetzt in allen sechs Gruppenräumen je einen Farbfernseher.

Noch etwas stellte er fest. Genau wie früher, waren zur Abreise alle Schlafräume, Gruppenräume, Toiletten sowie die Duschen und Waschräume im Keller gereinigt worden. Die Büros wurden von den jeweiligen Angestellten schon immer selbst sauber gemacht, außer seinem eigenen. Das war Sache des Reinigungspersonals. Deshalb fragte er sich, was in aller Welt die fünf Frauen vom Reinigungspersonal heute wohl den ganzen Tag tun würden. Arbeit war genug da, es waren schließlich einhundertfünfzig Betten zu beziehen. Er ging zum Aufenthaltsraum der Reinigungskräfte und begrüßte die Kollegen. Als er den Raum betrat, schlug ihm eine Wolke von Alkoholdunst entgegen. Ach ja, Paula Kowalski. Es hatte sich wirklich nichts geändert! Nun, in dieser Sache würde er einfach einen Monat lang beide Augen zudrücken. Im März ging Paula sowieso in Rente.

Dann ging er in Herrn Kahls Büro und begrüßte den Erziehungsleiter, der um fünfzehn Jahre älter war als er selbst. Er hatte lange darüber nachgedacht, ob er vor der Belegschaftsversammlung mit Kahl über seine Pläne sprechen sollte. Schließlich hatte dieser hier seit zwanzig Jahren mehr zu sagen als der jeweilige Heimleiter! Stets war er es gewesen, der die wichtigen Entscheidungen im Hinblick auf den Umgang mit den Kindern traf. Allerdings hatte es gerade deshalb keine wichtigen Entscheidungen gegeben, denn es war ja nichts, aber auch absolut gar nichts verändert worden, trotz der vielen Klagen von Kindern und Eltern.

Hier galt es seit Jahrzehnten als Merkmal guter Qualitätsarbeit, wenn es hieß: „Bei der haben die Kinder nichts zu lachen“ oder „Da trauen sich die Gören nicht aufzumucken, die hat sie fest im Griff“. Kahl nannte es etwas verbindlicher „Sich durchsetzen können ist die erste Voraussetzung, um ein guter Erzieher zu sein“. Michael Franke hatte in diesem Punkt seine eigene Meinung. Die Autorität des Erziehers aus reinem Selbstzweck oder Bequemlichkeit maßlos zu übertreiben und in den Mittelpunkt zu stellen, war nicht seine Vorstellung von Erziehung. Am Ende dieser Überlegungen war er zu dem Entschluss gekommen, vor der Belegschaftsversammlung mit den beiden Kollegen, die ebenfalls Leitungspositionen inne hatten, ein gemeinsames Gespräch zu führen und beide in seine Pläne einzuweihen. So würde sich hoffentlich keiner übergangen fühlen und trotzdem war von vornherein klar, dass er nicht gewillt war, wie Herr Schrottköter alles dem Erziehungsleiter zu überlassen. Außer diesen beiden war nur einer der Angestellten ihm direkt unterstellt, und zwar Johannes Bachmann. Ihn als Buchhalter betrafen die geplanten Veränderungen jedoch nicht. Deshalb hatte er bereits gestern mit ihm gesprochen und gesagt, er könne gern an der Versammlung teilnehmen, es wäre jedoch nicht notwendig. An der Buchhaltung war absolut nichts zu beanstanden oder zu verändern.

Deshalb bat Michael Franke die Wirtschaftsleiterin und den Erziehungsleiter für zehn Uhr zu einem Gespräch in sein Büro.

Bereits damit fühlte sich Herr Kahl sehr unwohl. Keiner der Chefs hatte ihn je zu einem Gespräch zitiert. Immer war er es gewesen, der bestimmte, was wie gemacht wurde. Der letzte Heimleiter, Herr Schrottköter, hatte nur Dinge entschieden, die ihm als Erziehungsleiter völlig egal waren, wie zum Beispiel die Anschaffung der Farbfernsehgeräte oder die Bestellung neuer Fenster für das Schloss und Ähnliches.

Auch nebenan im Aufenthaltsraum der Reinigungskräfte fühlte man sich heute nicht so entspannt wie sonst am Anreisetag. Heute gab es nichts, aber auch absolut nichts zu tun für sie. Das ganze Haus war sauber, was sollte man da noch machen? – Dass die Sauberkeit der Waschräume und Toiletten jedoch bei näherem Hinsehen sehr zu wünschen übrig ließ, ebenso wie der Rest des Hauses – darüber sah man seit Jahrzehnten hinweg. Man lebte auf diese Art sehr bequem, warum hätte man also etwas ändern sollen?

Um zehn Uhr saßen im Büro des Heimleiters die drei Angestellten des Kinderkurheims Groß Vitzeldorff  beisammen, die leitende Positionen und dementsprechende Gehälter hatten: Franke als der neue Heimleiter, Joachim Kahl als Leiter der fünfzehn Erzieherinnen und die Wirtschaftsleiterin Dagmar Döring als Chefin aller übrigen Angestellten, das waren im Moment 22.

Zur Überraschung der beiden anderen fragte Franke zuerst, ob sie Wünsche oder Vorschläge bezüglich der Verbesserung ihrer Arbeit hätten. Sie sahen ratlos um sich, was sollte man hier wohl verbessern? Dagmar Döring dachte sich im Stillen, nun, das habe ich vor langer Zeit versucht und werde es gewiss nie wieder tun. Kahl aber war felsenfest davon überzeugt, dass das, was er täglich seit zwanzig Jahren hier tat, nicht zu verbessern war. Er setzte seine ganze Kraft ein, um den Auftrag der Partei zu erfüllen und der Jugend sozialistische Prinzipien anzuerziehen, jedes Jahr erhielt er höchste Auszeichnungen, mehr konnte doch wirklich niemand erwarten! Er sah seinen neuen Vorgesetzten mit großen Augen an, hob die Schultern und sagte: „Im Rahmen unserer Möglichkeiten tun wir selbstverständlich unser Bestes!“

„Davon bin ich überzeugt“, stimmte Michael zu, „ und doch denke ich, dass man sich die Arbeit sehr erleichtern und zusätzlich die Kuren für die Kinder sehr viel angenehmer und erfolgreicher gestalten kann. Ich mache niemandem einen Vorwurf, doch oft ist es so, dass man im Laufe der Jahre einfach betriebsblind werden kann. Die Dinge scheinen so selbstverständlich, dass man an eine Veränderung einfach nicht mehr denkt. Und genau deshalb kommt man auch nicht auf die entsprechenden Ideen!“

Nun war Kahl aber ärgerlich. Das hieß ja praktisch, er wäre nicht in der Lage, für jedes Problem die beste Lösung zu finden und sofort in die Tat umzusetzen. Er war hier im Dorf derjenige, zu dem alle aufblickten, der immer half, wenn Not am Mann war! Und jetzt musste er sich so etwas sagen lassen!

Michael fuhr fort: “Nehmt doch zum Beispiel einmal den heutigen Tag. Was machen die Erzieher, wenn sie heute um dreizehn Uhr kommen? Sie fangen an, die 150 Betten zu beziehen, während die Frauen vom Reinigungspersonal seit morgens um sieben in ihrem Kabuff sitzen und nicht wissen, was sie vor Langerweile machen sollen! Wenn die letzten Kinder heute ankommen, sind die Erzieher bereits so abgehetzt, dass sie bei der kleinsten Kleinigkeit aus der Haut fahren und den Kindern ein unangenehmer Empfang in Erinnerung bleiben wird. Doch gerade der erste Eindruck ist wichtig. Ich weiß, dass es so ist!“ fügte er in etwas schärferem Ton hinzu, als er sah, dass Kahl etwas entgegnen wollte.

Dagmar Döring rutschte bereits unruhig auf ihrem Stuhl hin und her. Er würde doch nicht wieder so wie damals vor fünf Jahren von ihr erwarten, dass sie sich mit Berta Altmann & Co anlegte! Die erwarteten im Moment von ihr, dass schnellstens eine weitere Kraft für die in die Küche versetzte Karla Mahlkow eingestellt wurde, da sie mit der ganzen Arbeit in dem riesigen Schloss völlig überlastet waren. Und nun sollten sie noch mehr Arbeit übernehmen! Die Anordnung erfolgte damals mit der Begründung, dass das Beziehen von Betten nicht zur Reinigung des Hauses gehörte. Deshalb wurde diese ungeliebte Arbeit seit fünfundzwanzig Jahren von den Erziehern durchgeführt, und zwar in der Stunde unmittelbar vor Ankunft der Kinder.

Dagmar Döring hatte selbst, als sie hierher kam, einige Jahre als Erzieherin gearbeitet. Dann hatte sie ihre zwei Kinder bekommen und konnte nicht mehr im Schichtdienst eingesetzt werden. Demzufolge musste sie einen Posten ohne Schichtarbeit bekommen. Unterbringen musste man sie nach der Geburt der Kinder, da gab es keine Diskussion. Im Büro hatte man damals genug Leute, aber der alte Wirtschaftsleiter ging gerade in Rente. Da bot es sich an, ihr die Stelle zu geben. Sie würde das schon hinkriegen, es wäre ja nur weiterhin so zu verfahren wie bisher. Und es war eine gute Wahl gewesen, denn es lief weiterhin alles wie am Schnürchen. Die hauptsächlichen Verantwortungsbereiche der Wirtschaftsleiterin bestanden in der Aufstellung der Dienstpläne für die 32 ihr unterstellten Mitarbeiter und in der Bestellung der Lebensmittel und sonstigen Dinge für die Küche und die Hauswirtschaft. Außerdem die Bestellung der Kohle und die Überwachung des Verbrauchs all dieser Dinge. Das war der offizielle Teil. Über den Rest sprach man besser nicht. Das tat höchstens die indiskrete Nachtwache Edith Jäger, die gern die Geschichte von den Apfelsinen erzählte. Besagte Apfelsinen waren einmal kurz vor Weihnachten die ganze lange Kellertreppe hinuntergerollt, weil der Beutel gerissen war, in dem Frau Döring die begehrten Südfrüchte zu ihren Kollegen ins Büro bringen wollte. Das war eines Morgens kurz vor halb sieben, lange bevor die anderen Angestellten das Haus betraten. Zufälligerweise war an diesem Morgen auch Frau Schmidt schon so früh hier, die damals zusammen mit Frau Kahl im Büro saß. Wie viel an der Geschichte Dichtung und Wahrheit war, konnte allerdings niemand sagen.

„Ich weiß, Betten beziehen ist keine Reinigungsarbeit. Es gehört aber auch nicht zur Erziehungsarbeit! Und was ist mit dem Kofferschleppen? Ich habe es noch gut in Erinnerung, dass von rund dreißig Beschäftigten, die sich gewöhnlich um diese Zeit im Dienst befinden, nur sechs für diese Arbeit verantwortlich fühlten, und das waren wieder ausgerechnet die, die sich doch eigentlich um die Kinder kümmern sollten. Wieso kann der Kraftfahrer zum Beispiel nicht auch ein paar Koffer tragen? Er hat ja nicht mal einen Raum hier im Haus, weil er, wenn er nicht fährt, gleich ganz zu Hause bleibt, und das betrifft sicher die Hälfte der Zeit, für die er hier bezahlt wird. Mit welchem Recht eigentlich? Weil man es niemandem zumuten kann, mit seiner Alkoholfahne in Berührung zu kommen? Das müssen die Kindergartenkinder jedenfalls auch täglich aushalten. – Das sind nur einige wenige Beispiele für Dinge, die ich nicht für gut halte und ich sage euch, es läuft hier nicht alles wie am Schnürchen, auch wenn es noch so oft wiederholt wird.“

Jetzt hatte er doch schon mehr gesagt, als er eigentlich ursprünglich vorgehabt hatte. Doch das Thema regte ihn auf. Diese ungeheure Gleichgültigkeit und Selbstgefälligkeit auf Kosten anderer. Dieses „Wir tun unser Bestes“ und „Das hat es doch hier noch nie gegeben!“. Durch die erfolgreiche Arbeit im Kurheim Rieck war er in den vergangenen Jahren viel selbstbewusster geworden. Er wusste, dass sich damals hier in Groß Vitzeldorff alle über ihn beklagt hatten, weil er keine Erfahrung hätte und alles nur durcheinander bringen würde. Doch das konnte nun keiner mehr behaupten. Das Heim an der Ostsee war sogar noch bedeutend größer als dieses hier. Er würde hier zwar nur einige Monate Zeit haben, doch diese wollte er nutzen, um einmal gründlich aufzuräumen. Zum Teufel mit dieser Bequemlichkeit und Gleichgültigkeit! Er würde alle Hebel in Bewegung setzen, um geeignete Leute zu finden, damit dieser Ort hier zu einem schönen Ort für die Kinder wurde. Da hatte er ein hartes Stück Arbeit vor sich! Fast wünschte er, die Bauarbeiten am Kurheim in Rieck würden etwas länger dauern, damit er hier etwas zum Guten bewirken konnte.

Kapitel 18

Schwanger von Jugoslawien

Am Mittwoch um 13 Uhr fand die Belegschaftsversammlung statt. Für Groß Vitzeldorffer Verhältnisse war sie ein außergewöhnliches Ereignis.

Michael hatte nichts dem Zufall überlassen. Er hatte angeordnet, dass statt der Mittagsruhe heute um 13 Uhr ein zweistündiges Kinderprogramm mit Vorfilm im Kinosaal vorgeführt wurde. Der Hauptfilm war „Blutsbrüder“, ein DEFA-Western mit Dean Reed und Gojko Mitic in den Hauptrollen, und vorher gab es noch einen Kurzfilm mit Lolek und Bolek. Mit der Aufgabe, das allen Kindern mitzuteilen, hatte er Hannelore Oczynski beauftragt. So kam es, dass alle 150 Kinder brav auf ihren Stühlen saßen. Für die Aufsicht genügten die beiden Frauen aus der Plättstube. Mit diesen beiden würde er danach sprechen. Für alle Fälle waren ja nebenan im Speisesaal vierzehn Erzieherinnen und ein Erziehungsleiter anwesend. Er hatte darauf bestanden, dass alle Erzieher bei der Belegschaftsversammlung anwesend sein mussten. Bereits das sorgte bei den meisten für völliges Unverständnis und Ablehnung. Zum ersten Mal in der Geschichte des Kinderkurheimes gab es eine Versammlung, bei der alle Angestellten einschließlich Heizer und Nachtwache anwesend waren. Das gab es sonst nur zum Republikgeburtstag am 7. Oktober,  aber das war etwas anderes, da gab es ja auch die Auszeichnungen und eine kleine Feier.

Als er zu sprechen begann, ebbte das allgemeine Gemurmel ab und jeder war gespannt, was nun folgen würde.

Seit Ewigkeiten war es nicht vorgekommen, dass über den Ablauf der Vorgänge im Kinderkurheim „Heitere Aussicht“ ernsthaft nachgedacht wurde. Man war es nicht gewohnt, die Dinge beim Namen zu nennen, die schon so lange auf die gleiche Weise durchgeführt wurden, obwohl deren Richtigkeit von Außenstehenden schon immer angezweifelt wurde. Und nun kam der neue Heimleiter und redete über Sachen, die man wirklich nicht hören wollte. Wen interessierte es, warum die Kinder immer wieder in die Nachtschränke einritzten „Nie wieder Groß Vitzeldorff!“. Das hatten die doch schon immer gemacht. Und das würden die immer weiter so machen. Die waren einfach undankbar!  Doch er erwähnte das nur kurz, kritisierte niemanden persönlich und teilte einfach allen in kurzen Worten mit, welche neuen Anweisungen er hiermit gab. Das hatte es noch nie gegeben!

Es waren nicht viele Dinge, die ab sofort geändert wurden, aber sie hatten es in sich. Er sagte:

„Zum ersten steht es außer Frage, dass Erzieherinnen ausschließlich“ er machte eine kurze Pause und sah in die Runde, „ für die Betreuung der Kinder zur Verfügung stehen.

Zweitens ist jeglicher militärische Drill hier im Hause fehl am Platz. Wir gehören zum Gesundheitswesen, nicht zur GST[i] oder NVA. Die Kinder sind hier zur Erholung und nicht zur vormilitärischen Ausbildung. “

Bei diesen Worten wechselte Fräulein Neubert die Farbe. Fräulein Lindemann war weniger schockiert, da sie sowieso fortgehen wollte. Gabi Voigtländer aber machte zwar äußerlich ein ernstes Gesicht, um nicht aufzufallen, im Innern jedoch hätte sie laut auflachen können und dachte bei sich, endlich mal ein vernünftiges Wort hier. Genau das waren immer ihre Gedanken gewesen, wenn sie den Anweisungen folgen musste, die sie von Anfang an angewidert hatten.

„Drittens wird sofort eine zweite Nachtwache eingestellt und der Nachtdienst stets von zwei Personen durchgeführt. Im Personalschlüssel einer Einrichtung wie dieser mit 150 Kindern Belegung sind 19 VBE[ii] für pädagogisches Personal vorgesehen. Wir haben hier derzeit nur 14. Warum eigentlich?  Der jetzige Zustand ist unhaltbar.

Die Notbeleuchtung wird sofort instandgesetzt und so schnell wie möglich ist im Nachtwachenzimmer ein Telefon zu installieren. Ich mag mir lieber nicht vorstellen, was passieren könnte, wenn die Kollegin, die Nachtwache hat oder eines der Kinder auch nur den kleinsten Unfall hätte, wenn sie sich in dem stockdunklen Haus bewegen. Ein Wunder, dass bisher nichts vorgefallen ist. Wissen Sie, wen man im Ernstfall vor Gericht verantwortlich machen würde?“

Er machte eine Pause und sah in völlig verwunderte, ratlose Gesichter. Wer sollte verantwortlich sein? Sie doch wohl nicht!

„In erster Linie natürlich die Heimleitung“, fuhr er fort, „aber auch die Kollegen, die jeweils im Dienst sind! Sie sind alle mitverantwortlich!“

Jetzt entstand ein leises Gemurmel, denn was er da erzählte, das war ja kaum zu glauben. Sie sollten verantwortlich sein? Sie waren doch nie gefragt worden, ob sie ein Telefon brauchten. Einzig Gabi Voigtländer hatte, als sie ihre erste Nachtwache antrat, auf beides hingewiesen, die absolute Dunkelheit im Haus und das Fehlen des Telefons, und war dafür wie üblich von allen belächelt worden. Ja, die hatte immer so eigenartige Ideen!

„Außerdem ist Nachtarbeit ab sofort als Arbeitszeit zu werten.“

Die Erzieherinnen sahen sich gegenseitig an, das wäre allerdings sehr vorteilhaft!

„Viertens wird sich an allen Arbeitsplätzen strikt an das Alkoholverbot während der Arbeitszeit gehalten.“

Automatisch sahen etliche zum Kraftfahrer Herbert Dreier und zu Paula Kowalski. Die Heizer machten sich nichts daraus, in ihr Heizhaus verirrte sich nie einer. Dort machten sie, was sie wollten.

„ Ab sofort gehen die Kinder der Gruppen 1 bis 4 morgens und abends  selbstständig in die Wasch- und Duschräume und wieder zurück in den Gruppenbereich.Mindestens zwei Mal pro Woche werden Exkursionen,  Spielnachmittage oder Feste für alle mit den Kindern gemeinsam vorbereitet. Wir haben die Möglichkeit, Busse  für jeweils zwei bis drei Gruppen zu bezahlen.  Nutzen wir unsere Möglichkeiten! „

Wieder sah er in verdutzte Gesichter,  die meisten krampfhaft überlegend, was das für sie persönlich bedeutete.

Herr Kahl war vor allem wütend, weil er das in Gefahr sah, was ihm am wichtigsten war: seine unumschränkte Machtposition im Hause. Dafür hatte er so viele Jahre hart gearbeitet! Und nun wurde alles in Zweifel gezogen, was er über die Jahre aufgebaut hatte. Er war es, der stets gegen die Versuche angekämpft hatte, Nachtwache als Arbeitszeit einzustufen. Seiner Meinung nach konnte sich die Erzieherin im Nachtwachenzimmer in aller Ruhe hinlegen und schlafen. Dafür stand ja extra ein Bett in diesem Zimmer! Er war strikt dagegen, jemanden dafür zu bezahlen, dass er schlief. Die Kinder hatten in der Nacht gefälligst auch zu schlafen und nicht zu stören. Es war üblich, dass eine Viertelstunde Arbeitszeit bezahlt wurde, wenn es ein Kind gab, das nachts geweckt und zur Toilette geführt werden musste. Das war mehr als genug, fünf Minuten hätten auch gereicht. Danach konnte die Kollegin doch sofort weiter schlafen, meinte er. Er selbst hatte seit mehr als fünfzehn Jahren keine einzige Nachtwache übernommen.

 Noch schlimmer war jedoch die Sache mit der Disziplinlosigkeit, die jetzt hier herrschen würde und die er abgrundtief verabscheute. Er half jederzeit gern, und manchmal hatte er sogar Verständnis für ein Kind oder einen Angestellten, doch oberstes Prinzip war immer der unbedingte Gehorsam. Sein einziger Trost war, dass es nicht für lange Zeit so sein würde. Danach würde er schon wieder für Ordnung sorgen!  Er hatte immer noch die leise Hoffnung, selbst Heimleiter zu werden.

Die Wirtschaftsleiterin wäre am liebsten auf und davon gelaufen.  Wenn sie nur daran dachte,  sich mit Berta Altmann auseinander setzen zu müssen!  Die würde sofort die Apfelsinengeschichte hervorkramen und an die große Glocke hängen.

Hannelore Oscynski war zwar überrascht, dass er so schnell vorpreschte, doch sie begriff als eine der ersten, dass die Stellung der Erzieherinnen im Haus soeben gewaltig an Bedeutung gewonnen hatte.  Damit würden sich unendlich viele Möglichkeiten eröffnen. Sie hatte sich den Gegebenheiten hier angepasst,  weil sie einen klaren Verstand hatte und ehrgeizig war. Doch die Starre der Vorschriften hinderte sie daran, so zu arbeiten, wie es ihrem resoluten Wesen und ihrer arbeitsamen Art entsprach. Sie hätte gern viel mehr mit den Kindern unternommen und Abwechslung in den Alltag gebracht.

Fräulein Neubert rechnete im Stillen. Bald würde sie sowieso für längere Zeit ausfallen, das passte ja ausgezeichnet.

„Ein jeder von Ihnen hat jetzt die Möglichkeit, seine Meinung dazu zu äußern.“

Nach einem kurzen Moment der Stille meldete sich Mutti Wendtland.

„Ich habe zwar keine Ahnung von Pädagogik,  aber ich bin für alles,  was gut für die Kinder ist. Ich würde es schön finden,  wenn sie später gerne an die Zeit bei uns zurückdenken.“

Berta Altmann verzog das Gesicht. Das dummgute Gesülze hätte die sich sparen können! Die konnte gut reden! Für die würde sich ja nichts ändern!

Zur allgemeinen Überraschung meldete sich Irene Kniehase. „Ich habe schon seit längerer Zeit um Versetzung in die Servierküche gebeten.“ Jeder dachte, sie würde jetzt um sofortige Versetzung bitten. Doch es kam ganz anders.“Unter den neuen Voraussetzungen möchte ich vorerst dann doch bei den Erziehern bleiben.“

Kahl war entsetzt.  So schnell fielen ihm hier die langjährigen Kollegen in den Rücken? Damit sagte sie ja praktisch, dass er Schuld an ihrem Versagen hätte! Das würde er sich gut merken für die Zeit danach, wenn hier wieder alles in ruhigen, geordneten Bahnen verlief. Das hier war doch Wahnsinn! 

Ermutigt durch das Beispiel ihrer Kollegen,  meldete sich jetzt Valeska. „Ich finde es gut. Wir geben uns viel Mühe in der Küche.  Alle sagen,  unser Essen ist sehr gut.  Aber die Kinder können nicht in Ruhe essen.  Ich habe oft in der Servierküche ausgeholfen und habe das jedes Mal gesehen und gehört. „

Michael war überrascht, gleich zu Beginn so viel Zustimmung zu erhalten. Es war ihm jedoch klar,  dass sich seine Widersacher hier in der Mehrzahl befanden und nur nicht den Mut hatten, öffentlich ihre Meinung zu sagen. Im Moment war er nun mal der Chef hier. Er kannte fast alle von damals vor fünf Jahren.  Neu hinzugekommen waren nur wenige. Der einzige Grund dafür, dass er damals nicht sofort Änderungen angewiesen hatte, war die Tatsache,  dass er keine Erfahrung als Leiter einer Kinderkureinrichtung hatte. Wenn er nun rigoros Änderungen durchsetzte und dann ging es schief? So hatte er damals gedacht.  Alle betonten ja ständig, wie viel Erfahrung man hier hatte. Nicht umsonst wurden jedes Jahr Herr Kahl und eine der Erzieherinnen nach Jugoslawien oder Zypern geschickt. Dort befanden sich die zwei einzigen Kinderkurheime der DDR im Ausland. Das war eine der höchsten Auszeichnungen, die es gab! Dann konnte es doch nicht so falsch sein,  was sie hier machten, hatte er damals gedacht.

Jetzt war das anders. In den letzten fünf Jahren hatte er hart gearbeitet und unendlich viel dazugelernt. In dem Kinderkurheim an der Ostsee,  das ebenfalls den Namen “ Heitere Aussicht“ trug, hatte er gleich von Beginn an die Umsetzung seiner Ideen mit viel Geduld und Beharrlichkeit betrieben und sehr viel erreicht.

 Nach fünf Jahren als Heimleiter war er es gewohnt,  Anordnungen zu treffen, die einzuhalten waren. Macht bedeutete ihm nichts. Er ordnete an, was er für richtig hielt, damit sich die Kinder wohl fühlten und später eine gute Erinnerung an die Zeit in seinem Kurheim hatten. Insofern dachte er so wie Mutti Wendtland. Manchen Kindern wurde daheim im Alltag Unerträgliches zugemutet. Das hatte er bereits in den zwei Jahren erfahren, in denen er gleich nach dem Studium als Lehrer gearbeitet hatte. Ein Mädchen in der zweiten Klasse, das von seinem Vater mit dem Handfeger verprügelt wurde, weil es nicht gut lesen konnte und grün und blau geschlagen zur Schule kam. Ein anderes zehnjähriges Mädchen,  das nach dem Tod der Mutter vier jüngere Geschwister und den Haushalt versorgen musste, weil der Vater rollende Woche hatte und völlig überfordert war, obwohl er sich die größte Mühe gab. An manch andere Dinge,  die noch viel schlimmer waren, mochte selbst er als Erwachsener nicht einmal denken.  Viele Kinder jedoch mussten diese Dinge Tag für Tag aushalten.  Und wenn sie dann in bester Absicht für vier Wochen zur Kur geschickt wurden, sollten sie nicht neue schreckliche Erfahrungen machen,  indem sie militärischem Drill und mitleidlosen Erziehern ausgesetzt waren.

Schließlich meldete sich Herr Kahl zu Wort. Er musste sich jetzt äußern. Anderenfalls hätte sein Ansehen zu sehr gelitten. Immer hatte er das letzte Wort gehabt.  „Wir alle wissen“, dabei stand er auf und wandte sich der Allgemeinheit zu, „dass das Wohl des Kindes schon immer im Mittelpunkt all unserer Bemühungen stand. Neuen Ideen gegenüber waren wir immer aufgeschlossen.  Ich bin sicher,  dass wir einen gemeinsamen Weg finden werden, um weiterhin zu den Kinderkureinrichtungen zu gehören, die ihre Aufgaben vorbildlich erfüllen.“ sagte er mit Unschuldsmiene. Er hörte sich in diesem Moment an wie Erich Honecker auf einem Parteitag der SED.

„Da bin ich mir sicher“,  sagte der junge Heimleiter zustimmend. Ihm lag überhaupt nichts daran, Kahl bloßzustellen. Er wollte einzig und allein den Kuralltag so gestalten, dass die Kinder erholter nach Hause fuhren, als sie hergekommen waren.

„Gibt es noch weitere Wortmeldungen?“

Er wartete eine Weile und sah die Kollegen an.

Hannelore Oscynski sah aus, als ob sie scharf nachdachte.  Die Reinigungskräfte wichen seinem Blick aus. Fräulein Neubert starrte vor sich auf den Boden. Gabi Voigtländer sah zu ihr und amüsierte sich im Stillen.

„Wenn es keine Fragen Ihrerseits gibt, dann können wir unsere Belegschaftsversammlung jetzt beenden. Die Erzieherinnen bitte ich noch hier zu bleiben. Und den Kollegen Kahl natürlich.“ Der Kollege Kahl kochte innerlich vor Wut, weil jetzt 150 Kinder mit den zwei Frauen von der Plättstube kreuzbrav im Kinosaal saßen und mucksmäuschenstill den Film ansahen, obwohl sie nicht angeschrien wurden. Das gab es doch sonst nicht!

Nachdem alle anderen den großen Speisesaal verlassen hatten,  sagte Herr Franke: „Wir haben noch eine Stunde Zeit, bis die Filmvorführung endet. Planen wir also gemeinsam die zwei Veranstaltungen dieser Woche!“

Fräulein Neubert musste sich sehr zusammenreißen, um nicht aufzustöhnen bei dieser Zumutung.  Ebenso ihre Freundin Sigrid Lindemann. Irene Kniehase war dagegen neugierig, was jetzt kommen würde.

Hannelore Oscynski war die erste, die einen Vorschlag brachte.  „Wir könnten mit einem Bus nach Berlin fahren und zum Beispiel den Fernsehturm besichtigen. Oder den Tierpark.  Im Sommer könnten wir vielleicht auch einen Tag an der Ostsee verbringen.“

Alle schauten jetzt gespannt zu Herrn Franke.  Er hatte schon damit gerechnet, dass die ersten Vorschläge von Fräulein Oscynski kommen würden. 

Er fragte Gabi Voigtländer: „Sie haben doch bestimmt auch die ein oder andere Idee?“

„Ja, jede Menge!  An Ideen wird es bestimmt nicht fehlen.  Wir brauchen nur die Kinder zu fragen.“ 

Das war die Antwort,  auf die er gehofft hatte.

Es wurde beschlossen, dass in der kommenden Woche die Gruppen 1 und 2 mit einem Sonderbus nach Berlin fuhren. Die beiden Vorschulgruppen würden am nächsten Sonntag in die Kindervorstellung im Großenauer Kino um 10 Uhr gehen. Auch dafür organisierte der Heimleiter einen Bus. Außerdem wollte er Verbindung mit den Schulen der Umgebung aufnehmen und versuchen, sich an den dortigen Veranstaltungen für die Kinder zu beteiligen. Zum Beispiel an Faschingsfeiern, die müssten ja diesen Monat stattfinden. Vielleicht könnte man gemeinsam Faschingskostüme herstellen. Oder man könnte Schulklassen hierher einladen und einen Tag gemeinsam verbringen. Es gab so unendlich viele Möglichkeiten! Man musste sie nur nutzen.

Am Abend saßen  Neubert und Sigrid Lindemann zusammen in ihrem Zimmer im Ledigenwohnheim. Von der Gemeinschaftsküche war lautes Lachen zu hören.  Dort saßen Marina, Karla, Diana, Gabi, Harald Singer, Günter Döring und Tamara Rothe mit dem Chef zusammen. 

„Wenn der erst wieder weg ist,  wird denen das Lachen schon vergehen.  Mit den rotzfrechen Gören nach Berlin! Da blamiert man sich doch. Lieber Betten beziehen als mit denen durch die Gegend ziehen! „,  sagte Ines.  „Ich darf gar nicht daran denken!  WIR sollen die Gören fragen,  was sie machen wollen! So was Idiotisches!  Dann tanzen die uns nur noch auf der Nase herum. Zwei Nachtwachen! Die wird man dann auch brauchen!  Dann halten die blöden Gören ihre Fresse überhaupt nicht mehr!“

„Ich hab die Nase voll, am liebsten würde ich sofort woanders anfangen.“, stimmte Sigrid zu. „Für immer will ich sowieso nicht hier in dem Kaff bleiben.“

„Gespannt bin ich ja, ob er das mit dem Alkohol während der Arbeitszeit auch ernst gemeint hat. Da müsste ja Herbert Dreier sofort entlassen werden, und Marina auch.  Bei der Kowalski lohnt es sich nicht mehr,  die geht in vier Wochen sowieso. Den Dreier müssten sie endlich mal erwischen!  Ein Wunder, dass noch nichts passiert ist.“

In der Gemeinschaftsküche kochte Karla einen großen Topf Spaghetti. Marina schnitt Jagdwurst klein. Das Gespräch drehte sich um ganz andere Dinge, als Ines und Sigrid dachten.  Sie sprachen darüber,  wie schwer es war, ohne Zwiebeln gute Bouletten  hinzukriegen.  Denn es gab seit Monaten keine Zwiebeln.  Gabi Voigtländer,  die bis vor sechs Monaten in Eisenhüttenstadt gewohnt hatte, war erstaunt gewesen,  als sie hier zum ersten Mal in den Dorfkonsum ging. An ihrem ersten Freitag sah sie die Schnitzel und Bockwürste dort unter der Glastheke liegen, wagte aber nicht, mehr als ein Schnitzel zu verlangen.  Elvira Bierhals hatte unwirsch gefragt: „Was wollen Sie denn mit einem Schnitzel in der Pfanne?  Das fürchtet sich ja!“

„Kann ich denn zwei bekommen?  Ich bin doch alleinstehend.“

„Das hat doch damit nichts zu tun“,  entgegnete die Verkäuferin,  „aber das nächste Mal müssen Sie montags bestellen.  Dann können Sie so viel kriegen, wie Sie wollen.“

Das waren ja paradiesische Zustände hier! Weiter im Süden der Republik gab es Fleisch nur auf Zuteilung.  Nicht offiziell natürlich,  aber die Lieferungen waren so mager, dass man das Fleisch zuteilen musste, damit jeder wenigstens einmal in der Woche etwas bekam.

Genauso war es mit Kondensmilch,  Senf,  Makkaroni und vielen anderen Dingen.  Von Tomatenketchup ganz zu schweigen!  Das war allerdings auch hier nicht immer im Regal.

Doch heute hatten sie eine Flasche ergattert und Marina kochte eine richtig gute Tomatensauce.  Spaghetti mit Jagdwurst und Tomatensauce, das aßen alle gern.

„Weiß einer,  wann Hanne aus dem Krankenhaus kommt?“,  fragte Günter, der heute noch ganz nüchtern war.

„Das dauert noch!“,  sagte Marina.  „Am Sonntag hat sie gesagt,  dass es mindestens noch zwei Monate dauert.  Und dann braucht sie noch mal eine ganze Weile,  bis sie wieder richtig gehen kann.“

Dann fragte jemand,  wann denn der Reservist auf Urlaub käme.  „Keine Ahnung“,  sagte Tamara „das erfahren die dort so kurzfristig,  dass sie es nicht mehr schreiben können. Es ist ja alles so geheim!“

„Ist er wieder an der Westgrenze?“, fragte Günter.

Sie lachte.“ Das ist auch geheim! Aber  klar, er ist wieder dort. Einen Monat hat er schon weg.“

„Wann musst du eigentlich zur Fahne?“,  fragte Marina, an Harald gewandt.

Er lachte. „Na gar nicht! Mit mir wollen die nichts zu tun haben! Ich war doch im Jugendwerkhof.“ 

„Und deshalb brauchst du nicht zur Fahne?“

„Oder weil drei Brüder von mir schon gedient haben.  Weiß ich auch nicht so genau.  Jedenfalls musste ich nie zur Musterung.“

„Da hast du aber Glück“,  sagte Tamara nachdenklich, „und deine zukünftige Frau auch.“

Günter kam mit einer anderen Neuigkeit: „Nun fällt ja die Neubert bald aus.“

„Will sie aufhören, weil sie jetzt nicht mehr so wie auf dem Kasernenhof herumschreien kann?“, fragte Marina.

„Nee, die ist doch schwanger von Jugoslawien“, sagte Günter. 

Das war allerdings neu. Michael musste lachen bei der Vorstellung, dass sie schwanger von ganz Jugoslawien war.

Da würde sie wirklich bald ausfallen! Sie war als Auszeichnung für vorbildliche Arbeit mit Kahl in das Kinderkurheim in Veli Lošinj  geschickt worden. Das war im September gewesen. Dann musste sie ja jetzt schon im vierten oder fünften Monat sein, rechnete er im Stillen nach. Man brauchte wirklich dringend drei neue Erzieherinnen, besser vier oder fünf. Zwei Bewerbungen lagen vor, eine konnte sofort hier anfangen, die andere frühestens Mitte Juli. Da wäre seine Zeit hier aber fast vorbei.

Sie saßen an diesem Abend noch lange zusammen in der Gemeinschaftsküche und redeten. Mit Schrottköter wäre so etwas undenkbar gewesen.


[i] GST – Gesellschaft für Sport und Technik, eine der Massenorganisationen der Nationalen Front in der DDR

[ii] VBE – Vollbeschäftigteneinheit, eine Arbeitskraft mit 43,75 Stunden pro Woche